"Man trank Kaffee und aß ein Stück Kuchen" Werner Biermann über sein Doku-Drama "Adenauer - Stunden der Entscheidung" (Di., 31.07., 20.15 Uhr, ARTE, und So., 05.08., 21.45 Uhr, im Ersten)

Werner Biermann, Grimmepreisträger und Autor des Doku-Dramas "Adenauer - Stunden der Entscheidung", über Leben und Einfluss des ersten Kanzlers der Bundesrepublik Deutschland. Jener Mann, den Zuschauer einer ZDF-Sendung zum "größten Deutschen" wählten.
18.07.2012, 00:00
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Von Eric Leimann

Werner Biermann, Grimmepreisträger und Autor des Doku-Dramas "Adenauer - Stunden der Entscheidung", über Leben und Einfluss des ersten Kanzlers der Bundesrepublik Deutschland. Jener Mann, den Zuschauer einer ZDF-Sendung zum "größten Deutschen" wählten.

Neun Jahre liegt sie nun zurück. Die ZDF-Sendung "Unsere Besten", die 2003 nach dem "größten Deutschen" fahndete. Der Sieg Konrad Adenauers, vor Martin Luther und Karl Marx, war damals schon ein bisschen überraschend. Beleg für die Bedeutung des ersten bundesrepublikanischen Kanzlers, zumindest für die (ältere) Volksseele. Um so überraschender, dass bislang niemand auf die Idee kam, sein Leben zu verfilmen. 2013 wird Adenauers Abschied als Bundeskanzler 50 Jahre her sein. War seine Zeit zu muffig, das Wesen zu steif, die Physiognomie des knorrigen Rheinländers zu markant für eine Verfilmung? Grimmepreisträger Werner Biermann, Jahrgang 1945 und Autor vieler historischer Sachbücher und Dokumentationen, hat sich das Doku-Drama "Adenauer - Stunden der Entscheidung" ausgedacht. Am Dienstag, 31.07. (20.15 Uhr), ist es bei ARTE zu sehen. Die Ausstrahlung in der ARD folgt am Sonntag, 05.08., um 21.45 Uhr. Schließlich erscheint 2013 Biermanns Biografie "Konrad Adenauer: Ein deutsches Leben" beim Rowohlt-Verlag.

teleschau: Adenauer begann seine politische Karriere im Kaiserreich. Sie endete 1962, fast 50 Jahre später, mit dem Rücktritt als Bundeskanzler. Wie verdichtet man ein so langes Leben zum 90-Minuten Drehbuch?

Werner Biermann: Man hat zwei Möglichkeiten: Entweder ich versuche, so ein Leben chronologisch mit Schwerpunkten und Mut zur Lücke zu erzählen. Oder ich suche mir einen Punkt raus, an dem ich das Ganze aufhänge. Wir haben uns für Letzteres entschieden und für jene Nacht im August 1961, da man in Berlin anfing, die Mauer zu bauen. Diese Stunden der Entscheidung sind Beginn und Anker der Erzählung. Adenauer reagierte damals sehr verhalten, eigentlich fast gar nicht zum Entsetzen vieler Deutscher. Von diesem Moment blenden wir zurück auf das Jahr 1933 und erzählen Adenauers Geschichte kontinuierlich bis eben zum Mauerbau und ein bisschen darüber hinaus. Den Mut zur Lücke braucht man dabei jedoch.

teleschau: Warum haben Sie diese Nacht als Aufhänger benutzt? Weil sie zeigte, dass ein starker Mann alt und schwach wurde?

Werner Biermann: Es ist ein emotional hoch aufgeladener Moment, außerdem mit einem Geheimnis verbunden. Man versteht nicht, warum Adenauer so handelt. Was ihn da zurückhält. Später beantworten wir das in der Rückblende. Zum Zeitpunkt des Mauerbaus war Adenauer schon nicht mehr der Verfechter seiner eigenen Politik der Stärke - sondern sehr zögerlich. Er hatte einfach Angst, dass es um Berlin zu einem Krieg kommt, der dann wahrscheinlich ein Atomkrieg gewesen wäre.

teleschau: Sie haben nun etliche Jahre mit der Figur Konrad Adenauer verbracht - was für ein Mensch war er?

