Abenteurer am Unterhaltungsgipfel Warum Markus Lanz die "Wetten, dass ..?"-Moderation zuzutrauen ist

Kerkeling und Pilawa hatten Bedenken. Markus Lanz hat Schneid. Aber folgen die Zuschauer dem ehrgeizigen Südtiroler auf den Gipfel deutscher Fernsehunterhaltung?
15.03.2012, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Jens Szameit

Kerkeling und Pilawa hatten Bedenken. Markus Lanz hat Schneid. Aber folgen die Zuschauer dem ehrgeizigen Südtiroler auf den Gipfel deutscher Fernsehunterhaltung?

Markus Lanz fehlt das Fingerspitzengefühl. Schuld ist eine Extremtour durchs ewige Eis, die er über den Jahreswechsel 2010 / 2011 für seinen Heimatsender bewältigte. Der "Wettlauf zum Südpol" - so hieß die zugehörige ZDF-Doku-Reihe - hat bleibende Schäden hinterlassen, wie der Moderator Ende letzten Jahres berichtete. Aufgrund der Eiseskälte seien seine Fingerspitzen taub geblieben. Man mag Markus Lanz für einen Traumschwiegersohn halten. Ein Weichei ist er sicher nicht. Und ambitionslos gleich zweimal nicht. Der 42-Jährige stammt aus Südtirol, der Heimat Reinhold Messners. Und dort verstehen sich offenbar gewisse Dinge von selbst. Will heißen: Wenn "Wetten, dass ..?" der Mount Everest im deutschen Unterhaltungshochgebirge ist, dann wird er halt bestiegen. Aber gehen die Zuschauer da mit?

Fürs ZDF dürfte das Beste am nun vermeldeten Vollzug in der Personalie Lanz der Umstand sein, dass die Debatte um die Gottschalknachfolge bei "Wetten, dass ..?" zu Ende ist. 13 zähe Monate lang hat man am Lerchenberg nicht wirklich ein glückliches Bild abgegeben. Ständig sickerten Interna an die Öffentlichkeit durch. Mit dem Erfolg, dass man sich fragen musste, wer es sich nach zwei mehr oder minder spektakulären Absagen noch zutrauen würde, so gut zu sein, wie man sich Thomas Gottschalk im Rückblick verklärt. Und zugleich so gut, wie man sich Hape Kerkeling, wenigstens aber Jörg Pilawa in der Vorstellung ausgemalt hatte.

Thomas Bellut, ehemals ZDF-Programmdirektor und frisch gekürter Intendant, bewertet den Weg zur Entscheidung naturgemäß anders. "Ich habe mir Zeit genommen und früh angekündigt, dass ich mich nicht unter Druck setzen lasse", lässt der mächtige Mainzer verlauten. Drei Namen haben von Anfang an auf seiner Liste gestanden. Der dritte ist es geworden. Womit nun weder er noch der Moderator ein Problem haben wollen: "Für mich persönlich geht diese Reihenfolge völlig in Ordnung", bekräftigte Lanz im ZDF-"heute-journal" seine Haltung, die er zuvor auch schon dem "stern" erläutert hatte. Sein Ego sei nicht so groß, dass er unbedingt immer als Erster gefragt werden müsse. Auf den Sonnenkönig Gottschalk folgt eine bescheidene Fleißbiene. Nicht der einzige gravierende Unterschied zwischen Vorgänger und Nachfolger.

Wer Markus Lanz bei seiner dreimal wöchentlich ausgestrahlten Talk-Sendung erlebt, stellt fest: Was ihm an Selbstverständlichkeit und Beiläufigkeit in der Interviewführung abgeht, macht er durch Struktur und Akkuratesse wett. Es gibt unter den deutschen A-Klasse-Moderatoren keinen, der sich so genau und so ausführlich auf seine Gäste vorbereitet. Das dürfte vor dem Hintergrund von Gottschalks teils ärgerlich wurschtiger Gesprächsführung eine neue Tiefe aufs Showsofa bringen. Im engen Rahmen dessen, was die kleinen Zeitfenster erlauben, versteht sich. Aber kann Lanz auch spontan sein? Behält er live vor einem Millionenpublikum die Souveränität, wenn mal etwas nicht nach Plan verläuft?

"Er wird seinen eigenen Stil finden", sagt sein Chef Bellut, was man auch so lesen kann: Noch hat er ihn nicht, in den Schuh "Wetten, dass ..?" muss er noch reinwachsen. Lanz wird wissen, wo seine Schwächen liegen. Und er wird sich wie vor einer Extremtour gewissenhaft auf das vorbereiten, was ihn erwartet. Die Absager Kerkeling und Pilawa, denen die Reformbereitschaft des ZDF wohl nicht weit genug ging, sind Bedenkenträger. Lanz ist anders. Lanz ist ein Abenteurer.

"Wenn man es nicht täte, würde man wahrscheinlich auf ewig mit der unbeantworteten Frage herumlaufen: Wie wäre dein Leben weitergegangen?", erklärte er dem "stern" den Reiz an der womöglich undankbaren Aufgabe. Große Fußstapfen scheinen ihn nicht zu beeindrucken. Beim RTL-Magazin "Explosiv" und bei seiner Kerner-Nachfolge im ZDF hat er sich zweimal ins gemachte Nest gesetzt. Damit hat er auch jetzt kein Problem. Das über Jahrzehnte bewährte "Wetten, dass ..?"-Konzept bleibe "im Kern erhalten", verkündet Bellut. Von der vollmundigen Ankündigung des damaligen ZDF-Intendanten Markus Schächter, nach dem Relaunch würden nur die Wetten an die alte Show erinnern, ist nach einem Jahr Personalposse so gut wie nichts übriggeblieben.

Die Entscheidung für Lanz, der die Sendung erstmals am 6. Oktober in Düsseldorf moderieren wird, ist auch eine fürs "Weiter so" und gegen die Modernisierungswilligen, die es in Mainz durchaus geben soll. Darüber täuscht auch nicht hinweg, dass Schneefan Lanz anstelle des traditionellen mallorquinischen Sommerspecials einmal jährlich eine winterliche Sonderausgabe aus einem Skibegiet moderieren will. "Wetten, dass ..?" versichert er, solle im Geiste seiner "Fernsehhelden" Elstner und Gottschalk "die große erfolgreiche Samstagabendshow für die ganze Familie" bleiben, als die man sie kennt.

Dafür zeichnet er künftig nicht nur vor der Kamera, sondern auch redaktionell verantwortlich. Seine Firma mhoch2 ist in die Produktion eingebunden. Lanz hat das durchgesetzt. Die Absagen von Kerkeling und Pilawa dürften seine Verhandlungsposition nicht geschwächt haben. Einen weiteren Pfeil hatte Bellut nicht mehr im Köcher.

Lanz ist über Nacht einer der mächtigsten Männer im deutschen Fernsehen geworden. Einer, der es sich leisten kann, eine vom ZDF gewünschte Komoderatorin abzulehnen. Den letzten Weg zum Gipfel, so mag er gedacht haben, geht man am besten allein. Die Luft da oben wird dünn sein und die Gefahren groß. Aber Markus Lanz ist zuzutrauen, dass er nicht beim ersten Lawinenabgang wieder umkehrt.

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