ARTE macht Alarm im Netz Seit Jahresbeginn ist Florian Hager beim Kulturkanal als Direktor für Neue Medien im Amt

Die Zukunft des Fernsehens findet im Internet statt: ARTE baut seine umfangreichen Online-Aktivitäten weiter aus - und schafft dafür sogar einen neuen Posten.
21.01.2011, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Anna Julia Höhr

Die Zukunft des Fernsehens findet im Internet statt: ARTE baut seine umfangreichen Online-Aktivitäten weiter aus - und schafft dafür sogar einen neuen Posten.

In Sachen Crossmedia macht ARTE so schnell keiner etwas vor: Der deutsch-französische Kulturkanal steckt viel Entwicklungsarbeit ins Web und hat seit Jahresbeginn erstmals einen Direktor für Neue Medien - Florian Hager soll die positiven Entwicklungen im Netz weiter vorantreiben. Der 34-Jährige hat sich einiges vorgenommen: Er möchte die Chancen, die das Internet einem Fernsehsender bietet, optimal ausnutzen. Zwar kann er sich über den Status Quo keinesfalls beschweren - ARTE ist mit seiner Mediathek "ARTE+7", der Event-Plattform "ARTE Live Web", der iPhone-App und der YouTube-Kooperation bereits bestens aufgestellt. Doch Florian Hager steckt voller Ideen und sagt: "Die Anfänge sind gemacht, aber es ist noch ein riesiges Potenzial vorhanden." Potenzial, das der studierte Medientechniker ausschöpfen möchte.

Zum Beispiel im Bereich der sozialen Netzwerke. Bei Facebook hat die Marke ARTE aktuell weit über 200.000 Fans, täglich kommen neue Freunde hinzu. Zum Vergleich: Das Erste steht bei 10.600 Fans, RTL bei etwa 30.260 - ARTE ist der Konkurrenz bei Facebook eindrucksvoll überlegen. "Wir profitieren natürlich davon, dass es sexy ist, ARTE toll zu finden", sagt Florian Hager und stellt fest: "Das ist ja unser generelles Problem: Alle finden ARTE toll, aber keiner schaut's."

Doch genau in diesem Punkt soll das Internet hilfreich sein: "Wir müssen schauen, dass wir unsere Inhalte dahin bringen, wo die Leute sind", so der Fachmann, der nach seinem Studium an der Medienhochschule Stuttgart Publizistik- und Filmwissenschaft an der Universität Mainz und an der Sorbonne in Paris studierte. Ein Netzwerk wie Facebook bietet für ihn die optimale Gelegenheit, die vielen Anhänger des Senders einzubeziehen und für die Inhalte zu gewinnen. Mit einer klassischen Werbeoffensive funktioniert das laut Hager allerdings nicht. Vielmehr möchte der neue Multimedia-Chef die Internet-Marketing-Strategie des Senders ändern: "Wir dürfen nicht nur darüber reden, wie toll wir sind, sondern müssen unsere Inhalte für uns sprechen lassen."

Im Klartext heißt das: Das Bewegtbild-Angebot des Senders soll zunehmend auch auf Drittplattformen verbreitet werden. Steht bei ARTE beispielsweise eine Dokumentation über Genmais im Programm, könnte diese, nach Klärung der notwendigen Rechte, verschiedenen Umweltorganisationen zur Verfügung gestellt werden. "Dann können die Organisationen unsere Inhalte auf ihre Seite stellen", erklärt Hager. Seit November ist die Mediathek "ARTE+7" zudem in Frankreich auch auf YouTube verfügbar: "Der Kern unseres Engagements liegt im Bereich der Bewegtbilder. Sie gilt es, unter die Leute zu bringen. Ob bei Facebook oder bei YouTube - wir müssen überall präsent sein."

Die Aufmerksamkeit, die der Sender dem Internet widmet, kommt nicht von ungefähr - ARTE profitiert bei seiner Online-Entwicklung vom französischen Einfluss. "In Frankreich bekommen die öffentlich-rechtlichen Fernsehsender ihr Geld auch, um im Internet Alarm zu machen - in Deutschland sind wir so weit noch lange nicht", erklärt Florian Hager. Also ist es vor allem die französische Senderseite, die sich den eigenen Internetinhalten widmet: "Wir produzieren Webdokumentationen und Webfiktionen eigens fürs Netz - das soll in Zukunft weiter ausgebaut und auch in Deutschland bekannt gemacht werden." Schon jetzt sind auf der Homepage des Senders immer wieder Bonusangebote zu finden, die ergänzend zum Programm platziert werden. "Zur 'La Traviata'-Aufführung gab es ein Special, in dem ein Produktionsteam hinter die Kulissen blickte", nennt Hager ein Beispiel. Die Mühen haben sich gelohnt: Die Nutzungszahlen gingen im vergangenen Jahr deutlich nach oben.

Die Anzahl der Abrufe stieg im Vergleich zu 2009 um starke 30 Prozent. Im Durchschnitt verzeichnet www.arte.tv derzeit 4,25 Millionen Visits pro Monat. "Wir befinden uns damit im guten Mittelfeld. Für den Marktanteil, den wir im Fernsehbereich haben, ist das ein wirklich sehr gutes Ergebnis", freut sich Florian Hager. Er ist überzeugt, dass das Online-Angebot auch von den Leuten genutzt wird, die das Fernsehprogramm schauen. "Wir haben bisher zwar noch nie prüfen lassen, wie alt die Nutzer sind, aber ich gehe nicht davon aus, dass sie wesentlich jünger sind als unsere durchschnittlichen Zuschauer", sagt Hager und erklärt: "Nur weil ich ein Programm ins Internet stelle, wird es dadurch ja nicht jünger."

Das Zauberwort für den Umgang mit dem jungen Publikum heißt für Hager Kommunikation. Seit Juli 2009 arbeitet er an der Kreativplattform "ARTE Creative", die Anfang Februar online gehen wird: "Wir möchten gemeinsam mit den Usern Projekte entwickeln, die zunächst nur auf der Plattform stattfinden, letztlich aber auch ein Fenster in unserem Programm bekommen sollen." Kunsthochschulen aus ganz Europa sollen sich hier ausleben können - und das Programm des Senders mit Themen bereichern, die bislang nicht abgebildet wurden. "Ich denke da beispielsweise an Street Art oder Digitale Kunst", erklärt Florian Hager, der sich sowohl mit dem Medium Fernsehen als auch mit dem Internet bestens auskennt. Er arbeitete bereits als Redakteur beim ZDFdokukanal, war Referent des ARTE-Präsidenten und in der Aufbauphase des ZDF-Kulturkanals für die Entwicklung der Internetaktivitäten zuständig. Dass die Online-Dienstleistungen kostenlos bleiben, versteht sich für ihn von selbst: "Was wir anbieten, ist gebührenfinanziert und darf auf keinen Fall gebührenpflichtig sein."

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