Chancenlos in der Todeszone Zum Ende des ARD-Vorabendexperiments "Gottschalk Live"

Thomas Gottschalk hat nach "Wetten, dass ..?" vor allem ein Problem: Er, der Superstar des Unterhaltungsfernsehens, kann nichts mehr in Ruhe anpacken. Daran ist letztlich auch das ARD-Vorabendexperiment "Gottschalk Live" grandios gescheitert.
08.06.2012, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Frank Rauscher

Thomas Gottschalk hat nach "Wetten, dass ..?" vor allem ein Problem: Er, der Superstar des Unterhaltungsfernsehens, kann nichts mehr in Ruhe anpacken. Daran ist letztlich auch das ARD-Vorabendexperiment "Gottschalk Live" grandios gescheitert.

Warum sollte es am Ende anders sein, als in all den Wochen zuvor: "Gottschalk Live" fehlte das Publikum. Gerade einmal 920.000 Zuschauer (Marktanteil: 4,3 Prozent) wollten am Mittwochabend sehen, wie sich der Entertainer aus dem ARD-Vorabend, den er selbst einmal "Todeszone" nannte, verabschiedete. Es ist bezeichnend, dass die mit Abstand meistdiskutierteste Fernsehsendung des Jahres in punkto Publikumresonanz immer eine der unerheblichsten war. Thomas Gottschalk ist ein Medienthema, und seine Plaudersendung ist sicher nicht in erster Linie an inhaltlichen Mängeln und fehlendem Niveau gescheitert, sondern an Erwartungshaltungen, die im Grunde niemals zu erfüllen waren. Das muss man fairerweise konstatieren, wenn nun aufs Ende von "Gottschalk Live" geblickt werden soll. Aber natürlich muss auch gesagt werden, dass der Ex-"Wetten, dass ..?"-Moderator die Erwartungen kräftig mitschürte.

"Ich plane Rock'n'Roll und keinen Walzer", hatte Thomas Gottschalk ja schon im vergangenen Sommer in einem geradezu legendären "Bild"-Doppel-Interview mit Günther Jauch angekündigt. Von Rock'n'Roll war dann in der Auftaktsendung am 23. Januar allerdings nichts zu sehen, auch nicht im metaphorischen Sinne, als Bully Herbig zu Gast war und die Sendung von gefühlt einem halben Dutzend Werbeblöcken unterbrochen wurde. Dieses eine Mal stimmte zwar noch die Quote (4,34 Millionen schalteten ein), aber schon ging das Gemecker los. Aus allen Richtungen flogen Gottschalk die Salven entgegen - auch aus den eigenen Reihen, von den ARD-Oberen, setzte es Kommentare, die ein Gottschalk so sicher weder braucht, noch verdient hat. "Die Show ist ein Produkt, das noch nicht fertig ist und zu einem guten Ausgang gebracht werden soll. Gottschalk muss die Inhalte nun so strukturieren, dass sie für ihn und die Zuschauer gut sind", ließ WDR-Fernsehdirektorin Verena Kulenkampff wissen.

Der Weg war vorgezeichnet. Die Sendung wurde unter dem übergestrengen Auge der Medienjournaille mehrfach modifiziert, schnell wurde etwa ein klatschfreudiges Saalpublikum beigeladen, man fuhr die von Anfang an furchtbar aufgesetzt wirkende interaktive Komponente zurück, fasste die chaotischen Werbeblöcke zusammen, und seit Mai konzentrierte sich Gottschalk auf die wirklich honorige Benefizaktion "66 Träume". Motto: Tue Gutes und sprich darüber. Aber was man auch probierte, das TV-Publikum stieg einfach nicht darauf ein, die Sendung entpuppte sich als Versuch mit spannenden Ansätzen, aber man ließ dem Charme des Unvollkommenen keine Chance. "Gottschalk Live" wurde seit Mitte April nicht einmal mehr live gesendet und schließlich abgesetzt, weil die Show die Quotenerwartungen nicht erfüllte: Durchschnittlich 1,21 Millionen Zuschauer brachten 4,8 Prozent Marktanteil - die ARD hoffte auf mehr als das Doppelte. "Ich nehme diese Entscheidung der Intendanten mit Bedauern zur Kenntnis, habe aber volles Verständnis dafür", kommentierte Gottschalk das Aus im April.

Dabei hat er sich doch wenig vorzuwerfen. Die ARD und Publikum bekamen keine Mogelpackung, sondern genau das, was man sich vorher versprechen durfte: Gottschalk war Gottschalk, mit allen positiven wie negativen Konsequenzen. Mit betonter Leichtigkeit führte er durch die Sendung, schaffte früh ein vertrautes Gefühl, lange Monologe beim Talk eingeschlossen. Bei den Gesprächen mit seinen Gästen bewegte er sich weiterhin auf "Wetten, dass ..?"-Niveau, will sagen: Es war Geplauder. Mal mehr, mal weniger unterhaltsam. Das Problem: Wurde im Eventfernsehen noch meist mit einem leisen Lächeln über Gottschalks spürbares Desinteresse für manche Themen hinweggesehen, gab es in der tagesaktuellen Sendung doch zunehmend verstörende Momente. Andererseits: Wie viele Moderatoren im deutschen Fernsehen können so etwas denn besser? Nein, Gottschalk hat einen Abgang wie diesen nicht verdient: Die ARD strich ihm (zugunsten einer Vorberichterstattung auf die Fußball-EM) kurzerhand die für 7. Juni angesetzte Finalsendung. Doch er trug auch das mit der Fassung eines Großen.

In der letzten ARD Sendung am Mittwoch, die von den etwa 100 Saalzuschauern mit viel Beifall und "Thommy"-Rufen begleitet wurde, lief er sogar zur alten Hochform auf. "Wir haben der Einfachheit halber diesmal alle Zuschauer ins Studio geholt", scherzte der 62-Jährige - der spontane Schnellschuss, schon immer die große Stärke von Thomas Gottschalk. Sein Abschiedsgruß klang dann auch gar nicht trotzig, sondern vielmehr selbstbewusst: "Der Vorabend ohne mich wird sehr öde. Denkt an meine Worte!" Und: "Sie werden noch von mir hören!" Wer würde daran zweifeln. Viel fraglicher als ein Gottschalk-Comeback ist, ob es der ARD je gelingen wird, ihr Vorabendproblem zu lösen und ob es nicht womöglich ein jüngerer, "unverbrauchter" Moderator mit weitaus geringerem Starfaktor mit genau dem gleichen Sendungskonzept hätte schaffen können - ohne große Erwartungshaltung und Medienhype, aber mit einer fairen Chance.

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