Jugendsender der 50-Jährigen ZDFneo-Chefin Simone Emmelius erklärt ihren Kanal

Am 1. November 2009 startete das ZDF sein Projekt Zukunft. Der neue Sender ZDFneo sollte den Mainzern neue, jüngere Zuschauer erschließen. Ob das geklappt hat, erklärt Senderchefin Simone Emmelius im Interview.
15.06.2012, 00:00
Lesedauer: 5 Min
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Von Eric Leimann

Am 1. November 2009 startete das ZDF sein Projekt Zukunft. Der neue Sender ZDFneo sollte den Mainzern neue, jüngere Zuschauer erschließen. Ob das geklappt hat, erklärt Senderchefin Simone Emmelius im Interview.

Nicht jeder fand die Idee gut. Anstatt der Vergreisung des ZDF-Programms durch junge, innovative Formate entgegenzuwirken, entschied sich der Sender für eine andere Lösung. Die Innovation wurde ausgelagert. Mit dem Quasi-Vollprogramm ZDFneo und ZDFkultur, das seinen Schwerpunkt bei der Musik sucht, schickten die Mainzer zwei neue Sender für ein explizit junges Publikum ins Rennen. Seit 1. November 2009 ist ZDFneo mit jungen Shows wie dem hochgelobten "neoParadise", hochklassigen US-Serien wie "Mad Men" oder auch Vorpremieren jüngerer ZDF-Formate auf Sendung. Ob ZDFneo die Erwartungen erfüllt hat und wohin die Reise des Senders geht, erklärt Senderchefin Simone Emmelius im Interview.

teleschau: ZDFneo ist 2009 mit dem Ziel angetreten, ein deutlich jüngeres Publikum zu erreichen als der Muttersender ZDF. Haben Sie das geschafft?

Simone Emmelius: Unsere Zuschauer sind momentan im Schnitt fast zehn Jahre jünger als die des Hauptprogramms. Das allein ist schon ein Erfolg, aber nicht unser einziges Ziel. Unser Marktanteil ist in den zweieinhalb Jahren, die der Sender existiert, erheblich gestiegen. 2011 lagen wir bei 0,5 Prozent im Gesamtmarkt und 0,9 im Digitalmarkt. Jetzt, im Mai 2012 haben wir erstmals 0,7 im Gesamtmarkt und 1,2 im Digitalmarkt erreicht. Unser Quotenziel ist, so bald wie möglich die Einprozentmarke im Gesamtmarkt zu knacken.

teleschau: Wenn ihr Altersdurchschnitt zehn Jahre unter dem des Muttersenders liegt, reden wir immer noch von einem Durchschnittsalter 50-plus. Ihre Zielgruppe sind aber doch die 25- bis 49-Jährigen!

Simone Emmelius: Intelligente und experimentierfreudige Fernsehzuschauer gibt es auch jenseits der 50. Wir wollen ja niemanden daran hindern, unser Programm gut zu finden. Man muss sich natürlich erst mal einen eigenen Ruf erarbeiten. Wenn man das ZDF im Titel trägt, worauf wir auch stolz sind, wird man ein Stück weit mit dieser Marke identifiziert. Man hat automatisch auch Zuschauer, die vom Muttersender kommen. Menschen, die diesen Sender schauen und mögen. So muss man den gemessenen Altersdurchschnitt derzeit verstehen. Wer unser Programm kennt, wird nicht ernsthaft behaupten, dass es vor allem ein Publikum Anfang 50 bedient. Da würde ich eher sagen: Anfang oder Mitte 30 - im Durchschnitt.

teleschau: Bislang produziert ZDFneo keine eigenen Fiction-Programme. Ist es denkbar, dass bald eigenproduzierte Serien bei Ihnen zu sehen sind?

Simone Emmelius: Das ist absolut denkbar. Ich könnte mir vorstellen, dass wir 2013 etwas in diese Richtung ankündigen. Das könnte eine moderne Familienserie oder etwas in Richtung Sitcom sein - aber nageln Sie mich da nicht fest. Fest steht, dass wir so etwas machen wollen. Momentan können wir 30 Millionen pro Jahr fürs Programm ausgeben. Sollten wir intensiver in eigenproduzierte Fiction einsteigen wollen, würden wir damit jedoch nicht allzu weit kommen.

teleschau: Es bleibt also vorerst bei Shows und Serien, die wie "Mad Men" als zu anspruchsvoll fürs Hauptprogramm wahrgenommen werden - dazu Vorpremieren von ZDF-Fiction?

Simone Emmelius: Vergessen Sie die "Factual Programs" nicht, also etwa Docusoaps, Wissensformate oder Reportagen! Wir sind grundsätzlich sehr offen. Aber es gibt natürlich klare medienrechtliche Bestimmungen zu dem, was wir dürfen und was nicht dürfen. Das sind zum Beispiel Sport und Nachrichten. Ansonsten wollen wir eine Experimentierplattform für Genres, Formate und Gesichter sein. Außerdem gibt es feste Regeln bei uns. Wir wollen keinen Trash und keine Langeweile senden.

teleschau: Welche neuen Formate sind im Herbst bei ZDFneo zu sehen?

