Cheftherapeutin Annegret Noble kümmert sich wieder um "Teenager außer Kontrolle" (ab 17.02., mittwochs, 20.15 Uhr, RTL) Zum Glück gezwungen

Die Wildnis soll's richten: Wie Cheftherapeutin Annegret Noble Teenagern hilft, Drogen, Kriminalität und Psychoterror hinter sich zu lassen.
22.01.2010, 00:00
Lesedauer: 6 Min
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Von Ute Nardenbach

Die Wildnis soll's richten: Wie Cheftherapeutin Annegret Noble Teenagern hilft, Drogen, Kriminalität und Psychoterror hinter sich zu lassen.

Bei RTL steht nun wieder Auswilderung zwecks Resozialisierung auf dem Programm. Sechs "Teenager außer Kontrolle" (ab 17.02., mittwochs, 20.15 Uhr, acht Folgen) werden vom Sender und ihren Eltern in die Wüste geschickt. In der amerikanischen Wildnis sollen die "Messerstecher", "Gangster" und "Oberzicken" fernab der Verlockungen der Zivilisation lernen, ihr altes Verhalten hinter sich zu lassen. "Manchmal muss man jemanden leider zu seinem Glück zwingen", sagt Annegret Noble (38), die auch in der vierten Staffel die Erlebnistherapie leitet. Im Interview erklärt die erfahrene Therapeutin, warum Kinder Grenzen brauchen, wie sie mit Drohungen umgeht und wieso die Jugend immer schlimmer wird.

teleschau: Frau Noble, die Sendung heißt "Teenager außer Kontrolle". Dieses Mal werden aber auch die Eltern mittherapiert ...

Annegret Noble: In der Vergangenheit erlebten wir, dass die Jugendlichen in der Therapie große Fortschritte machten, es ihnen aber sehr schwer fiel, das auch zu Hause umzusetzen. Das liegt daran, dass sich in ihrem Umfeld einfach nicht viel getan hatte.

teleschau: Die Eltern tragen eine gewisse Mitschuld am Verhalten ihrer Kinder ...

Annegret Noble: Es geht nicht um Schuldzuweisungen, sondern darum, etwas zu verändern. Nun kriegen auch die Eltern die Chance, sich ganz ausführlich mit sich selbst zu beschäftigen und an der Familientherapie teilzunehmen. Sie lernen zum Beispiel, dass Rumbrüllen nicht besonders hilfreich ist. Sie lernen, anders auf das Verhalten ihrer Kinder zu reagieren.

teleschau: Die Jugendlichen werden weit ab von ihrem Umfeld therapiert. Ist da die Rückfallgefahr bei der Rückkehr nach Deutschland nicht sehr groß, selbst wenn die Eltern in das Programm integriert werden?

Annegret Noble: Das ist auf jeden Fall ein Risiko. Daher versuchen wir auch, schon vor der Reise eine Nachbetreuung zu organisieren, damit Jugendliche und Eltern jemanden haben, an den sie sich wenden können.

teleschau: Warum nimmt man die Therapie nicht in Deutschland vor?

Annegret Noble: In Deutschland haben wir leider nicht genug Wildnis.

teleschau: Man könnte die Jugendlichen in ihrem persönlichen Umfeld in konkreten Situationen betreuen ...

Annegret Noble: Das ist bei diesen Jugendlichen schon passiert. Den meisten wurde durch das Jugendamt bereits eine Jugendhilfe zugewiesen. Aber die Jugendlichen können sich dem ja leicht entziehen.

teleschau: Anders als in der Wüste ...

Annegret Noble: Das Schöne ist, dass sie nicht weglaufen können - weder im wörtlichen Sinne noch im übertragenen. Man muss zwei Tage laufen, bis man auf Menschen trifft. Und man hat auch sonst keine Ablenkungen. Wenn's einem zu Hause schlecht geht, kann man rauchen, sich vor den Fernseher setzen oder den Computer anmachen, dann muss man nicht mehr denken, nicht mehr fühlen. Bei uns müssen sich die Jugendlichen aber mit ihren Problemen auseinandersetzen.

teleschau: Die Jugendlichen haben in der Wildnis keine Chance zur Flucht. Kritiker könnten das als Freiheitsberaubung ansehen ...

Annegret Noble: Jeder darf seine Meinung haben. Ich aber denke, dass diese Teenager in ihrem bisherigen Leben immer durch Willensstärke mit allem durchgekommen sind. Und es hat ihnen nicht geholfen. Manchmal muss man jemanden leider zu seinem Glück zwingen, damit er sich nicht den Rest seines Lebens kaputtmacht. Und irgendwann erkennen die Jugendlichen, dass es eigentlich das Richtige für sie ist.

teleschau: Stören die Kameras nicht den Therapieverlauf?

Annegret Noble: Manche Jugendliche spielen wirklich eine Rolle für die Kameras. Das merkt man ab und zu schon. Da sind sie sich bewusst, dass "ganz Deutschland" mithört, und wollen dann ihre Gefühle nicht ganz offen zeigen. Andererseits beeinflussen ja auch ganz viele andere Faktoren die Therapie: Umgebung, Wetter, momentane Gemütsstimmung. Da sind die Kameras einfach ein weiteres Element. Sie sind damit weder gut noch schlecht, sondern einfach nur eine Tatsache. Und letztendlich könnten die Jugendlichen ohne die Kameras ja gar nicht an so einem Therapieprogramm teilnehmen.

teleschau: Warum?

