"Tatort"-Rezension Verworren und überfrachtet

Bremen. Jede Woche rezensiert die Onlineredaktion des "WESER-KURIER" den Sonntagskrimi. Dieses Mal hat Sarah Haferkamp den Bremer "Tatort" "Er wird töten" angeschaut.
10.06.2013, 06:00
Lesedauer: 2 Min
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Verworren und überfrachtet
Von Sarah Haferkamp

Bremen. Eine Geschichte über Schuld und Sühne - mittendrin Hauptkommissarin Lürsen, die mal wieder emotional an ihre Grenzen gerät. Der Bremer Tatort zeigt sich dieses Mal von seiner düsteren Seite.

Das war ein kurzes Gastspiel für Inga Lürsens (Sabine Postel) neuen Kollegen Leo Uljanoff (Antoine Monot Jr.). Wer hoffte, der Charakter würde im aktuellen Tatort ausführlich eingeführt, musste sich recht bald mit dem Ableben des neuen Lürsen-Liebhabers abfinden. Auf Kollegenseite gibt es wiederum schnell Ersatz: Überraschend kehrt Stedefreund (Oliver Mommsen) vom Hindukusch zurück und unterstützt selbstredend seine Hauptkommissarin.

Doch ist es überhaupt moralisch vertretbar, den Mord am eigenen Liebhaber und Kollegen aufzuklären? In Bremen schon. Zwar ermittelt Lürsen in dem Fall nicht offiziell, Tochter Helen, die mittlerweile die Mordkommission leitet, drückt für Mutti aber schon mal ein Auge zu. Und an dieser Stelle beginnt der Tatort, sich in seinem komplizierten Konstrukt zu verheddern.

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Neben dem Mord an Uljanoff ist da nämlich noch Dr. Marie Schemer (Annika Kuhl): Sie behauptet, dass ihr Ex-Mann Joseph Vegener (Peter Schneider) die gemeinsame Tochter getötet und nun auch Uljanoff auf dem Gewissen habe. Zumindest im Bezug auf die Tochter scheinen die Aussagen zu stimmen. Vegener ist seit Kurzem aus dem Gefängnis entlassen. Verurteilt wegen Kindstötung. Doch der Zuschauer ahnt schnell, dass das nicht alles sein kann, und so kommt die überraschende Wende zum Schluss eben doch nicht so überraschend. Schemer selbst hatte ihrer Tochter mit Beruhigungstropfen das Leben genommen – selbstredend nicht absichtlich. Ihr Vater wiederum hatte ein Komplott gegen den Ex-Mann geschmiedet, der dadurch unschuldig im Gefängnis landete. Leo Uljanoff ermittelte seinerzeit – Vegener hätte also wahrlich ein Motiv für den Mord. Doch Rache üben kommt ihm nicht in den Sinn. Stattdessen tritt sein Zwillingsbruder in Erscheinung.

„Ein seltsamer Fall“ wie Stedefreund dann nun auch zwischendurch feststellen muss. Und - man möchte fast ätzen: Natürlich ist Lürsens Kompagnon nicht ohne Trauma aus Afghanistan zurückkehrt. Und so müssen seine Kriegserinnerungen zwischendurch auch noch ihren Platz finden. Stedefreund hat sich verändert. Thematisch wird dennoch nur an der Oberfläche gekratzt. Dabei hätte die Figur Stedefreund, dem durch seinen Auslandseinsatz ein neues Profil verliehen wird, mehr verdient.

Die Geschichte um die trauernde Inga Lürsen wiederum ist gut aufgebaut. Fast manisch ist sie darauf fixiert, professionell ihrer Arbeit nachzugehen. Ausladende Weinkrämpfe und emotionale Ausbrüche bleiben fast aus. Mit verbissener Stärke ist sie in ihrem Handeln bestrebt, den Mörder Uljanoffs zu finden, und man gewinnt den Eindruck, dass das die Art Trauerbewältigung ist, die eine Mordkommissarin braucht. So hart und gleichzeitig tief erschüttert hat man Lürsen selten gesehen.

Insgesamt wirkt dieser Tatort sehr düster. Viele Szenen spielen sich im abgedunkelten Verhörraum ab und die Geheimnisse der in den Fall verstrickten Personen sind abgründig. Florian Baxmeyer (Regie) und Christian Jelsch (Buch) versuchen sich an großen Themen und scheitern teilweise, denn alles in allem wirkt dieser Bremer Krimi einfach nur überfrachtet: an Emotionen, an Eindrücken und an Themen. Weniger ist eben manchmal mehr.

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