Fernsehen aus der Mitte der Gesellschaft Zehn Jahre, zehn Trends: Was das TV-Programm der Nullerjahre prägte

Ein Blick auf die wichtigsten Trends des Fernsehens der Jahre 2000 bis 2009 zeigt: Es kam wenig Neues, und wenn, dann war es selten etwas Gutes. Vieles ist längst schon wieder Geschichte, anderes noch immer schwer angesagt - ein Überblick.
01.01.2010, 00:00
Lesedauer: 12 Min
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Von Frank Rauscher

Ein Blick auf die wichtigsten Trends des Fernsehens der Jahre 2000 bis 2009 zeigt: Es kam wenig Neues, und wenn, dann war es selten etwas Gutes. Vieles ist längst schon wieder Geschichte, anderes noch immer schwer angesagt - ein Überblick.

Die "Nullerjahre" sind vorbei, und sie bescherten von Coffee to go bis Web 2.0 eine ganze Menge an mehr oder weniger brauchbaren Innovationen. Auch im Fernsehen? Es gab tatsächlich ein paar Trends der Dekade. Aber leider prägte in den vergangenen zehn Jahren auch das Schlagwort vom "Me too"-TV die Branche. Tauchte ein Trend auf am Horizont, dann begann er, der Wettlauf. Was folgte, waren die in diesen Jahren unvermeidliche "Eventisierung" und regelmäßig eine Übersättigung des Marktes - von allem Neuen blieb am Ende nur wenig übrig. Die zehn wichtigsten TV-Trends des vergangenen Jahrzehnts - und was aus ihnen wurde.

10. Scripted Reality: Eine Devise der TV-Macher lautete ohne Zweifel: Umso absurder, umso gefragter. Danach scheinen vor allem die pseudo-realen Formate der Privaten angelegt zu sein. So kann es noch immer vorkommen, dass im Nachmittags- und Vorabendprogramm ein Familienvater beschuldigt wird, seine Frau zu Wurst verarbeitet zu haben, oder ein Model ihre Konkurrentin mit Rattengift außer Gefecht setzte. Doch anscheinend reicht das nicht mehr: Die Quoten der Gerichtssendungen lassen nach, viele der Anfang und Mitte des Jahrzehnts so populären Richter, Anwälte und Staatsanwälte haben sich verabschiedet, und die Zuschauer zappen inzwischen auch bei den vorabendlichen, mit Laiendarstellern besetzten Crime-Dokus à la "K11" oder "Lenßen & Partner" immer häufiger weg. Die über Jahre hinweg omnipräsenten und erfolgreichen Ermittler wurden zum Jahresende in den vorzeitigen Ruhestand geschickt. In dubio pro Zuschauer? Von wegen. Scripted Reality bleibt auf dem Vormarsch. Statt Crime-Fakes gibt es nun vermehrt pseudorealistische Alltagseinblicke, Freakshows nach dem Strickmuster von "We are Family" bei ProSieben oder "Mitten im Leben" (RTL). Die unermüdlichen SAT.1-Juristen Alexander Hold und Barbara Salesch sind die letzten Mohikaner des einstigen Court-Booms - wer erinnert sich noch an Ruth Hertz oder Ulrich Wetzel von RTL?

Prognose: Der Nachmittag wird noch mehr pseudo. ProSieben und SAT.1 starten demnächst umfangreiche Programmtests am Nachmittag. Gefakte Geschichten sind im Kommen - womöglich ja nur, weil sie wenig kosten und beim Bügeln nicht stören. Schade aber um Michael Naseband und seine Kollegen vom "K11", die einem gegen Sendungen wie "Verdachtsfälle" fast vorkommen wie "Tatort".

