Halbzeit beim Filmfestival in Cannes Wenn der Wind kälter weht

Dunkle Wolken über Cannes, düstere Filme in den Festivalkinos: Bis Sonntag, 27. Mai, müssen sich die Juroren für ihre Favoriten entscheiden.
21.05.2012, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Diemuth Schmidt

Dunkle Wolken über Cannes, düstere Filme in den Festivalkinos: Bis Sonntag, 27. Mai, müssen sich die Juroren für ihre Favoriten entscheiden.

Eine in Exorzismus endende Freundschaft, wankende Männerbilder und Lovestorys, die man selbst so nicht erleben möchte - an der Croisette hat sich beim Filmfestival von Cannes mit dem umschlagenden Wetter auch die Stimmung auf der Leinwand verdüstert. Dabei treiben nicht nur Wind und Regen die vielen Festivalbesucher mit heftiger Drängelei in die bis zum letzten Platz besetzten Säle. Fast jeder neue Tag birgt mit seinem Programm das Versprechen, dass er jetzt endlich kommt, der Film, der die Zuschauer von den Stühlen reißt.

Einen starken Eindruck konnte bereits der Goldene-Palme-Gewinner Cristian Mungiu ("4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage") mit "Beyond The Hills" hinterlassen: Das von dunklem Realismus geprägte Drama spielt sich in einem ärmlichen Kloster in der rumänischen Provinz ab. Alina (Cristina Flutur) will dort Voichita (Cosmina Stratan), ihre beste Freundin aus Waisenhauszeiten, aus dem tristen Kloster holen und mit nach Deutschland nehmen. Doch Voichita glaubt, als Novizin ihren Platz gefunden zu haben. Als sie sich weigert, beginnt Alina langsam durchzudrehen und alles in Frage zu stellen. Die Nonnen sehen sie als vom Teufel Besessene und ergreifen Maßnahmen. - Ein schwerer Brocken, der bei 150 Minuten Laufzeit nicht frei von unnötigen inhaltlichen Wiederholungen ist, aber definitiv nachwirkt. Mal sehen, ob bis zur Preisverleihung.

Sollte sich 2012 das "Jean Dujardin"-Phänomen wiederholen und ein noch weitgehend unbekannter Schauspieler zum besten Darsteller gekürt werden, hat Cannes diesen bereits gefunden: Matthias Schoenaerts. Ein Preis auf dem renommierten Festival könnte für den Belgier ("Bullhead") der Kick für eine internationale Karriere sein. Denn Männer wie ihn sucht Hollywood schließlich immer: muskelbepackt und mit viel schauspielerischem Können. In Jacques Audiard großartigem Drama "Rust and Bone" schlägt sich der Hüne als Boxer Ali durchs Leben. Er weiß, dass er einer Frau außer seinem Körper nicht viel zu bieten hat. Damit beeindruckt er Stephanie (ebenfalls wunderbar: Marion Cotillard). Sie muss nach einem Unfall mit ihrer körperlichen Versehrtheit als Frau ohne Beine klarkommen.

Wie Marion Cotillard ist auch Mads Mikkelsen bereits in Hollywood angekommen - aber dennoch weiterhin fester Bestandteil der dänischen Filmszene. Die Figur Lucas, die er in "The Hunt" spielt, steht für den Regisseur Thomas Vinterberg sinnbildlich für den modernen skandinavischen Mann: "warmherzig, freundlich, hilfsbereit und bescheiden". Was aber, wenn sich seine Umwelt konträr zu diesen Idealen verhält, wenn der Wind in einem kleinen dänischen Ort eiskalt bläst und aus Freunden Menschen werden, die einem eine Kugel in den Kopf jagen wollen?

14 Jahre, nachdem er für "Das Fest" den Spezialpreis der Jury erhielt, macht Vinterberg in seinem Wettbewerbsbeitrag "The Hunt" erneut alles richtig: Er erzählt von unerträglichen Mechanismen, wie ein Gerücht zu einem Selbstläufer wird und das Leben eines Unschuldigen zerstört. Da kann es selbst von der Person, die es in die Welt setzte - hier ein Kind, das einen Missbrauch erfindet - nicht mehr zurückgenommen werden. Schön, dass es Vinterberg dabei gelingt, nicht das Kind anzuklagen, sondern die Absurdität der ergriffenen Maßnahmen schmerzlich vorzuführen.

Keinen menschlichen Abgründen, sondern schlichtweg dem Unausweichlichen müssen sich die Liebenden in Michael Hanekes "Liebe" (Kinostart: 20. September) stellen. Der Regisseur, der 2009 mit "Das weiße Band" die Goldene Palme gewann, verknüpft die Liebe mit der Erfahrung von Leid beim Verlust des Partners. Mit "Liebe" erfüllt sich der Österreicher den lang gehegten Wunsch, mit dem großartigen Jean-Louis Trintignant zu arbeiten und drehte in Paris auf Französisch. Nach einem Schlaganfall verkriechen sich die halbseitige gelähmte Anne (Emmanuelle Riva) und George (Trintignant) in ihrer großen Wohnung. George pflegt seine immer mehr auch geistig verblühende Frau mit wenig Hilfe von außen. Bald ist sie nur noch ein Schatten ihrer selbst. George muss einen Weg finden, damit umzugehen - und das Publikum auch. Dem macht es Haneke etwas leichter, dafür sorgen die kultivierte Umgebung sowie der liebevolle Umgang und die glaubwürdige intime Vertrautheit von George und seiner Frau.

Das Wort "Liebe" trägt auch der zweite bitterböse österreichische Beitrag von Ulrich Seidl im Titel. Zu finden ist die in "Paradies: Liebe" allerdings nirgendwo. Die übergewichige Teresa (Margarethe Tiesel) gibt die Sugar Mama für junge Männer in Kenia und verwechselt Gefühle und Geschäft. Ästhetisch sehr mutig, randvoll mit Egoismus und Rassismus made in Europe, wird dieser Trip zum Albtraum und zeigt mehr, als man sehen und ertragen mag. Auch der als auf Auftakt einer Trilogie gedachte Film geht ins Rennen um die Goldene Palme, die am Sonntag, 27. Mai, verliehen wird.

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