Simone Emmelius: Wir haben gerade die erste Staffel von "German Angst" mit Micky Beisenherz fertiggestellt. Das ist eine Reportagereihe, die sich mit dem typisch deutschen Phänomen der Angst vor zum Beispiel Überwachung, Überfremdung oder sozialem Abstieg beschäftigt. Das geht Ende August auf Sendung. Ab 27. September zeigen wir "Junior Docs", eine Dokusoap über junge Ärzte, die in Hamburg spielt. Außerdem starten wir in diesem Jahr mit drei neuen britischen Serien: "Death in Paradise", "Scott & and Bailey" und "The Body Farm"

teleschau: Vor kurzem gab es Verwirrung um ihre Star-Moderatoren Joko und Klaas. ProSieben meldete, dass sie die beiden ab sofort exklusiv an sich binden. Können Sie garantieren, dass es mit "neoParadise" weitergeht?

Simone Emmelius: Ja, am 13. September startet die neue Staffel. Dann, wenn Joko und Klaas das hinter sich haben, was sie wahrscheinlich als Sommerferien bezeichnen. Wir machen 13 neue Sendungen. In diesem Zusammenhang wird auch Palina Rojinski ein eigenes Format haben - sie wird "neoParadise" im Netz verlängern, sprich: Wir machen mit ihr einen flankierenden Web-Auftritt.

teleschau: Könnte es passieren, dass Sie Joko und Klaas bald ans Hauptprogramm verlieren?

Simone Emmelius: Den Verlust von Joko und Klaas ans Hauptprogramm könnte ich unter Schmerzen mittragen (lacht). Aber ich habe den Eindruck, dass sie sich sehr wohl bei uns fühlen. Sie brennen geradezu für "neoParadise".

teleschau: Die Telenovela "Wege zum Glück - Spuren im Sand" ist beim ZDF quotenmäßig gescheitert. Nun soll sie ab 2. Juli täglich um die Mittagszeit auf ZDFneo zu Ende laufen. Derlei Programmentsorgung kann Ihnen nicht wirklich gefallen ...

Simone Emmelius: Dass wir Inhalte aus dem Hauptprogramm integrieren wollen und müssen, ist doch klar. Ansonsten würden wir es mit einem solchen Etat nicht schaffen, das Programm zu füllen. Es gibt genügend junge Programme beim ZDF, die ohne Probleme auch hervorragend für ZDFneo geeignet sind. Dass wir sie unterschiedlich gut finden, ist doch klar. Man muss ja auch mal ganz nüchtern sagen: Da ist etwas für Geld produziert worden, und dies muss auch einem Ende entgegengeführt werden. Im Bezug zu "Spuren im Sand" verhält sich ZDFneo komplementär zum Hauptprogramm: Für das "große ZDF" hat sich dieses Programm als nicht spielstark genug erwiesen, andererseits möchten wir als Unternehmen aber natürlich die Zuschauer nicht enttäuschen, die die Serie fertig sehen möchten.

teleschau: Nun wird auch Dieter Thomas Hecks alte Show "Die Pyramide" reaktiviert. Die neuen Folgen mit Micky Beisenherz als Moderator sind zunächst bei ZDFneo zu sehen. Ist das jetzt Retro-Fernsehen oder innovativ?

Simone Emmelius: Beides. Deshalb passt es ja auch so gut, dass wir das vorab zeigen. Micky Beisenherz ist eine ZDFneo-Entdeckung, der eine alte kultige TV-Show wieder aufgreift. Das ZDF bekommt einen frischen Moderator, wir ein wahrscheinlich starkes Programm, und dazu können wir unsere Erfahrungen im Quizbereich ausbauen. Für alle Beteiligten ist das eine gute Sache.

teleschau: Vorpremieren von ZDF-Fernsehfilmen bringen ZDFneo meist überdurchschnittliche Quoten. Schaden Sie dem Hauptprogramm damit nicht auch?

Simone Emmelius: Interessanterweise ist meist das Gegenteil der Fall. Filme, die bei ZDFneo als Vorpremiere zu sehen sind, bekommen auch später beim ZDF mehr Aufmerksamkeit. Vor allem bei jungen Zuschauern. Durch die ZDFneo-Austrahlung werden diese Filme als jung und innovativ wahrgenommen. Insofern bringt die Vorpremiere in der Regel beiden Sendern etwas.

teleschau: Wenn Sie sich eine TV-Serie aussuchen dürften, die sie nicht bekommen haben, aber gerne bei ZDFneo gezeigt hätten - welche Serie wäre das?

Simone Emmelius: "Big Bang Theory" - die finde ich momentan ziemlich toll, und das würde auch gut zu uns passen. Aber man kann nicht alles haben.

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