Sprichst du Telenovela?

Sechs Jahre TV-Groschenroman in Deutschland

Mit "Hanna - Folge deinem Herzen" (ZDF) startet am 25. Februar mal wieder eine neue Telenovela im deutschen Fernsehen. Eine kleine Übersicht über Tops und Flops des Genres.
15.01.2010, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Eric Leimann

Mit "Hanna - Folge deinem Herzen" (ZDF) startet am 25. Februar mal wieder eine neue Telenovela im deutschen Fernsehen. Eine kleine Übersicht über Tops und Flops des Genres.

Es geht um vorgetäuschte Schwangerschaften oder Gehirntumore, um verliebte Geschwister, die am Ende doch keine sind und um tote Verwandte, die plötzlich unerwartet lebendig im Türrahmen stehen. Die Rede ist nicht von einem labyrinthischen Filmalbtraum des Regisseurs David Lynch, sondern von Telenovelas. Eigentlich geht es in den TV-Groschenromanen, deren Idee aus Südamerika stammt, um relativ simple Handlungsmuster. In der Regel um eine junge Frau, die neu anfängt, etwas erreichen will und sich auf hürdenhafte Weise verliebt. Nur in der kondensierten Form über, sagen wir: einige hundert oder gar tausend Folgen, wirkt die nacherzählte Handlung, vorsichtig ausgedrückt, etwas überdreht. Ein Blick zurück auf sechs Jahre Telenovela-Wahnsinn in Deutschland erinnert an Quotenhits, aber auch an desaströse Flops.

Nein, "schuld" waren diesmal nicht die Privaten. Am 1. November 2004 lief mit "Bianca - Wege zum Glück" die erste deutsche Telenovela im Nachmittagsprogramm des ZDF. Darin ging es um eine unschuldig verurteilte Brandstifterin und Vatermörderin (Tanja Wedhorn), die nach ihrer Entlassung einen Neuanfang in Sachen Leben und Liebe sucht. Selbstredend war auch die wahre Schuldige nicht fern, denn jede Telenovela braucht ihren bösen Antagonisten.

"Bianca" war mit durchschnittlich zwei Millionen Zuschauern und einem Marktanteil von gut 16 Prozent für das Zweite ein Erfolg aus dem Stand heraus. Unter anderem wurde "Bianca" sowohl in den USA als auch in Russland nachproduziert. Doch was ist so aufregend an Telenovelas im Gegensatz zu den bereits länger etablierten Daily Soaps? Neben der Tatsache, dass der "Fernsehroman" aus Lateinamerika stammt und die "Daily Soap" angloamerikanischen Ursprungs ist, soll Erstere eine abgeschlossene Geschichte erzählen, die sich um das Schicksal einer Hauptdarstellerin rankt. Bei den Dailys geht es hingegen immer um ein größeres Ensemble, bei dem sich unterschiedliche Figuren in den Vordergrund spielen.

Doch mit der Trennschärfe nehmen es die produzierenden Sender nicht so genau. Sofern der Quotenerfolg dies nahelegt, werden Telenovelas schon mal - meist mit neuen Protagonisten - ins Unendliche verlängert. Aus seinem Auftakterfolg machte das ZDF vier weitere Staffeln "Wege zum Glück", mit neuem Personal. Der Erfolg ließ erst gegen Ende nach, weswegen der Sender 2008 mit "Alisa - Folge deinem Herzen" ein frisches Geschichtennetz mit neuem Handlungsort (Harz) und veränderten Grundkoordinaten aufspannte. Weil die Telenovela mit Theresa Scholze in der Hauptrolle die Quotenerwartungen allerdings verfehlte, findet im Februar 2010 der fliegende Wechsel zum Nachfolgeprodukt "Hanna - Folge deinem Herzen" statt.

