Alarmsignale aus dem gefährlichsten Land der Erde Reporter Ashwin Raman spricht über seinen Film "Somalia - Land ohne Gesetz" (17.02., ZDF) und den Quotendruck im Auslandsjournalismus

Recherche unter Lebensgefahr: Der Auslandsjournalist Ashwin Raman hat in Somalia gespürt, was das heißt.
15.01.2010, 00:00
Lesedauer: 6 Min
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Von Frank Rauscher

Recherche unter Lebensgefahr: Der Auslandsjournalist Ashwin Raman hat in Somalia gespürt, was das heißt.

Die Arbeit in den Krisenherden dieser Welt ist sein Geschäft. Aber, nein, ein Draufgänger will Ashwin Raman, freier TV-Reporter für ARD und ZDF, keinesfalls sein. "Ich arbeite nach dem Motto: 'Keine Geschichte ist größer als mein Leben", erklärt der renommierte Auslandsjournalist und Preisträger des Rory Peck Awards von CNN. Schon viele Male hat der 1946 in Bombay geborene Familienvater von Brennpunkten in Afghanistan und Irak berichtet, über Hintergründe und Zusammenhänge aufgeklärt, die man so noch nicht gesehen und erkannt hatte. Im Herbst 2009 verschlug es Raman erstmals nach Somalia - was der Vollblutjournalist dort erlebte, ist in der Reportage "Somalia - Land ohne Gesetz" am Mittwoch, 17. Februar, 00.35 Uhr, im ZDF zu sehen - wobei Raman die Hoffnung auf einen besseren Sendeplatz noch nicht aufgegeben hat.

teleschau: Selten liest sich die Ankündigung einer Auslandsreportage so abenteuerlich wie zu Ihrem Film "Somalia - Land ohne Gesetz". Ehrlich gesagt, wird einem angst und bange ...

Ashwin Raman: Ich war in vielen Krisengebieten, aber Somalia ist wirklich das gefährlichste Land der Erde. Ich war vorher noch nie da - und kann Ihnen heute sagen: Wenn man einmal dagewesen ist, geht man so schnell nicht wieder hin. Ich war fast einen Monat vor Ort, und es gab keine Nacht, in der ich richtig schlief. Ständig Schießereien und Gefechtsgeräusche, permanent die Angst, entführt zu werden.

teleschau: Sie reisten alleine?

Raman: Ja, ausgestattet mit kugelsicherer Weste und einer kleinen Videokamera. Ich hatte aber immer vier Leibwächter dabei, wenn ich unterwegs war.

teleschau: Wo begegnete Ihnen die Gefahr?

Raman: Überall. Es begann schon am Flughafen - eigentlich eher eine Hütte. Es gibt nur einen Flug: von Nairobi nach Dschibuti, der in Mogadischu nur einen Zwischenstopp einlegt. Ganz schnell muss man aussteigen, denn es geht gleich wieder weiter. Die Piloten haben Angst, überfallen zu werden. Am Flughafen trauten die Leute ihren Augen kaum, ein Zollbeamter begrüßte mich ungläubig mit den Worten: "Sie sind der einzige zivile Ausländer in Mogadischu."

teleschau: Sind Sie eine Art Abenteuerer?

Raman: Nein, nein. Ich arbeite nach dem Motto: "Keine Geschichte ist größer als mein Leben." Wenn ich von einer konkreten Gefahr weiß, gehe ich ihr aus dem Weg. Den Rest erledigten in diesem Fall meine Leibwächter, die mich, wenn es sein musste, einfach massiv zur Seite stießen oder zu Boden rissen.

teleschau: Es wurde auch auf Sie geschossen?

Raman: Mehrere Male. Das größte Problem in Somalia ist: Wirklich jeder hat eine Waffe. Die kann man dort kaufen wie in Deutschland Christbaumschmuck auf dem Weihnachtsmarkt. Selten sind sie in einem akkuraten Zustand. Man kann irgendwo auf der Straße stehen und eine Kugel abkriegen, die einem gar nicht galt. Es wird immer geschossen. Einmal stand ich im Hof des Hotels, als mich plötzlich der Hotelbesitzer an der Schulter riss und hinter mich blickte. Ich hatte gar nicht mitbekommen, dass gerade eine Kugel an meinem Ohr vorbeiflog und wenige Meter hinter mir in die Wand einschlug ... Aber am gefährlichsten war es beim Filmen auf der Straße. Man sieht ja nur den Bereich im Sucher. Einmal führte ich ein Interview, als aus vorbeifahrenden Autos geschossen wurde. Da muss man ein bisschen Glück haben, um nicht getroffen zu werden.

teleschau: Ihre Basis war das Hotel in Mogadischu. Bewegten Sie sich auch im Land?

Raman: Ja. Ich hatte einen guten Kontaktmann. Durch seine Hilfe konnte ich Interviews mit den Rebellen der militanten islamistischen Bewegung al-Shabaab führen, die nichts anderes ist als Al Kaida und 90 Prozent des Landes kontrolliert. Nur ein kleiner Teil Somalias gehört der sogenannten provisorischen Regierung, die von der UN aufgestellt wurde. Der Film erzählt chronologisch, wie ich von Mogadischu quer durch das al-Shabaab-Gebiet ins Nachbarland Dschibuti fuhr, wo die Amerikaner ihre Basis haben.

teleschau: Halten Sie den Hollywoodkriegsfilm "Black Hawk Down", der das blutige Desaster schildert, das die Amerikaner 1993 in Mogadischu erlebten, für realistisch?

