Der Vegesacker Bankier Friedrich Schildt hat im Fundament seiner Bank einen Brief an die Nachwelt deponiert Flaschenpost aus der Unterwelt

Bremen-Nord. „Ein Gruß von den Todten an euch Lebenden“: Was nach griechischer Mythologie oder Science-Fiction klingt, hat mit beidem absolut nichts zu tun. Der Vegesacker Bankier Friedrich Schildt, der 1884 diese Worte niederschrieb, war keineswegs tot.
05.02.2017, 00:00
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Bremen-Nord. „Ein Gruß von den Todten an euch Lebenden“: Was nach griechischer Mythologie oder Science-Fiction klingt, hat mit beidem absolut nichts zu tun. Der Vegesacker Bankier Friedrich Schildt, der 1884 diese Worte niederschrieb, war keineswegs tot. Der Verfasser stand erfolgreich in der Mitte seines Lebens. Das Schreiben galt der Grundsteinlegung der ersten Vegesacker Privatbank. Der Bankier deponierte im Fundament seiner Bank am 2. April 1884 eine Glasflasche mit einigen zeitgenössischen Papieren. Darin befand sich ein langer, persönlich gehaltener Brief an die nachfolgende Generation. Eine Art Flaschenpost, in einer Hafenstadt nichts Ungewöhnliches. „Sollte dies Schreiben wohl jemals wieder ans Tageslicht treten?“, zweifelt der Autor und gab für etwaige Nachfragen schon mal seine Grabstelle auf dem Vegesacker Friedhof bekannt, „an der Chaussee nach Blumenthal No 602“.

Wie bei einer Flaschenpost üblich, dauerte es lange, bis man, eher durch Zufall, an den Inhalt kam. 1954 rückten Arbeiter mit der Spitzhacke dem Gemäuer an der Reeder-Bischoff-/Ecke Jaburgstraße zu Leibe. Sie stießen auf den denkwürdigen Fund. Während die Arbeiter weiter mit Hacke und Eisen die Grundmauer abtrugen, fanden sich Leute, die den Inhalt der Flasche gewissenhaft prüften.

Der Bankier war ein vorsichtiger Mann gewesen. Er hatte sein Dokument abwechselnd mit Tinte, Bleistift, roten und blauen Stiften geschrieben. Die Nachwelt erfährt, dass der Bauherr 1838 in Bavern bei Diepholz und seine Frau Friederike 1842 in Bremerhaven geboren wurde. Ihre Tochter Clara Friederike kam 1879 zur Welt. „Ich gründete 1879 die Bank Schildt & Co. Unser Contor war zuerst in der Havenstraße, dann Neuestraße. Die Räume entsprachen nicht mehr unseren Anforderungen, deshalb dieser Neubau. Der Grundstein wurde 2. April 1884 gelegt und soll laut Contract am 1. October 1884 fertig sein. Der Platz kostetet 5000 Mark, der Bau M 20400, rechne ferner noch Öfen etc hinzu 6600 – M 27 000. Zurzeit ist dies die günstigste Lage in Vegesack und wird es nach menschlicher Berechnung auch bleiben. Baumeister dieses Hauses war Karl Hartmann. Wer dies liest, möge den Lebenden einen Gruß von uns zurufen! Ärzte fungieren Z.z. hier 1. Dr. Wilmanns, 2. Dr. Wehmann, 3. Dr. Landwehr. Der jetzige Pastor heißt Dr. Zedler, der Stadtdirektor H. W. Lamcke, der Director der Realschule Dr. Ebeling, Vorsteher der Volksschule Vöhl. Es regirt Kaiser Wilhelm I., geb. 1797, ist noch in diesem hohen Alter rüstig und stark. Eine hohe schöne Gestalt, ich sah ihn öfter in Wiesbaden und Ems. Reichskanzler Fürst Bismarck ist geboren 1815. Groß sind seine Thaten, er schuf ein einiges Deutschland, möge es von ewiger Dauer sein. Die Commanditisten des Geschäfts sind M. Bahle, J. D. Bischoff, F. Weber, G. S. Schipper & H. Vogemann.“

Nachdem er die Nachwelt über seine persönlichen Verhältnisse informiert hat, beginnt der Briefschreiber über die Zukunft zu philosophieren. Er prognostiziert, dass man in Zukunft gemütlich mit der Bahn fahren wird. Allerdings hat er als Mitglied des Komitees auch Einblick in die Schwierigkeiten. Ungeduldig vermerkt er: „Die schon 1882 projectirte Secundärbahn Farge-Vegesack wird wahrscheinlich bald in Angriff genommen. Capital alles in allem etwa 500 000 M. Wir haben seit 1882 viele Comitesitzungen, aber Uneinigkeit verzögert bis jetzt die Inangriffnahme“. Die Verzögerung hätte noch länger gedauert, wenn nicht die Bremer Woll-Kämmerei mit einem kräftigen Zuschuss den Start der Bahn 1890 möglich gemacht hätte.

Aber zurück zu unserem Schreiber: „Man hört häufig ach wie waren die Menschen im vorigen Jahrhundert noch weit zurück… Also werdet ihr Lebenden ebenfalls von uns sagen. Ich denke beim Niederschreiben an die Verwendung der elektrischen Kraft. Schon jetzt ist ihre Verwendung eine Vielfache und Staunen erregende. Man denke an die Telegrafie, Fernsprecher, dann an das Licht, schon jetzt wird es in den Städten zur Anwendung gebracht. Auch in der Heilkunde fängt sie an eine Rolle zu spielen. Auch beginnt man, Pferdeeisenbahnen mit electrischer Kraft zu treiben“.

Tatsächlich fuhr die erste elektrische Pferdebahn zur Gewerbeausstellung 1890 zwischen Domshof und Bürgerpark. Schildt selbst beteiligte sich am Fortschritt, indem er 1889 auf eigene Kosten die erste Dampffähre „Frieda“ in Betrieb setzte. Fünfundzwanzig Jahre versah sie ihren Dienst zwischen Vegesack und Lemwerder. Ein künstlerisches Denkmal schuf Fritz Overbeck 1906 mit seinem reizenden Ölbild. Vom Volk wurde das nicht gerade schnelle Dampfboot „Friedrichs Schildkröte“ genannt.

Folgen wir weiter den Aufzeichnungen: „Die electrische Kraft wird sich im Laufe der Zeit zu einer der größten Wohlthaten der Menschheit entwickeln, so ist wenigstens mein Urtheil. Schade dass der Mensch solch interessante Zeit nicht 1000 Jahre mit beiwohnen kann! Oh du Vergänglichkeit! Bethörtes Dasein! Nochmals ein Gruß von den Todten an euch Lebenden!“

Für die Ausgabe DIE WOCHE - MEIN VEREIN schreibt Ulf Fiedler regelmäßig Texte über Wissenswertes aus der Historie der Region. Lob, Anregungen und Kritik senden Sie bitte an ulffiedler@yahoo.de.

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