"Den Tod gerochen und gespürt" Wie ZDF- und ARD-Korrespondenten aus Haiti berichten

Der amerikanische Nachrichtensender CNN gilt nicht zuletzt wegen seiner Direktheit noch immer als Vorbild für die Nachrichtenmacher. Doch die Selbstinszenierung der Starreporter ist deutschen Haiti-Korrespondenten auch nach der Kritik aus der Heimat ein Gräuel.
22.01.2010, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Wilfried Geldner

Der amerikanische Nachrichtensender CNN gilt nicht zuletzt wegen seiner Direktheit noch immer als Vorbild für die Nachrichtenmacher. Doch die Selbstinszenierung der Starreporter ist deutschen Haiti-Korrespondenten auch nach der Kritik aus der Heimat ein Gräuel.

Bei CNN waren sie nicht zimperlich: Der US-Nachrichtenkanal, der mehr und mehr dem Showgewerbe zuneigt, zeigt Leichen aus der Nähe. Und bei Rettungsaktionen greifen die CNN-Leute gleich selber ein. Zu besonders hohen Ehren kam dabei der "Medical Correspondent" Sanjay Gupta, der, wenn alles stimmt, selbst zur Säge griff und amputierte, als andere Ärzte und Schwestern aus Sicherheitsgründen längst das Lazarett verließen. Doch ganz so zimperlich sind indessen auch unsere öffentlich-rechtlichen Sender nicht. So wurden nach wenigen Tagen "erste Fälle von Selbstjustiz" im "heute journal" gezeigt: Zwei Männer lagen da, gefesselt und erschossen, in ihrem Blut auf der Straße.

Im Zweifelsfalle aber, so scheint es, zeigen die Sender doch lieber die gute Nachricht im Schlechten. Immerhin gilt es, den vielen Hilfsorganisationen, die in Haiti zur Stelle sind, nicht in den Rücken zu fallen - oder womöglich sogar den sprichwörtlichen Spendenwillen deutscher Zuschauer zu bremsen. "Ein Herz für Kinder" und immer nur Leichen - das verträgt sich kaum.

Mangelnde Objektivität wird man ARD und ZDF dennoch nicht vorwerfen wollen. Christoph Röckerath, der mit seinen Kollegen aus dem ZDF-Studio Washington als einer der Ersten in Haiti zur Stelle war, wird auch zehn Tage nach dem Ausbruch der Katastrophe nicht müde, die schwierige Versorgungslage zu beklagen. In seinem "gebauten" Beitrag kommen mangelnde Logistik und Zuständigkeiten vor, und einem Helfer, der eine blaue Mütze mit der Aufschrift "Interhelp" trägt, lässt er gar dessen Frust Ausdruck verleihen: "Ich kann den Menschen gar nicht wirklich helfen", so glaubt der Mann, den Tränen nahe.

"Es gibt nach wie vor ganz viel Licht und Schatten", sagt Röckerath auch im Gespräch am Telefon. Die Fahrt zu einem Flüchtlingslager geht gerade durch eines der "besseren" Außenviertel von Port-au-Prince. "Hier gibt es ein bisschen mehr Wohlstand, die Leute versuchen sich selbst zu helfen. Aber es gibt immer noch sehr viele Gebiete, in denen die Menschen keine Hilfe haben." Mit der Verzweiflung aber wachse die Panik. Im Norden der Stadt müsse man tausende von Leichen begraben und wisse nicht, wohin damit. Der Bagger in Röckeraths Film löst es auf seine Weise.

"Wir haben viel Gräuel und viele Tote gesehen", sagt der Korrespondent. "Das schweißt uns zusammen, wir werden auch in Zukunft sicher weiter zusammenbleiben." "Wir" - damit ist das vierköpfige Team gemeint, das zusammen Hals über Kopf nach Port-au-Prince aufbrach: Es besteht aus dem Reporter, einem Kameramann, einer Kameraassistentin und einer Producerin. Anfänglich hatten sie nur Kekse und Wasser dabei, und sie schliefen unter freiem Himmel. Inzwischen sind sie in kleinen Zelten im Garten der deutschen Botschaft untergebracht, das ZDF hat sie mit weiteren Lebensmitteln versorgt. Zudem gibt es auch genügend Duschen und Toiletten.

Drei weitere Mainzer Teams sind in Haiti vor Ort. "Wir haben unsere eigenen Standards", sagt Röckerath in Anspielung auf CNN und fügt hinzu: "Auch wir haben den Tod gerochen und gespürt. Aber es kommt darauf an, wie man die Toten zeigt." Daheim in Deutschland gab es Kritik an der Berichterstattung. Teile der Presse bewunderten die Showmaster von CNN über alle Maßen - die nämlich seien "mittendrin" und nicht "nur dabei", so hieß es da.

Anfänglich mussten die "Aufsager" der öffentlich-rechtlichen Korrespondenten von ARD und ZDF vom Flugplatz tatsächlich einigermaßen stereotyp erscheinen. Sicherheit ging vor, zudem gab es die Möglichkeit einer Live-Schaltung zunächst nur auf dem Flughafen von Port-au-Price. Dort allerdings vor röhrenden Motoren.

Röckerath verwehrt sich gegen diese Kritik: "Wir haben sehr früh aus dem Stadtzentrum und auch aus den umliegenden Orten berichtet, jedoch dabei nicht die eigene Person in den Mittelpunkt gestellt." Der ZDF-Korrespondent will "die Menschenwürde bewahren" und dabei trotzdem "das Leid der Menschen zeigen". Davon, das Leiden in Großaufnahme vor die Kamera zu zerren, aber auch von der überschwänglichen Freude Geretteter im grellen Scheinwerferlicht hält er nicht viel.

Anders als den Kollegen von CNN war ihm mit seinem Team allerdings nicht das Glück beschieden, bei der Rettung Überlebender dabei zu sein. Röckerath begleitete viele Suchaktionen. "Doch dabei wurden leider immer nur tote Menschen gefunden", gesteht er mit leicht brüchiger Stimme ein. Situationen womöglich für die Kamera zu inszenieren, käme ihm nicht in den Sinn. Seine Maxime ist: "Wir berichten nur das, was wir sehen."

Während bei CNN inzwischen "Backstorys" zu einem eigenen Genre mutierten, in dem sich die Reporter in Making-ofs ihrer Reportagestücke zelebrieren, bekennen auch Verantwortliche wie Andreas Wunn von der ZDF-Chefredaktion, dass es für den Korrespondenten keine Schande sei, sich selbst vor der Kamera zu präsentieren. "Wir setzen bewusst auf On-Auftritte", sagt Wunn, "weil wir so unsere Vor-Ort-Kompetenz beweisen können". Zudem könne man "die Dinge am Besten erklären, wenn der Reporter sie selbst auch zeigt". Von den Amerikanern setzt er sich allerdings ab: "Wir vergleichen uns nicht mit CNN und dem 'passionate journalism', den man dort betreibt. Wir sind Profis im Bericht erstatten, nicht im Leute retten. Letztlich ist es eher hinderlich, zwischen den Rettern auf den Trümmern herumzuklettern." Außerdem wolle man ganz bewusst einen Kontrapunkt setzen: Auch nach der großen Tragödie wolle man Haiti weiter im Fokus behalten. "Wir werden immer wieder vom Wiederaufbau berichten", versichert Wunn.

Doch in den kommenden Tagen wird das Interesse der Welt wohl erst einmal abzuflauen beginnen. Schon reisen denn auch die ersten Nachrichtenmenschen wieder aus Haiti ab. 

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