Raman: Absolut. Nach den Erfahrungen von 1993 haben die Amerikaner Angst, in Somalia einzumarschieren. In dem US-Stützpunkt La Monnier in Dschibuti sind rund 2.000 amerikanische Soldaten stationiert. Von hier aus werden US-Soldaten in diversen afrikanischen Ländern eingesetzt, um dort, wie etwa in Uganda, das einheimische Militär auszubilden. Inoffiziell ist dies die dritte Front der Amerikaner, nach Irak und Afghanistan.

teleschau: Was wird der deutsche Zuschauer mit Ihrem Film anfangen können?

Raman: Den Deutschen ist Somalia ein Begriff - es werden sicher Erinnerungen wach an die Flugzeugentführung der "Landshut" nach Mogadischu. Somalia - als ein Inbegriff für Gefahr. Und das wird der Zuschauer in diesem Film bestätigt sehen. Ich habe noch nie so viele tote Menschen in meinem Leben gesehen wie in Somalia. Und Sie müssen sich Mogadischu etwa so vorstellen wie Dresden nach dem Krieg: Nicht ein Gebäude ist ohne Schusslöcher. In diesem Land funktioniert gar nichts - nur das Mobilfunknetz ist seltsamerweise eines der besten, die ich je kennengelernt habe. Sobald irgendwo eine Leiche liegt, bildet sich eine Menschentraube, und die Leute zücken ihre Handys, um sie zu fotografieren. Überall sieht man auch Kinder mit Waffen - auf beiden Seiten. Man kann sich schlicht nicht vorstellen, was dort unten los ist.

teleschau: Derzeit wird eigentlich der Jemen als der kommende Gefahrenherd gehandelt, in dem islamistische Terroristen ausgebildet werden. Wie sieht es in Somalia aus?

Raman: Schlimmer. Anarchie total. Somalia ist ein Staat, der auch international als gescheitert gilt - ein failed State. Jemen dagegen hat eine zentrale Regierung und ein starkes Militär. In Somalia ist gar nichts. Extremisten können sich bewegen, wie sie wollen - ein großer Freiraum für islamische Terroristen, die aus aller Herren Länder einreisen und mit gleich Gesinnten ungestört trainieren können. Die Regierungstruppen sind gerade einmal 4.000 bis 4.500 Mann stark - das heißt: Die al-Shabaab greift die Regierungstruppen an und nicht umgekehrt. In Deutschland steht Somalia vor allem für die Gefährdung durch Piraterie. Aber das ist nur ein Bruchteil der Gefahr.

teleschau: Haben Sie eine vage Idee, was zu tun ist, um etwas zu ändern?

Raman: Die internationale Gemeinde hat Somalia einfach vergessen. Absichtlich, weil sich keiner einmischen will - selbst die Amis haben Angst. Und sogar das World Food Programme hat das Land verlassen. Das Volk wurde also einfach im Stich gelassen. Es bräuchte mehr Solidarität. Und mehr Druck auf internationaler Ebene.

teleschau: Ist es nicht frustrierend, wenn man vier Wochen unter ständiger Lebensgefahr dreht, und am Ende kommen nur 45 Minuten fürs späte Nachtprogramm heraus?

Raman: Absolut. Ich habe mich auch sehr empört und den Verantwortlichen die Frage gestellt: "Und dafür habe ich mein Leben aufs Spiel gesetzt?" Aber ich habe noch Hoffnung auf einen besseren Sendeplatz. Elmar Theveßen (Leiter der ZDF-Hauptredaktion "Aktuelles", Stellvertretender Chefredakteur des ZDF und Terrorismusexperte des Senders, d. Red.), den ich für einen sehr guten Journalisten halte, zeigte sich für meine Argumente aufgeschlossen. Die Sendeplätze für solche Filme sind nun einmal sehr hart umkämpft im ZDF, denn es gibt nicht, wie bei der ARD die Möglichkeit, die Erstausstrahlungen auch auf die Dritten Programme zu verteilen. Leider haben in unserer Gesellschaft leichtere Programme bessere Chancen als so ein Film über Somalia.

teleschau: Zynisch könnte man sagen, dass dies nach einem in Somalia vorbereiteten Terroranschlag wohl anders aussehen würde.

Raman: Ja, aber auch nur dann, wenn es deutsche Opfer gibt. Das öffentlich-rechtliche Fernsehen in Deutschland ist nicht die BBC, der die Quote egal ist und deren Agenda lautet, die Leute zu informieren.

teleschau: Sie spielen darauf an, dass das Quotendiktat auch die Auslandsberichterstattung von ARD und ZDF ein bisschen verändert hat?

Raman: Nicht ein bisschen. Sehr! Am 18. November lief im SWR mein Film über die Terroranschläge von Mumbai. Mein Pech, dass parallel das Fußballländerspiel Deutschland gegen Elfenbeinküste, das Spiel nach Enkes Selbstmord, übertragen wurde. Es war einer meiner besten Filme, finde ich, aber die Quoten waren verständlicherweise nicht gut. Die Folge: Wenn ich nun das Thema Indien als Thema vorschlage, wird das niedergeschmettert ... So läuft das.

teleschau: Was läuft falsch?

Raman: Es gibt zu wenige Journalisten und zu viele Medienverwalter in den Redaktionen, da müsste man ein bisschen umstrukturieren. Wie sieht denn unsere Afghanistanberichterstattung aus? Das ist Bundeswehr-Hofberichterstattung. Leider. Ich habe mich schon oft dagegen gewehrt, aber wer bin ich denn? Ein König für einen Tag - wenn ein Film gut ist und gut läuft. Am nächsten Tag muss ich wieder in der Schlange stehen mit meinem Exposé und darauf hoffen, dass der Redakteur etwas mit den ersten beiden Sätzen anfangen kann - mehr wird in der Regel sowieso nicht gelesen.

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