Werner Biermann: Ein Mann aus einem anderen Jahrhundert. Adenauer kommt aus der bismarckschen Zeit, er wurde 1876 geboren - fünf Jahre nach Gründung des Deutschen Reichs. In vielerlei Hinsicht ist er ein Kind seiner Zeit. Als seine Kanzlerschaft 1949 begann, war er bereits 73 Jahre alt. Bevor er politisch erstmals in Erscheinung trat - 1917 wurde er Oberbürgermeister von Köln - war er kein besonders auffälliger Typ. Als studierter Jurist hatte er eine Idee von der Verrechtlichung der Dinge. Er wollte Konflikte rechtlich korrekt lösen. Als Bürgermeister zeigte er sich dann als Verwaltungsgenie. Da entfaltete sich erstmals sein großes Talent. Zuvor war er ein mittelmäßig begabter Anwalt. 1933 geriet er schnell mit der NSDAP und der SA in Konflikt. Die begannen sofort Rechtsbrüche zu begehen - das empörte ihn.

teleschau: Adenauer weigerte sich, den neuen Reichskanzler Hitler in Köln zu empfangen. Er ließ Hakenkreuzfahnen aus dem öffentlichen Leben entfernen. Macht ihn das zum Widerstandskämpfer?

Werner Biermann: Er traute sich in jener Zeit auf jeden Fall Dinge, die sich kaum noch ein politisch Verantwortlicher traute. Deshalb wurde er auch bald aus dem Amt vertrieben. Adenauer hatte jedoch keine großen ideologischen Argumente gegen die Nazis. Er sah auch nicht kommen, was später passieren sollte. Es waren eher kleinteilige Dinge, die ihn störten und in diese Antihaltung brachten - der willkürliche Umgang mit dem Recht vor allem. Er hat die Nazis zunehmend gehasst, aber ein aktiver Widerstandskämpfer wurde er nie.

teleschau: War es schwer, bei Ihren Recherchen hinter die Maske des preußisch-korrekten Politikers zu sehen und so etwas wie eine Seele zu erkennen?

Werner Biermann: Ich glaube, dass er gerade zu Beginn seiner Kanzlerschaft wenig Seelenleben preisgab. Damals musste er sich vom Schock und der Lebenskrise des Zweiten Weltkriegs, der Verfolgung durch die Nazis und dem Tod seiner Ehefrau erholen. Erst später kam etwas bei ihm zum Vorschein, was er wahrscheinlich früher auch schon hatte: Humor - nennen wir ihn nun rheinisch oder nicht. Er war jedenfalls witzig und alle Leute, die ihn kannten, bestätigen das auch. Adenauer konnte sich selbst ironisch sehen. Manchmal zeigte er das auch öffentlich, wie in jenem berühmten Wochenschau-Ausschnitt, wo er über sein geliebtes Boccia-Spiel philosophiert. Trotzdem war Adenauer in seinem Inneren ein zutiefst ernsthafter, melancholischer und am Ende auch sehr einsamer Mensch. Er kam abends in sein Hause nach Rhöndorf, zurück aus diesem Politikgeschäft, und da war in den 50-er Jahren eigentlich schon niemand mehr, der auf ihn gewartet hätte. Nur das Personal und er. Manchmal war sein Sohn Paul in Rhöndorf, und gelegentlich kamen abends sein jüngster Sohn Georg und an den Sonntagen seine verheirateten Töchter mit ihren kleinen Kindern. Man trank Kaffee und aß ein Stück Kuchen. Darin erschöpfte sich sein Privatleben. Alles sonst war Politik.

teleschau: Wie sehen ihn seine Kinder heute als Vater?

Werner Biermann: Es leben noch drei seiner Kinder. Die beiden Töchter Lotte und Libet, die in unserem Film eine große Rolle spielt, sowie der jüngste Sohn Georg, 1931 geboren. Mit den beiden jüngeren habe ich lange Interviews geführt, mich mehrmals getroffen, ein Vertrauensverhältnis aufgebaut. Georg hat durchaus viel Kritisches über Adenauer als Vater erzählt. Da herrschten schon noch Erziehungsmethoden, die kommen einem heute sehr brutal vor. Wegen einer Lüge musste der zehnjährige Schorsch mal eine Nacht lang eingesperrt im Kohlenkeller verbringen. Das war mitten im Krieg. Lügen im privaten Bereich waren für Konrad Adenauer etwas ganz Schlimmes. Im politisch-taktischen Bereich fand er sie offenbar akzeptabel - denn er log hemmungslos, wenn er es für nützlich hielt. Mit dem Politiker Adenauer und seinen Leistungen sind die Kinder sehr zufrieden. Aber sie lieben vor allem ihre Mutter Gussie - Adenauers zweite Frau, die leider schon 1948 starb.

teleschau: Gussie, die deutlich jünger als Konrad Adenauer war, starb mit nur 52 Jahren. Auch im Film bleibt die Todesursache mysteriös. Gibt es dazu keine neuen Erkenntnisse?