Dabei geht das ZDF nach einem bewährten Telenovela-Rezept vor: Ab 3. Februar werden nach und nach die Hauptfiguren von "Hanna" eingeführt, die Titelrolle spielt Luise Bähr. Am 25. Februar sind die Umstrukturierungsmaßnahmen am fiktiven Handlungsort Schönroda dann abgeschlossen. Ab dann heißt es offiziell täglich um 16.15 Uhr im ZDF "Hanna - Folge deinem Herzen". Ob der Facelift die guten alten Quotentage von "Wege zum Glück" zurückbringt, bleibt fraglich.

Als beachtlich krisenresistent erwiesen sich dagegen die Telenovelas der öffentlich-rechtlichen Konkurrenz - "Sturm der Liebe" und "Rote Rosen". Die beiden Nachmittagsformate der ARD werden seit September 2005 ("Sturm der Liebe") und November 2006 ("Rote Rosen") mit bärenstarken Quoten ausgestrahlt. Von "Rote Rosen", das als erste Telenovela eine reifere Frau ins Zentrum stellte, sind mittlerweile 1.000 Folgen bestellt. "Sturm der Liebe" kommt bislang sogar auf mindestens 1.270 Folgen. Die ARD feiert die 1.000. Folge der Erfolgsserieam 26.01. mit viel Tantam: Für ein kurzes Gastspiel kehren sogar die längst verabschiedeten Henriette Richter-Röhl und Lorenzo Patané in den "Fürstenhof" zurück.

Doch auch die Privaten hatten in der zweiten Hälfte der Nullerjahre ihre Erfolge mit Telenovelas. Am meisten von sich reden machte das Format "Verliebt in Berlin" (von 2005 bis 2007 auf SAT.1.), dessen Hauptdarstellerin Alexandra Neldel - wie zuvor Tanja Wedhorn - zum Star wurde. Ihre Rollen-Hochzeit als ehemaliges hässliches Entlein Lisa Plenske sahen im Spätsommer 2006 über sieben Millionen Zuschauer. Mit Marktanteilen an die 40 Prozent (in der Zielgruppe 14 bis 49 Jahre) schaffte es die sogar mit dem Deutschen Fernsehpreis ausgezeichnete Serie zur deutschen Telenovela mit dem bislang größten Kultfaktor. Nach dem Ausstieg von Hauptdarstellerin Neldel erfuhr "Verliebt in Berlin" jedoch einen beispiellosen Niedergang. Weder der zweimalige Austausch der Hauptdarstellerin noch der Launch des Nachfolgeformates "Schmetterlinge im Bauch" konnte auch nur entfernt an selige Lisa-Tage anknüpfen.

Immerhin rang sich der krisengeschüttelte Sender SAT.1 dazu durch, an seiner aktuellen Telenovela "Anna und die Liebe" (seit 2008) festzuhalten, trotz anfangs mieser Quoten. Mittlerweile hat sich das Format mit Jeanette Biedermann in der Hauptrolle erholt und fährt gute Werte ein. Die Hauptdarstellerin freilich will sich 2010 vorerst aus der Serie verabschieden, um als Musikerin auf Tour zu gehen. Auch wenn der Wechsel einer Hauptfigur immer einen kritischen Faktor darstellt, ein ehernes Erfolgsrezept für Telenovelas gibt es bislang ohnehin nicht.

So scheiterten bereits auf sämtlichen Sendern Formate, die auf dem Papier anderen, erfolgreichen Telenovelas täuschend ähnlich sahen. Wer erinnert sich schon noch an den ProSieben-Superflop "Lotta in Love", dessen letzte Folgen morgens um 5 Uhr ausgestrahlt wurden. Auch ARD und ZDF scheiterten mit "Sophie - Braut wider Willen (2005 bis 2006 im Ersten, 65 Folgen), "Das Geheimnis meines Vaters" (2006 im Ersten, 49 Folgen) oder "Tessa - Leben für die Liebe" (2006 im ZDF, 125 Folgen). Der ganz große Telenovela-Goldrausch in Deutschland scheint seitdem beendet - auch wenn nach wie vor erfolgreiche Formate existieren. Irgendwie tröstlich, dass selbst Reißbrett-Formate der extremen Art letztendlich in Sachen Erfolg überraschend unberechenbar bleiben.

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