TV to Go Wie reagieren TV-Sender auf iPhone und iPad?

Und alles wird mobil: Apple packt die Welt in ein kleines Gerät zum Mitnehmen. Doch werden iPhone und iPad auch unser Fernsehverhalten verändern?
24.09.2010, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Katharina Raab

Und alles wird mobil: Apple packt die Welt in ein kleines Gerät zum Mitnehmen. Doch werden iPhone und iPad auch unser Fernsehverhalten verändern?

Der "Tatort" am Sonntagabend, die "Tagesschau" täglich um 20.15 Uhr, die obligatorische Daily-Soap nach Feierabend auf dem heimischen Sofa - solch devot stationäres Fernsehverhalten könnte bald von gestern sein. Denn wer sich im Zeitalter von Tape TV, IPTV und Online-Mediatheken in Sachen Medienkonsum noch zeitlich und örtlich fixieren lässt, ist selbst schuld. Und die Medienmühle dreht sich erbarmungslos weiter - Hauptkatalysator ist natürlich Apple-Chef Steven Jobs. Sowohl öffentlich-rechtliche, als auch private Fernsehsender müssen wohl (oder übel) Lösungen für technische Neuerungen und die sich dementsprechend verändernden Zuschauererwartungen finden. RTL deponierte in zukunftsorientierter Vorhut unlängst eine sendereigene App im Appstore, die das RTL-Programm jederzeit und überall live zugänglich machen soll. Doch ist die Fernseh-App eine sinnvolle Alternative oder nur eine weitere Spielerei?

Schon im Garten Eden war der Apfel das Sinnbild der Verführung. Und auch heute scheint alle Welt der formschönen Technik von Apple verfallen zu sein. Das iPhone packt uns alle am Ästhetik-Schlafittchen und kitzelt den Spieltrieb: Die unzähligen Anwendungen, die sich im virtuellen Appstore drängen, bieten so manches Nützliche und natürlich viel Kurioses.

Doch der User, so scheint es, fordert zunehmend absolute mediale und kommunikative Selbstbestimmung. Durch iPhone und iPad wird zumindest die mediale Welt behaglich persönlich, überschaubar kompakt und vor allem flexibel und portabel. Die Lieblingssoap, den "Tatort" schauen, auch wenn man gerade nicht vor der heimischen Glotze weilt - in Zukunft soll das womöglich kein Problem mehr sein.

Noch sind sich die Sender jedoch uneins in Sachen Fernseh-App und unschlüssig dazu. Vor allem die öffentlich-rechtlichen Vertreter geben sich eher i-verdrossen. So "kocht" lediglich Markus Lanz für das ZDF im Appstore. Die Anwendung gleicht jedoch eher einer virtuellen Rezeptcollage und hat mit der Sendung an sich wenig zu tun. Kostenfaktor: 2,99 Euro. Schon Anfang 2010 stellte das ZDF Medienberichten zufolge klar, dass man eher technologieneutral bleiben wolle, und sperrte sich im gleichen Atemzug gegen eine App der Nachrichtensendung "heute".

Das Erste dagegen bemüht sich bereits seit Januar um die Etablierung einer kostenlosen "Tagesschau"-App und stieß dabei auf heftigen Widerstand seitens des Springer-Verlags. Dieser stellte Nachrichten-Inhalte der Zeitungen "Bild" und "Welt" kostenpflichtig in das Apple-Anwendungsportal und fürchtet ein Ungleichgewicht im iWettbewerb. Die "Tagesschau"-App macht sich weiterhin rar. Der Nachrichtensender CNN diskutierte dagegen nicht lange und brachte, nach einem erfolgreichen Vorlauf in den USA, eine Nachrichten-App mit internationalen Text-, Bild- und Videoinhalten auf den Markt.

Die privaten Sender versuchen vor allem mit thematischen Apps zu punkten, die sich allerdings nur auf bestimmte Formate des jeweiligen Senders beziehen. Bei ProSieben findet sich beispielsweise eine "Popstars"- und "Germany's next Topmodel"-App, die es iPhone-Nutzern dank eines integrierten Live-Streams erlaubt, die aktuelle Folge der Show in Echtzeit und auch ohne Fernsehapparat mitzerleben. Wer die Episode verpasst, kann diese durch Bilder und Highlight-Clips im Nachhinein rekonstruieren oder eben doch auf das Angebot der ProSieben-Online-Mediathek zurückgreifen. Auch vox lockt mit der "X Factor"-App, die ebenfalls Live-Stream, Clips und Bilder bereithält. Also nichts, das es nicht auch auf der regulären Homepage der Sender zu sehen und zu klicken gäbe.

Mobiles Fernsehen stellt man sich dann doch anders vor. Allein der Kölner Privatsender RTL wagte sich an ein beweglicheres App-Modell. RTL jederzeit und überall, lautet die Devise. Denn die Sender-App will keine einsilbige Anwendung sein, sondern kommt tatsächlich als schillernder Live-Stream daher. Zumindest theoretisch. Gestreamt werden täglich zwischen acht und zwölf Programmstunden, die sich vor allem aus senderinternen Formaten speisen. Importierte Serien und Filme können dabei schon mal rausfallen - aus rechtlichen Gründen, versteht sich.

Nur 30 Tage ist die App kostenfrei, danach werden monatlich 1,59 Euro für den Echtzeit-Bilderstrom fällig. In Kundenforen ist man sich jedoch einig: Das ist rausgeworfenes Geld. Dank schlechtem UMTS-Stream ruckelt und puffert die App und reißt inhaltliche und qualitative Löcher ins RTL-Programm. Und noch einen Nachteil hat die RTL-App, der vor allem Datenschützern schlechte Laune bereiten dürfte. Um den Stream nutzen zu können, muss man erst seinen GPS-Standort angeben.

Fernsehen via iPhone? - Möglich ist es durchaus, wie das RTL-Pilotprojekt zeigt. Eine realistische Alternative zum digitalen oder Internet-Fernsehen ist es in dieser Form jedoch nicht, garantiert doch allein die Bildschirmgröße eines jeden Durchschnitts-Fernsehers ein weitaus komfortableres Schauerlebnis. Noch steht RTL in dieser Form konkurrenzlos auf weiter Apple-Flur - umschalten kann man so aber auch nicht.

Zugriff auf mehrere Programme gleichzeitig bietet die Fernseh-App "Mobile TV" von T-Mobile. Das Basispaket kostet hier jedoch stattliche 7,50 Euro im Monat und liefert die bewegten Bilder ausschließlich per UMTS/3G und bislang nur sporadisch Echtzeit-TV. Ohne Flatrate strömt hier also gar nichts. Weitaus interessanter dürfte für viele da die "Liga Total!"-App von T-Mobile sein, die einen Live-Zugang zum aktuellen Spieltag der Bundesliga auf dem iPhone in Konferenzschaltung ermöglicht. 1,95 Euro kostet der Tageszugang, 4,95 Euro das Monatsabo. Wer auf den Live-Charakter verzichten kann, dem bietet sich noch eine andere Möglichkeit: Onlinevideorekorder wie "Save TV", "Bong TV" und "Dailyme TV" zeichnen TV-Sendungen auf und stellen sie dem iPhone-Nutzer handygerecht zur Verfügung.

Fernsehen auf dem iPhone? Wirklich ausgereift scheint hier trotz innovativer Ansätze noch nichts. Und für all die multi-mobilen Möglichkeiten gilt natürlich: Wer im Funkloch sitzt, dem nutzt die aufwendigste App recht wenig.

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