9. Living History: Es begann 2001 im Ersten mit dem Grimmepreis gekrönten Überraschungserfolg "Schwarzwaldhaus 1902". In dem Vierteiler musste sich eine Familie auf einem originalgetreu rückgebauten Bauernhof dem entbehrungsreichen Alltag der Jahrhundertwendezeit stellen. Das war lehrreich, spannend und sensationell populär. Marktanteile von mehr als 20 Prozent traten eine Welle los. Plötzlich machten moderne Menschen vor Kameras die extremsten Erfahrungen. Sie lebten in Gutshäusern, auf historischen Schiffen, in den 50er-Jahren, im Mittelalter und sogar in der Steinzeit. Deutsche Fernsehzuschauer lernten zusammen mit einer fränkischen Familie auch den Alltag im eisigen Sibirien kennen ("Sternflüstern", ZDF). Längst war "Living History" auch "Living Science". Und eine gewisse Sarah Wiener wurde Mitte des Jahrzehnts zu einer Art Gesicht des Trends. Die inzwischen höchst prominente Köchin verdingte sich in "Abenteuer 1900 - Leben im Gutshaus" (ARD) als Mamsell - und begann ihren charmanten Siegeszug ... "Living History" hatte herausragende Momente, machte auf noch nie gesehene Weise Geschichte und wissenschaftliche Zusammenhänge transparent, ließ die Zuschauer einen Hauch von Abenteuer und weiter Welt mitfühlen. Doch am Ende fiel den Produzenten wenig Neues ein. Für die Höhepunkte im negativen Sinne sorgte der Sender ProSieben, der mit den C-Promi-Landverschickungen "Die Alm" (2004) und "Die Burg" (2005) kurzerhand zwei Trends verband: "Living History" und Voyeurismus-Vollbedienung.

Prognose: Seit Jahren kam nichts mehr, "Living History" hat keine Zukunft - vor allem, weil auch bei den wissenschaftlich fundierten Sendungen der Aufwand in keinem Verhältnis mehr zur Resonanz stand. Schade um das originelle Fenster in andere Zeiten und Lebensumstände.

8. Extreme Promi Watching: Zum Jahrzehnt gehörte Harald Schmidts Schlagwort vom "Unterschichtenfernsehen" ebenso wie der Begriff "Trash", und in keinem Zusammenhang wurden diese Worte häufiger genannt als beim fiesen Spiel mit abgehalfterten Ex-Prominenten. TV-Voyeurismus galore. Nachdem "Big Brother" schon Jahre zuvor den Grundstein legte, ging es im Januar 2004 so richtig los. "Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!" heißt die auch als "Dschungelcamp" wohlbekannte Horrorshow, die RTL auf Anhieb Rekordquoten von manchmal über 30 Prozent bescherte, Costa Cordalis, Desirée Nick, Ross Antony und Ingrid van Bergen zu "Dschungelkönigen" machte und uns Känguru-Hoden erstmals als Nahrungsmittel unterbreitete. Andere, vor allem ProSieben, schlugen in die gleiche Kerbe. Semipromis wurden auf "Die Alm" und auf "Die Burg" (wer erinnert sich noch an den Zwist Kader Loth vs. "Pimmel-" oder "Pinkel-Prinz", Prinz Frédéric von Anhalt?) geschickt, sie wurden aufs Tanzparkett oder aufs Glatteis geführt, mussten abnehmen und kochen, sollten sich verlieben. Und ganz Mutige tobten sich in Stefan Raabs WOK-Eiskanal aus - oder hauten sich im Boxring gegenseitig auf die Nase. In den Untiefen der Fernsehunterhaltung taten sich mit diesem Trend, der wie so vieles andere aus dem Ausland adaptiert wurde, ungeahnte Abgründe auf. Aber den Machern muss zugestanden werden, dass es ihnen gelungen ist, Fernsehen wieder als Event zu positionieren. "Event" - nicht weniger als das Zauberwort der Unterhaltung der Nullerjahre.

Prognose: Auch wenn RTL im WM- und Olympiajahr nicht in den Dschungel geht, ist es nicht vorbei. Im Winter 2010/2011 wird es dem Vernehmen nach eine neue Staffel von "Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!" geben. Hobbyvoyeure begnügen sich indes mit leicht konsumierbaren Varianten wie dem Dauerbrenner "Promi Dinner" bei vox. Und: Wir sind gespannt, was Raab, der große Zampano des Unterhaltungsfernsehens der Nullerjahre, noch im Köcher hat!

7. Quizshows: Hape Kerkeling hat es gewusst. Das ganze Leben ist ein Quiz. Wenn es so weitergeht, ist es wohl irgendwann tatsächlich so, dass wir alle wenigstens einmal die Kandidaten waren ... Noch immer wird in den Fernsehstudios gequizt und geraten, dass die Köpfe rauchen. Wenn die Quizlust jedoch weiterhin so wenig einfallsreich bedient wird, dürfte sich zu den üblichen zwischen Spezialwissen und Banalität pendelnden Quizfragen ("Wie heißt das erste Buch des Alten Testaments?" - A. Pink Floyd, B. Judas Priest, C. Genesis, D. Moses Pelham) bald eine ganz andere Frage gesellen: Wie lange macht das Publikum da noch mit? Natürlich gab es schon Quizshows vor diesem Jahrzehnt, vor Jauch und Pilawa, aber richtig Fahrt nahm der Zug erst mit dem soeben zehn Jahre alt gewordenen Format "Wer wird Millionär?" (RTL) auf. Kostengünstig zu produzieren, leicht konsumierbar, bestens geeignet für Cross-Promotion mit prominenten Kandidaten, extrem hohe Zuschauerbindung: Das Quiz löste in den Nullerjahren die angestaubte Familienshow à la "Ruck Zuck" ab, und es gab durchaus originelle Ausformungen wie Thomas Hackenbergs "Quiz Taxi" bei kabel eins.