Annegret Noble: Sie könnten es nicht bezahlen. Die Tagessätze für Wildnisprogramme in Amerika liegen zwischen vier- und sechshundert Dollar am Tag.

teleschau: Ein Programm nur für Reiche ...

Annegret Noble: In Amerika nimmt man ein Darlehen auf. Viele Amerikaner müssen auch ihre Universitätskosten von etwa 100.000 Dollar selbst bezahlen. Das Therapieprogramm fällt für sie auch in den Bereich Ausbildung / Schule. Sie rechnen mit so großen Ausgaben und haben eine andere Einstellung dazu. In Deutschland erwartet man, dass das Jugendamt alles bezahlt.

teleschau: Und?

Annegret Noble: Zum Teil macht es das schon. Ich habe gerade einen Teenager hier - ohne Kameras -, der vom Jugendamt unterstützt wird. Man kann es also probieren.

teleschau: Ihre RTL-Schützlinge sind aber nun mal den Kameras ausgesetzt. Wie bereiten Sie sie auf die Rückkehr und eventuelle negative Reaktionen vor?

Annegret Noble: Bevor die Sendung ausgestrahlt wird, treffe ich mich mit den Familien und mache das zum zentralen Thema. Es ist vor allem nach den ersten beiden Folgen sehr wahrscheinlich, dass die Jugendlichen auf der Straße angesprochen werden, etwa: "Wie gehst du mit deiner Mutter um, du Ar...?" Die meisten der Teenager kommen in unserem Gespräch zu dem Schluss, zu antworten: "Schau es dir erst mal bis zum Ende an, bevor du mich verurteilst!"

teleschau: Die Teenager nehmen an einer Erlebnistherapie teil: Welche Vorstellungen stehen dahinter?

Annegret Noble: Die grundsätzliche Annahme ist, dass wir Menschen etwas besser lernen oder verstehen, wenn wir es auch selbst am eigenen Körper erleben und nicht nur darüber sprechen. Hier in der Wildnis reden wir nicht nur darüber, wie man einen Konflikt schlichtet, sondern es wird Konflikte geben, und wir helfen, sie zu schlichten. Die Teenager werden wütend oder traurig sein, und wir helfen ihnen, damit umzugehen.

teleschau: Und sie machen schließlich alle mit bei der Therapie?

Annegret Noble: Nein. Es gibt schon Teenager, die wir wieder nach Hause schicken müssen. Sie wollen einfach nicht, sind nicht bereit, mitzumachen. Die müssen erst noch in den Knast oder sonst etwas Schlimmes erfahren, bevor sie zur Einsicht kommen, dass ihnen ihr Leben doch nicht gefällt, wie es ist. Denn sie sind ja in Wahrheit nicht glücklich. Es stimmt ja nicht, dass ein Jugendlicher glücklich wird, wenn man ihm alles gibt, was er will. Sie wollen Grenzen haben. Sie wollen wissen, dass Erwachsene für sie verantwortlich sind, dass sie sich auf sie verlassen können.

teleschau: Sie werden immer wieder mit schlimmsten Schimpfwörtern tituliert und sogar bedroht. Haben Sie trotz Ihrer Berufserfahrung manchmal Angst?

Annegret Noble: Bis jetzt hat mich noch nie ein Jugendlicher angegriffen. Das hat mit Respekt zu tun. Ich erwarte nicht, dass es passiert, und dann passiert es auch nicht. Und die Schimpfworte: Meine Güte, im Grunde kennen die Jugendlichen mich ja gar nicht gut genug, um mich so zu hassen. Ich stehe für etwas anderes, und die Frage ist natürlich, wofür stehe ich. Auf wen sind sie wirklich so wütend?

teleschau: Es heißt oft: Die Jugend wird immer schlimmer! Können Sie das bestätigen?

Annegret Noble: Ich denke schon, dass sich etwas verändert hat. Wenn ich mir die Teenager anschaue, die am Programm teilnehmen, dann scheint einfach die Gewaltbereitschaft größer geworden zu sein.

teleschau: Woran könnte das liegen?

Annegret Noble: Ich habe manchmal den Eindruck, dass diese Scheinwelt von Computer, Fernsehen und Videospielen, wo Menschen ständig sterben und dann wieder leben, die Realitätswahrnehmung beeinflusst. Man denkt, alles ist nur ein Spiel. Gewalt ist nur ein Spiel. Wenn man jemanden schlägt, dann steht er wieder auf, und man spielt weiter. Und das Wissen, dass man tatsächlich etwas kaputt gemacht hat, das fehlt. Früher schauten Jugendliche auf dem Bauernhof beim Schlachten zu. Und das Tier war danach tatsächlich tot. Das ist nicht wieder aufgestanden und hat weitergespielt.

teleschau: Die Videospiele sind also schuld?

Annegret Noble: Nein, sie tragen nur zu der Situation bei. Es geht auch darum, wie Eltern ihre Kinder erziehen, wie viel Zeit sie für ihre Kinder haben. Das hat sich auch verändert. Eltern haben langfristig weniger Zeit, weil sie arbeiten müssen, weil sie ihre eigenen Probleme haben. Und es gibt nicht mehr die Großeltern, Onkel oder sogar eine ganze Dorfgemeinschaft, die das auffangen kann und die Heranwachsenden unter die Fittiche nimmt. Das ist ein großer Verlust für die Jugendlichen.

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