Filmfest Hamburg

Klein, aber fein

Das Programm des 28. Hamburger Filmfestes fällt wegen der Corona-Beschränkungen zwar schmaler aus, dafür gibt es aber ein zusätzliches Online-Angebot.
09.09.2020, 10:08
Lesedauer: 3 Min
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Von Nadine Wenzlick
Klein, aber fein

Eröffnet wird das Filmfest mit „Enfant Terrible“ von Oskar Roehler, der das Leben von Regie-Ikone Rainer Werner Fassbinder nachzeichnet. Parallel sind in den anderen Filmfest-Kinos Fassbinder-Klassiker zu sehen.

Verleih

Hamburg. Albert Wiederspiel, Leiter des Filmfests Hamburg, bringt kurz und knackig auf den Punkt, was dieser Tage vielen Kulturschaffenden durch den Kopf geht: „Trotz aller Widrigkeiten und Einschränkungen – das Wichtigste ist doch, dass wir da sind“, sagt er. Und so findet das 28. Hamburger Filmfest Ende September trotz Corona statt. Das diesjährige Programm ist zwar kleiner als sonst, dafür gibt es ein zusätzliches Streaming-Angebot.

Bereits im Mai wurde zusammen mit der Behörde für Kultur und Medien entschieden, das Festival dieses Jahr als hybride Veranstaltung zu organisieren. Kamen im vergangenen Jahr 43 000 Besucher zum Filmfest, dürfen Kinos derzeit nur zu einem Drittel gefüllt werden. „So entstand die Idee, die Kinos durch ein Streaming-Angebot virtuell aufzufüllen“, erklärt Wiederspiel. „Als Beispiel: Das Abaton hat normalerweise 260 Plätze. Im Moment sind es aber nur 90, also verkaufen wir 170 Streaming-Tickets. So unterstützen wir die Kinos, geben den Filmen zusätzliche Sichtbarkeit und erreichen auch das Publikum, das lieber von Zuhause aus dabei sein möchte.“

Limitierte Streaming-Tickets

Die Streaming-Tickets kosten 7,50 Euro pro Stück und sind limitiert. So soll vermieden werden, dass Filme von zu vielen Menschen gestreamt und dadurch für andere Festivals oder den Vertrieb wertlos werden. Das „Streamfest“ genannte Streaming-Angebot wird ergänzt um vorab aufgenommene Filmgespräche.

Herzstück des Filmfests bleiben allerdings die Vorführungen in den fünf Festivalkinos Abaton, Cinemaxx Dammtor, Metropolis, Passage und Studio-Kino. Unter dem Motto „Filme berühren“ stehen vom 24. September bis zum 3. Oktober insgesamt 76 Filme – ungefähr halb so viele wie im Vorjahr – aus 49 Ländern auf dem Programm. „Vieles, was ein Filmfest ausmacht, machen wir in diesem Jahr auf kleinster Flamme“, so Albert Wiederspiel. „Auf Feiern, Jurys und fast alle Preise verzichten wir.“ Auch das Festivalzelt am Allende-Platz wird es nicht geben, dafür aber ein anderen Treffpunkt: Der mit Schirmen ausgestattete Bereich vor der Turmbar Hamburg gegenüber des Dammtorbahnhofs steht Filmfans jeden Abend ab 21 Uhr offen.

Rainer Werner Fassbinder und Moritz Bleibtreu

Die Auswahl der Filme lief für Programmleiterin Kathrin Kohlstedde und ihr Team dieses Jahr anders als sonst. „Normalerweise finden wir unsere Filme auf Festivals auf der ganzen Welt“, sagt sie. „Doch wegen der Corona-Pandemie wurden Festivals abgesagt und Verleihe hielten Filme zurück.“ Trotzdem gelang es dem fünfköpfigen Team, ein abwechslungsreiches Programm zusammenzustellen.

Eröffnet wird mit „Enfant Terrible“ von Oskar Roehler, der das Leben von Regie-Ikone Rainer Werner Fassbinder nachzeichnet. Parallel sind in den anderen Filmfest-Kinos Fassbinder-Klassiker zu sehen. Darüber hinaus stehen weitere deutsche Produktionen auf dem Programm. Schauspieler Moritz Bleibtreu gibt mit „Cortex“ sein Regiedebüt, Fatih Akins Spielfilmdebüt „Kurz und schmerzlos“ wird 22 Jahre nach seiner Premiere in einer restaurierten Fassung gezeigt.

Abschluss mit „Nomadland“

Hinzu kommen eine Reihe von Berlinale-Filmen sowie Produktionen, die in Cannes, Venedig und Toronto gezeigt wurden – darunter der Film „Sweat“ von Regisseur Magnus von Horn, in dem es um eine Instagram-Influencerin und ihren Stalker geht, sowie der griechische Film „Apples“, der von einer Pandemie erzählt, die zu Gedächtnisverlust führt. In der Sektion „Gegenwartskino im Fokus“ werden Produktionen der aktuell prägenden Filmemacher Pablo Larraín und Kelly Reichardt gezeigt. Und der diesjährige Abschlussfilm „Nomadland“ stammt von Regisseurin Chloé Zhao. Er erzählt von einer Frau, die in Folge der Wirtschaftskrise 2007 alles verliert, und glänzt mit einer beeindruckenden Performance von Hauptdarstellerin Frances McDormand.

Zu den Höhepunkten der TV-Sektion gehört Bjarne Mädels Regiedebüt „Sörensen hat Angst“. Junge Cineasten zwischen vier und 14 Jahren können sich auf das Kinder- und Jugendfilmfest Michel freuen, bei dem außer Filmen wie „Sune – Bester Mann“ auch zwei neue Abenteuer der Pfefferkörner auf dem Programm stehen. Außerdem ist die Dokumentarfilmwoche, die eigentlich im April hätte stattfinden sollen und der Corona-Pandemie zum Opfer fiel, zwei Tage lang im Metropolis zu Gast, wo 13 Werke gezeigt werden.

Bleibtreu und Riemann kommen

Tickets für das Filmfest sind ab dem 10. September erhältlich. Die Gästeliste fällt genau wie das Programm in diesem Jahr zwar etwas kürzer aus, doch zahlreiche deutsche Filmschaffende sowie einige Gäste aus Europa haben ihr Kommen bereits angekündigt, darunter Moritz Bleibtreu, Katja Riemann, Fatih Akin und Bjarne Mädel. „Wir freuen uns auf eine besondere Ausgabe“, so Albert Wiederspiel, „die wir alle, sprich das Publikum, die Branche und das Filmfest-Team, sicher nicht so schnell vergessen werden.“

Weitere Informationen

Weitere Infos unter www.filmfesthamburg.de

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