Prognose: Das "Quiz Taxi" fährt schon länger nicht mehr, für die Quizshows wird die Luft dünner. Klarer Fall von totaler Übersättigung - wenn nicht die unverwüstlichen Dauerbrenner im Ersten und bei RTL etwas anderes aussagen würden.

6. Coaching: Mitte des Jahrzehnts wurde ein Berufsstand populär, von dem bis dato kaum einer wusste, dass es ihn überhaupt gibt: Auf einmal gab es im TV Coaches für alles und jeden. RTL ist auch bei diesem Trend das Maß aller Dinge. Katharina Saalfrank ist die "Super Nanny", Christian Rach "Der Restauranttester", und Peter Zwegat hilft Verzweifelten "Raus aus den Schulden" - drei - Achtung, ein Fernsehbranchenwort des Jahrzehnts - "Leuchttürme" in einem völlig neuen Genre, denen unzählige Konkurrenten folgten. Coaches halfen beim Kochen, Essen und beim Abnehmen, beim Flirten und beim Eheretten, beim Bauen und Renovieren, sie begleiteten Deutsche beim Erziehen der Kinder und beim Auswandern, schickten Teenager in die Wüste und versuchten angeschlagenen Kleinunternehmern auf die Beine zu helfen, selbst renitente Haustiere waren nicht vor ihnen sicher. Allerdings droht der Hype zu kippen - zuletzt waren etwa die Coachingversuche der öffentlich-rechtlichen Sender, die sich in Liebesdingen probierten, wenig erfolgreich, und auch bei den Privaten setzt es zunehmend Flops. "Coaching ist Hilfe zur Selbsthilfe", wissen seriöse Vertreter dieses Berufes. Fernsehmacher wissen: Coaching ist kostengünstiges Zielgruppenfernsehen. Aber auch in einer Fernsehsendung, in der es naturgemäß um den Schauwert gehen muss, sollte der Informationswert nicht völlig ignoriert werden.

Prognose: Dieser Trend trieb mehr Blüten als jeder andere und läuft deshalb besonders Gefahr, in der "Me-too"-Rallye gegen die Wand zu fahren. Aber wo Seriosität auf Originalität trifft, wird es noch eine Weile weitergehen - siehe Peter Zwegat.

5. Kochshows: Kochsendungen gab es ja schon immer. Oder, sagen wir, seitdem "Mister Toast Hawaii" Clemens Wilmenrod in den 50er-Jahren Pionierarbeit leistete. Und Alfred Biolek legte schon in den 90-ern mit "alfredissimo!" den Grundstein für das, was da in den Nullerjahren kommen sollte. Da wurde das Ganze zur Show erhoben und exzessiv ausgeschlachtet. Plötzlich blubbert's nicht nur in den Töpfen. Auf allen Kanälen wird an Herden gelacht, getalkt, geflirtet, um die Wette gebraten und gebacken, was das Zeug hält. Und auch Promis sind gern gesehen an den Herden von Genre-Stars wie Johann Lafer, Tim Mälzer, Alfons Schuhbeck, Alexander Herrmann oder Horst Lichter, die ihrerseits gern gesehene Gäste in den Quiz- oder Talksendungen von Pilawa, Kerner oder Lanz sind. Fast unglaublich: 2007 wurde erstmals die Kategorie der "besten Kochshow" beim Deutschen Fernsehpreis ausgelobt. Erster Preisträger wurde die Reihe "Das perfekte Dinner" (vox), darauf folgten "Lafer! Lichter! Lecker!" (ZDF) und "Schmeckt nicht, gibt's nicht" (vox) mit Tim Mälzer. An Marcel Reich-Ranickis Analyse, dass im Fernsehen mittlerweile die Köche regierten, ist zweifellos etwas dran.

Prognose: Zu viele Köche verderben den Brei. Man kann die vielen Haubenträger kaum mehr ertragen, dennoch ist kein Ende abzusehen. Mit geringem Mitteleinsatz sind solche Formate für die Werbezeitenvermarktung ideal - und weil dabei auch die vielen Sterneköche ordentlich Eigenwerbung betreiben können, wird der Hype weiter hochgekocht. Allerdings könnte das Publikum bald die Antwort auf dieses allzu inhaltsfreie Fernsehen geben, Motto: "Schmeckt nicht, gibt's doch!"