Werner Biermann: Ihre Krankheit, die sie immer schwächer werden ließ, war damals für alle rätselhaft. Da dieser Prozess bald nach ihrer Gestapo-Haft im Herbst 1944 begann, betrachtete man das als Folge dieser Haft. Auch als Folge des Selbstmordversuches, bei dem sie sich die Pulsadern aufschnitt. Man glaubte an eine Art Blutvergiftung. Adenauer hat es geschafft, aus der Schweiz Penecillin zu beschaffen, aber es half alles nicht. Heute gibt es die These, dass es vielleicht eher Blutkrebs war, genau kann man das aber nicht beantworten.

teleschau: Die Figur Konrad Adenauer scheint vom heutigen Deutschland weit entfernt zu sein. Ist neben den politischen Leistungen etwas von seinem Geist übrig geblieben?

Werner Biermann: Es gibt in der Geschichte unendlich viele interessante Figuren, die für uns nicht mehr unmittelbar nützlich oder lehrreich sind - aber trotzdem spannende Persönlichkeiten. Was von Adenauer bleiben könnte, ist etwas, was ihm lange Zeit während seiner Kanzlerschaft von den Intellektuellen als Schlichtheit und Spracharmut ausgelegt wurde: Er besaß die Fähigkeit, die Dinge einfach darzustellen, sodass die Leute es verstanden. Er war sehr gradlinig und ziemlich uneitel. Er wusste natürlich, dass er das Spiel mit den Medien mitspielen musste - und er hat es für seine Zeit meisterhaft gespielt. Aber nicht um seine Eitelkeit zu befriedigen, sondern um Zustimmung zu seiner Politik zu gewinnen. Heute hat man doch das Gefühl, dass die meisten Politiker Eitelkeit und Geltungsbedürfnis in der Spiegelung der Medien befriedigen. Adenauer war das ziemlich fremd. Er brauchte das auch nicht, er hielt sich sowieso unerschütterlich für unersetzlich.

teleschau: Man hat den Eindruck, viele Nachkriegskanzler werden im Nachhinein deutlich positiver gesehen als zu ihrer Amtzeit. Helmut Schmidt ist längst eine Ikone, Helmut Kohl kam im Doku-Drama über sein Leben ziemlich gut weg. Nun zieht der Adenauer-Film ein positives Fazit ...

Werner Biermann: Sie müssen eines bedenken: In jeder Zeit gibt es Parteienkonflikte, Konkurrenzen, Kampagnen und andere Kriegsgeräusche des Alltags. Man versucht, dem politischen Gegner zu schaden, wo es nur geht. Diese Aufgeregtheit, die medialen Störfaktoren, bleiben natürlich noch lange Zeit an der entsprechenden Person hängen. Jahrzehnte später ist dieser Kram vergessen. Der Nebel verzieht sich. Da bleiben nur noch die politischen Leistungen - oder eben Verfehlungen - beurteilt durch die Nachwelt. Erst jetzt ergibt sich ein realistisches Bild. Adenauer hatte unter der Entschlossenheit von Augstein und einigen anderen Publizisten zu leiden, die entschieden hatten, diesen Mann zum Feind zu erklären. Dies führte dazu, dass Adenauer für meine Generation damals nur als Feindbild wahrgenommen wurde. Heute weiß ich, dass meine Sicht verzerrt war. Ein Beispiel meiner jugendlichen Verführbarkeit durch Zeitungslektüre.

teleschau: Neigt ein solches Doku-Drama nicht dazu, seine Protagonisten positiver dastehen zu lassen als es vielleicht eine klassische Dokumentation tun würde? Allein deshalb, weil es doch immer ein bisschen "menscheln" soll in solchen Filmen?

Werner Biermann: Also, erst mal hätte ich keine Lust, mich drei Jahre meines Lebens einer Figur zu widmen, die ich abscheulich finde. Insofern beschäftigt sich kein Autor und kein Filmemacher intensiv mit einer Figur, die ihm völlig reizlos erscheint. Ich glaube jedoch nicht, dass ARD oder ZDF Figuren in Doku-Dramen über die historische Realität hinaus überzogen menscheln lassen. Nein. Aber man erzählt ja von Menschen. Hinter jeder medialen Fassade findet ein pralles Leben statt. In den Filmdokumenten, bei Adenauer reden wir fast nur von der Wochenschau, sieht man nur das, was offiziell von jenem prallen Leben übrig geblieben ist. Einen winzigen Bruchteil und selten das wirklich Interessante. Eine sehr eindimensionale Oberfläche. Wenn ich Szenen schreibe, die mit Schauspielern inszeniert werden, habe ich allerdings eine besondere Verantwortung. Solche Szenen müssen historisch genau begründet werden können. Das ist aber bei sogenannten dokumentarischen Teilen nicht anders. Schließlich sind auch die Wochenschau und andere Filme immer mit bestimmten Absichten hergestellt worden. Und manchmal muss man auch da die Realität hinter den Bildern suchen. Aber irgendwie muss man diesen Schwarzweiß-Gestalten doch auch ihre Emotionalität zurückgeben. Mein Wahrheitsanspruch an eine Szene, ob nun fiktional oder dokumentarisch, ist aber immer gleich hoch.

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