Verspäteter Charakterkopf Wilson Gonzalez Ochsenknecht In "Frühlings Erwachen" (Montag, 22.02., 22.25 Uhr, ARTE) zeigt Wilson Gonzalez Ochsenknecht Ernsthaftigkeit

Der wilde Kerl ist endgültig erwachsen: Wilson Gonzalez Ochsenknecht gibt in "Frühlings Erwachen" den Melchior.
12.02.2010, 00:00
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Von Jochen Overbeck

Der wilde Kerl ist endgültig erwachsen: Wilson Gonzalez Ochsenknecht gibt in "Frühlings Erwachen" den Melchior.

100 Quadratmeter hat Wilson Gonzalez jetzt - mitten in Berlin und ganz für sich alleine. Das klingt nach einer ziemlich großen Wohnung, aber auch nach einer Menge Raum, die gefüllt werden muss. Mit Möbeln, vor allem aber mit Leben. "Es ist schon eine Umstellung. Bei uns zu Hause war ja immer was los", sagt der älteste Sohn des Schauspielers Uwe Ochsenknecht. Und fügt an, dass er jetzt ja auch selber einkaufen und kochen müsse. Den 19-Jährigen, der die übliche Gediegenheit eines öffentlich-rechtlichen Pressetermins nicht nur in Sachen Outfit, sondern auch mit einer gut 20-minütigen Verspätung auflockert, kann man sich nicht so recht am Herd vorstellen. Aber vielleicht unterschätzt man ihn da. Und man sollte ihn nicht unterschätzen - das zeigt nun "Frühlings Erwachen" (Mo., 22.02, 22.25 Uhr, ARTE).

Wedekind also. Ein Drama, das in seinem 1891 veröffentlichtem Original den Untertitel "Eine Kindertragödie" trug und in der Tat nicht gerade zimperlich Dinge wie Teenagerschwangerschaften und Suizid thematisiert. Seinerzeit galt Wedekinds Stück als ausgesprochen obszön - bis ein Theater es auf den Spielplan nahm, vergingen 15 Jahre. Heute ist es in vielen Bundesländern eine lehrplanempfohlene Schullektüre. Ob Wilson Gonzalez Ochsenknecht, der den jungen Rebellen Melchior spielt, es gelesen hat? Er lacht. "Nein, ich habe doch so oft die Schule gewechselt. Da lief das irgendwie an mir vorbei. Aber ich wusste natürlich in groben Zügen, um was es geht."

Und als er das Angebot für die Rolle und damit auch das auf der Theateradaption von Nuran David Calis basierende Drehbuch bekam, wollte er sich nicht mehr davon beeinflussen lassen. Zum Original griff er erst, als seine Arbeit getan war. Gleich viermal, so erzählte er, kaufte er das Buch. Ob mit Absicht oder aus Versehen wird nicht ganz klar, eines davon steht jetzt auf jeden Fall beim Vater in München im Bücherschrank.

"Frühlings Erwachen" läuft bei ARTE, später dann im ZDF-Theaterkanal. Auch wenn mit teamWorx eine große Produktionsfirma hinter dem Film steht, war das Budget knapp - sodass auch die Schauspieler nicht allzu fürstlich bezahlt wurden. Den Namen Wilson Gonzalez Ochsenknecht hätte man im Kontext so einer Verfilmung nicht unbedingt erwartet, immerhin hatte er seinen Durchbruch mit der Reihe "Die wilden Kerle", die in der vergangenen Dekade zum absoluten Kinderfilm-Kanon gehörte und den Teenager und seinen Bruder Jimi Blue zu den Posterboys ihrer Generation machte.

Dass er darauf keine Lust mehr hat, ist verständlich - und auch wenn seine Feststellung, er wäre lieber "Charakterdarsteller" noch etwas tapsig klingen mag: "Frühlings Erwachen" zeigt, dass er so etwas durchaus kann. Dass er der einzige männliche Darsteller ohne jede Theatererfahrung war, scheint dabei eher Chance als Problem gewesen zu sein. "Da lernst du was. Die anderen Jungs hatten ein Jahr lang jeden Tag Schauspielunterricht. Ich habe zwar mehr praktische Erfahrung, hatte aber nur einmal die Woche Unterricht, das ist ein riesengroßer Unterschied", erklärt er.

Zudem war einiges für ihn neu, zum Beispiel eine Liebeszene, in der er und seine Filmpartnerin Constanze Wächter komplett nackt sind. Die war beim ersten Take im Kasten. Schwierig sei eine andere Einstellung gewesen: "Für eine andere Stelle des Films musste ich mit dem Fahrrad nackt über den Mehringdamm fahren. Die Straße war natürlich abgesperrt, aber überall an den Kreuzungen stauten sich die Autos. Die Leute, die da drinnen saßen, sahen alles", lacht er.

Auch der zweite Film, den Ochsenknecht im vergangenen Jahr realisierte, ist eine durchaus anspruchsvolle Produktion: Im Kriegsdrama "Habermanns Mühle" spielte er an der Seite von Hannah Herzsprung und Ben Becker. Ein Niveau, das er halten möchte: "Natürlich kommen noch viele Anfragen zu irgendwelchen Teenie-Komödien. Aber die lehnt meine Agentin sofort ab - sie weiß, dass ich darauf keine Lust mehr habe."

Im echten Leben ist indes nicht nur Ernsthaftigkeit angesagt: Ochsenknecht, nach eigener Aussage ein absoluter Nachtmensch, hat sich in Berlin schnell eingelebt. Er hängt mit seinen Freunden ab, macht Musik - konkrete Pläne für ein neues Album gibt es noch nicht - und geht gerne und ausgiebig feiern. Berlin ist meine Stadt. Man kann sich hier viel freier bewegen als in München. Es ist immer was los - das brauche ich, weil es mich inspiriert. Vor allem wird man nicht die ganze Zeit angequatscht, weil hier ja überall Leute rumlaufen, die man kennt", sagt er. Inspiration kann er gut gebrauchen - zurzeit arbeitet er an seinem Regie-Debüt. Ein Kurzfilm, über Inhalt und Besetzung möchte er noch nichts verraten. "Es wird einige überraschen", sagt er, in der weiteren Beschreibung fällt das Wort "Kunst". Wie gesagt: Man sollte Wilson Gonzalez Ochsenknecht nicht unterschätzen.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+