4. Telenovelas: Im Herbst 2004 scherzte Tanja Wedhorn noch: "Jemand hat ausgerechnet, dass ich, wenn ich pro Folge eine halbe Stunde zu sehen bin, im nächsten Jahr rund 100 Stunden im Fernsehen bin. Da musste ich schon schlucken ..." Wenige Monate später war die charmante Blondine - zweifellos eine Entdeckung des Jahrzehnts - dank der Dauerpräsenz in der ersten deutschen Telenovela "Bianca - Wege zum Glück" (ZDF) tatsächlich zu einem der bekanntesten Fernsehstars aufgestiegen. "Bianca" lief nicht nur so erfolgreich, dass sich das ZDF entschloss, an die geplanten 200 Folgen weitere anzuhängen und weitere Telenovelas mit neuen Heldinnen folgen zu lassen, die romantische Serie hat einen Boom begründet: SAT.1 feierte 2005 mit "Verliebt in Berlin" fast täglich Quotenrekorde am Vorabend. Alexandra Neldel wurde als Lisa Plenske sogar noch populärer als ihr ZDF-Pendant. Und die Macher von "Sturm der Liebe" im Ersten feiern nach diversen Verlängerungen am Dienstag, 26. Januar, sage und schreibe die 1.000. Folge. "Telenovela" - vor ein paar Jahren wussten höchstens TV-Junkies etwas mit dem Wort anzufangen. Inzwischen weiß jedes Kind: "Telenovela" heißt auf Deutsch "Fernsehroman". Das aus Südamerika stammende Genre hebt sich von der Daily Soap durch ein feststehendes Ende ab. Meist wird eine Aschenputtel-Geschichte erzählt, rund 200 Folgen sollte das Ganze schon haben.

Prognose: Ein Mega-Hype auf dem absteigenden Ast. Der neueste Ableger des Trends heißt "Eine wie keine", seit November bei SAT.1 im Programm - und befindet sich nach solidem Start im Quotentief. Andererseits: Seichtes wird gerade am Nachmittag immer seinen Platz haben.

3. CSI-Crime / Mystery-Serien: "Nein", sagt Professor Andrea Berzlanovich. "Ich halte meinen Beruf nicht für sexy." Die Professorin am Institut für Rechtsmedizin der Ludwig-Maximilians-Universität München kann sich nur wundern. Was soll am Obduzieren von Leichen "sexy" sein! Aber die Frage liegt nahe, angesichts des boomenden "Pathologen-Fernsehens", das immer neue Serien mit immer neuen Seziertisch-Helden hervorbringt. "Quincy" war gestern, heute ist Horatio Caine, heute ist CSI - in diversen Varianten. Seit Anfang des Jahrzehnts "CSI: Den Tätern auf der Spur" einen Siegeszug antrat, wird im TV seziert, bis sich die Instrumente biegen. Und neben den Pathologen kommen inzwischen auch Kriminaltechniker, Hellseher, Analytiker, Psychologen, Mentalisten und sogar Phobiker wie "Monk" (RTL) ausgiebig zu ihrem Serienrecht. Sondereinheiten und Spezialermittler, wohin das Auge blickt. Auffällig: Fast alle US-Crime-Importe sind erfolgreich - alle deutschen Varianten scheitern. Prominenteste Flops: "KTI - Menschen lügen, Beweise nicht" (RTL II) und vor allem "Post Mortem" (RTL). Die Serie mit Hannes Jaenicke in der Hauptrolle war der mit Abstand ambitionierte deutsche CSI-Klon. Mit 5,72 Millionen Zuschauern in der ersten Folge legte die Serie von "Tatort"-Regisseur Thomas Jauch Anfang 2007 einen Traumstart hin, kurz darauf kam der Absturz ... Bei den Mysteryserien, die ProSieben ins deutsche Fernsehen holte, scheint der Boom erst einmal vorbei. Serien wie "Jericho" oder "EUReKA" blieben unter den Erwartungen. Selbst das einstige Flaggschiff "Lost" schwächelte - so sehr, dass die neue Staffel nun zu kabel eins (ab 21.01., donnerstags, 21.15 Uhr) gehievt wurde.

