André Poloczek im Interview „Vieles womit sich Engels beschäftigt hat, treibt uns heute um“

Den Satire-Band „Engels Gesichter – Cartoons und komische Texte zum 200. Geburtstag“ hat der Karikaturist Andre Poloczek herausgegeben. Hier spricht er über dessen Aktualität, Hipster und Engels in Bremen.
28.11.2020, 05:00
Lesedauer: 2 Min
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„Vieles womit sich Engels beschäftigt hat, treibt uns heute um“
Von Simon Wilke
Herr Poloczek, warum ist Ihr Bild- und Text-Satire-Band zu Friedrich Engels schon im vergangenen Jahr und nicht jetzt, anlässlich seines 200. Geburtstags, erschienen?

André Poloczek: In seiner Geburtsstadt Wuppertal hat die Stadtbibliothek das Engels-Jahr mit einer Doppel-Ausstellung eröffnet. Neben der biografischen „Mensch Engels“-Ausstellung gab es noch unsere satirischen „Engels Gesichter“. Es hätte zwar nichts dagegen gesprochen den Band erst in diesem Jubiläumsjahr zu veröffentlichen, aber die Möglichkeit, das Buch im Rahmen einer Ausstellung zu präsentieren, hat uns überzeugt.

2020 war und ist ja sehr ereignisreich. Wäre der Band in diesem Jahr erschienen, hätten Sie andere inhaltliche Schwerpunkte gesetzt?

Ich glaube, ich hätte es im Grunde so belassen. Womöglich wäre noch ein „Systemrelevant“-Cartoon dazu genommen, aber im Großen und Ganzen hätte sich wenig geändert. Vieles womit sich Engels beschäftigt hat, sind ganz zentrale Themen, die uns auch heute umtreiben.

Welche dieser Themen finden sich in „Engels Gesichter“?

Es gibt natürlich das große Themenfeld Arbeit, das auch in diesem Jahr noch einmal an Aktualität gewonnen hat. Genauso sind die Themen Wohnen oder Kapital brandaktuell. Ich habe über 170 teils exklusive Cartoons und 40 Texte ausgewählt, die sich am Ende inhaltlich sehr gut zusammengefügt haben.

Gab es bei so vielen Einsendungen auch welche, die Sie überrascht haben?

Ich hatte den Themenrahmen ohnehin sehr breit gesteckt, aber es gibt eine Doppelseite zu Bärten und Hipster – das hatte ich thematisch vorher gar nicht auf dem Schirm.

Der Band heißt ja „Engels Gesichter“. Welche Gesichter entdecken wir denn?

Vor allem auch seine komische Seite. Sehr interessant fand ich zudem die Perspektive der Zeichner, die in der DDR mit dem Kommunismus als Staatsideologie aufgewachsen sind. Bei ihnen war er als politischer Vordenker viel präsenter und hatte eine ganz andere Stellung inne als bei uns im Westen. Das hatte ich als Wuppertaler zuvor gar nicht so wahrgenommen.

Denkt man an Engels, denkt man vor allem an einen Mann des Wortes. Wieso bietet sich zu ihm trotzdem ein Karikaturen-Band an?

Es finden sich ja auch Texte, aber Engels selbst hat Karikaturen gezeichnet, und zwar vorwiegend während seiner Zeit in Bremen. Eine von ihnen ist auch im Vorwort des Buches abgedruckt. Die meisten seiner Zeichnungen finden aber sich in Briefen an seine Schwester, wo kleine häusliche Szenen dargestellt werden. Engels selbst war ein äußerst humorvoller Mann, der auch als Journalist satirisch zugespitzt formuliert hat. Der Band zeigt also die humorvolle, die lebenslustige Seite des Menschen Friedrich Engels. Diese Seite geht in der theoretischen Betrachtung seiner Arbeit oft unter.

Was schätzen Sie 200 Jahre nach seiner Geburt an Engels' Werk besonders?

Ich bewundere tatsächlich, wie Engels durch seine Dialektik schon moderne Beobachtungen vorweggenommen hat. Seine Erkenntnis, dass sich Dinge alleine durch Beobachtungen verändern, ist eine, die der Physiker Werner Heisenberg erst viel später mit seiner Unschärferelation begründete. Alleine das weist ihn als ganz großen Denker aus.

Das Gespräch führte Simon Wilke.

Info

Zur Person

André Poloczek (60)

ist Soziologe und Karikaturist aus Wuppertal. 2019 veröffentlichte den Satire-Band „Engels Gesichter – Cartoons und komische Texte zum 200. Geburtstag“, zu dem unter anderem Til Mette exklusive Zeichnungen besteuerte.

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