"Tatort"-Rezension Thematischer Tabubruch

München. Jede Woche rezensiert die Onlineredaktion des "WESER-KURIER" den Sonntagskrimi. Dieses Mal hat Sarah Haferkamp den Münchener "Tatort" "Macht und Ohnmacht" angeschaut.
02.04.2013, 06:00
Lesedauer: 2 Min
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Thematischer Tabubruch
Von Sarah Haferkamp

München. Ohne Til Schweiger und Roland Kaiser, dafür aber mit mächtiger Bildsprache, realistischen Inszenierungen und brisanten Themen. Der aktuelle Tatort aus München glänzt mit einem actionreichen und hochemotionalen Einstieg und erfreut langjährige Krimi-Fans mit dem Besuch des ehemaligen Kommissars Carlo Menzinger.

Ein Überfall auf einen Kiosk-Besitzer, eine wilde Verfolgungsjagd und prügelnde Polizisten. Außerdem ein verstörender Suizid einer der beteiligten Beamten und der Tod eines jugendlichen Informanten. Die ersten Minuten des aktuellen Tatorts fesseln.

Scheint es zuerst noch so, als würde der Krimi das polarisierende Thema jugendliche Gewalttäter aufgreifen und Parallelen zum Fall Dominik Brunner aus München ziehen, wird schnell klar: Es wird noch brisanter. Autorin Dinah Marte Golch wagt sich an das Tabuthema Polizeigewalt und zeigt damit ein moralisches Dilemma, in dem sich viele Polizisten befinden. Zwischen verliehener Staatsmacht und dem Gefühl, doch nichts ändern zu können, schaffen sich die Polizisten in diesem Tatort ihre eigene Gerechtigkeit. Damit trifft die Autorin voll ins Schwarze.

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Die Ermittlungen der Kommissare Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) und Ivo Batic (Miroslav Nemec) setzen also im eigenen Kollegenkreis an. Überraschende Unterstützung erhalten sie vom Ex-Kollegen Carlo Menzinger (Michael Fitz), der zur Freude langjähriger Tatort-Fans zum ersten Mal seit 2007 wieder zu sehen ist.

Ins Visier gerät die Truppe rund um den erfahrenen Beamten Matteo Lechner, der ein Freund Menzigers ist. Dieser gibt seinen Ex-Kollegen Leitmayr und Batic auch den entscheidenden Tipp, und so eröffnet sein plötzliches Auftauchen auch keinen langweiligen Nebenschauplatz, sondern Menziger wird voll einbezogen. Eine gelungene Anknüpfung an frühere Folgen, in denen er häufig zur Klärung komplizierter Fälle beitrug.

Der Fall selbst verliert im Verlauf etwas an Spannung. Zu viele Nebenschauplätze werden eröffnet, um den Zuschauer von einer zu raschen Klärung des Falls abzulenken. Das verwirrt zeitweise. Leitmayr und Batic selbst positionieren sich nicht eindeutig gegen die prügelnden Kollegen und versuchen, mutmaßliche Täter durch indirekte Drohungen zur Aussage zu bewegen. Auch nicht die feine Art, aber gerade solche Szenen machen das moralische Dilemma dann doch noch einmal deutlich.

Etwas unausgereift bleibt das Bild der jugendlichen Schläger. Von ihrer Lebenswirklichkeit wird wenig gezeigt. Stattdessen werden sie als asoziale Gewalttäter dargestellt. Dass sie in diesem Fall auch Opfer sind, gerät in den Hintergrund. Statt eines weiteren Mordfalls hätte man diesen Aspekt besser ausarbeiten können.

Dennoch: Der Münchener Tatort ist ein spannender Krimi mit einer ergreifenden Thematik, vielen Überraschungen und einer starken Bildsprache. Wozu die vielen nackten Hintern dienen sollten, die man zu sehen bekam, bleibt allerdings schleierhaft.

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