Prognose: Ein Trend, der von seinem Look lebt. Aber so allmählich ebbt der Hype ab, US-Serien sind keine Selbstläufer mehr. Originelle Plots, coole Typen und prominente Schauspieler werden in der Kombination aber weiter gefragt sein. Bemühte deutsche Varianten, die gegen die US-Vorbilder in etwa so wenig aufregend wirken, wie ein Golf GTI neben einem Ford Mustang Shelby, haben keine Chance.

2. Kuppelshows: Oft kopiert, nie erreicht: "Bauer sucht Frau" (RTL), seit 2005 auf Sendung, ist das Sensationsformat des Jahrzehnts. Nicht selten sahen über acht Millionen den Landwirten auf Brautschau zu, Marktanteile auf Fußballübertragungsniveau von 25 Prozent waren lange Normalität, und Moderatorin Inka Bause avancierte zum Top-Star. Was ist - außer skurrilen, echten Typen - das Besondere daran? - Nichts. Das ganz oben auf der großen Reality-Welle des vergangenen Jahrzehnts reitende Format ist denkbar simpel konstruiert und alles andere als ein Spektakel. Also müsste es auch beliebig oft kopierbar sein, dachte man. Bald wurde auf allen Kanälen, geflirtet, gekuppelt und gedatet, manchmal auch mit semiprominenter Beteiligung, aber was die Konkurrenten auch probierten, es ging in die Hose. Die größten Flops: "Ich weiß, wer gut für dich ist!" (ARD), "Gräfin gesucht" (SAT.1), "Giulia in Love?!" (ProSieben).

Prognose: Bauer hat ganz schön lange Frau gesucht. Die Quoten der letzten Staffel um den neuen Reality-"Star" "Ich bin fick und fertig"-Narumbol und ihren Milchbauern Josef sind immer noch sehr gut, reichen aber an die früherer Jahre kaum heran. Wie schwer es ist, das Format erfolgreich zu adaptieren, hat die Moderatorin selbst erfahren müssen: Inka Bause verkuppelte 2009 alleinerziehende Mütter in "Papa gesucht" - und scheiterte. Es scheint, als würden sich die Deutschen lieber wieder in echt verlieben ... Inka Bause ist indes schon wieder auf dem Land unterwegs: Sie moderiert die neue Doku-Soap "Die Farm", die am Sonntag, 31. Januar, bei RTL startet - eine Mischung aus Kuppelsoap und Tortur à la "Ich bin ein Star ...".

1. Casting: Fernsehen aus der Mitte der Gesellschaft - das große Ding im vergangenen Jahrzehnt. Warum nicht gleich die Stars direkt von der Straße, aus der Schule, dem Büro holen, dachten sich die Fernsehmacher und starteten die ersten Castingshows. Los ging es im September 2000 mit "Popstars", damals noch bei RTL II. No Angels nannte sich am Ende die erste Band, die über ein Fernsehcasting zusammengestellt wurde. Mit etwa fünf Millionen verkauften Platten und vier Nummer-eins-Singles in den deutschen Media Control Charts galt die Band bis zu ihrer Trennung im Dezember 2003 als die erfolgreichste Girlgroup Kontinentaleuropas. Obwohl unzählige Casting-Acts folgten, gelang ein solcher Erfolg nie mehr. Aus der jüngsten "Popstars"-Staffel bei ProSieben ging ein blutjunges Duo namens Some & Any als Sieger hervor. Aktuellster Casting-Hero ist jedoch "Prima Donna", eine Hundedame, die sich mit ihrem Herrchen Yvo bei "Das Supertalent" (RTL) durchsetzte. Was wurde zwischen No Angels und "Prima Donna" nicht alles gecastet! SAT.1 versuchte es etwa mit "Ich Tarzan - Du Jane" oder mit "Star Search", das ZDF holte Thomas Gottschalk, um Musical Stars zu finden, aber als Dauerbrenner entpuppten sich neben "Popstars" nur noch "Deutschland sucht den Superstar" bei RTL und Heidi Klums "Top Models".

Prognose: Auch wenn das Land schon mehrfach nach potenziellen Stars durchkämmt wurde, ist der Casting-Hype noch nicht vorbei. Zu gierig sind junge Menschen auf ein bisschen Ruhm, zu gut lässt sich so ein Format an den Werbekunden bringen. "Deutschland sucht den Superstar" startet mit seiner siebten Staffel am Mittwoch, 6. Januar. Ab Dienstag, 2. Februar, beginnt Stefan Raab bei ProSieben mit "Unser Star für Oslo". Gesucht wird der deutsche Vertreter beim Eurovision Song Contest - die erste Castingshow, bei der ARD und ProSieben kooperieren, eine kleine Sensation.

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