Im Stadttheater Bremerhaven hatte die unbekannte Puccini-Oper „La Rondine“ (Die Schwalbe) ihre Premiere

Funkelnde Partitur voller Grazie

Bremerhaven. Der Verleger Tito Ricordi nannte Giacomo Puccinis Oper „La Rondine“ (Die Schwalbe) einen „schlechten Lehár“, und in der Tat gehört die während des Ersten Weltkriegs entstandene und 1917 in Monte Carlo uraufgeführte „lyrische Komödie“ zu den bis heute kaum aufgeführten Werken des Komponisten. Das Stadttheater Bremerhaven hat sich jetzt an das Stück, das auch unter dem Gattungsnamen „Operette“ läuft, herangetraut und könnte damit durchaus einen Denkanstoß zur Erweiterung des eingefahrenen Opernrepertoires geben, zumal dem Regisseur Philipp Kochheim eine hübsche Variante für die recht seichte und sentimentale und dabei wenig originelle Handlung des Librettos eingefallen ist.
01.06.2015, 00:00
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Von Gerhart Asche
Funkelnde Partitur voller Grazie

Hier bahnt sich offenbar etwas an: Magda (Katja Bördner) und Ruggero (Daniel Szeili) kommen einander nah und näher.

HEIKO SANDELMANN, Stadttheater Bremerhaven / Heiko Sandelmann

Der Verleger Tito Ricordi nannte Giacomo Puccinis Oper „La Rondine“ (Die Schwalbe) einen „schlechten Lehár“, und in der Tat gehört die während des Ersten Weltkriegs entstandene und 1917 in Monte Carlo uraufgeführte „lyrische Komödie“ zu den bis heute kaum aufgeführten Werken des Komponisten. Das Stadttheater Bremerhaven hat sich jetzt an das Stück, das auch unter dem Gattungsnamen „Operette“ läuft, herangetraut und könnte damit durchaus einen Denkanstoß zur Erweiterung des eingefahrenen Opernrepertoires geben, zumal dem Regisseur Philipp Kochheim eine hübsche Variante für die recht seichte und sentimentale und dabei wenig originelle Handlung des Librettos eingefallen ist.

Dort nämlich wird geschildert, wie sich Ruggero, ein junger Mann aus gutem Hause, in Magda, eine Pariser Kurtisane, verliebt und mit ihr aufs Land zieht. Als er sie heiraten und mit ihr eine bürgerliche Ehe führen will, verzichtet sie, fliegt ihm, einer Schwalbe gleich, davon, um ihn wegen ihrer Vergangenheit nicht in Schwierigkeiten zu bringen. Man kennt diesen Plot bereits zur Genüge aus Verdis „La Traviata“, und auch Puccini selbst war, wie man aus Briefen weiß, damit nicht restlos zufrieden. Kochheim nun präsentiert die Handlung als Theater auf dem Theater und ernennt eine der Personen, den Dichter Prunier, zum Regisseur des ganzen Geschehens.

Der erste Akt schildert den Theateralltag. Auf einer Hinterbühne (Ausstattung: Barbara Bloch) findet die Konzeptionsprobe zu einer Opernaufführung statt mit entsprechenden kontroversen Diskussionen, dem Anprobieren von Kostümen und einem Vorsingen des neuen Tenors. Der zweite Akt dann, bei Puccini eine groß angelegte Ballszene, wird zur Bühnenprobe umfunktioniert, bei der die Sänger und der Chor (wieder einmal stimmlich sehr präsent) bereits in voller Kostümierung erscheinen. Kochheim lässt hier seinen Regisseur Prunier einige offenbar ironisch gemeinte operettennahe Tableaus stellen. Dabei wird sängerfreundliches Rampentheater der alten Schule auf die Schippe genommen. Im dritten Akt schließlich ist die fiktive Opernaufführung gerade zu Ende gegangen. Magda und Ruggero, die beiden Sänger der Hauptpartien, treffen sich in der Garderobe. Er träumt von Ehe und Kindern, sie hat Skrupel wegen ihres Verhältnisses mit dem Intendanten. Per SMS (die Inszenierung ist schließlich auf der Höhe der Zeit!) wird Ruggero von diesem Fehltritt in Kenntnis gesetzt und verlässt Magda, die zerstört zurückbleibt. Unter den Solisten dominiert einmal mehr Bremerhavens Primadonna Katja Bördner, die als Magda – trotz einer angesagten möglichen Indisposition wegen eines Autounfalls – mit traumwandlerischer Sicherheit Puccinis schwelgerische Sopranhöhen meistert. Weniger gefallen konnte ihr Tenorpartner Daniel Szeili in der Partie des Ruggero – einerseits, weil seine Stimme für diese ausgesprochen lyrische Partie doch reichlich grob klang, andererseits, weil er technische Schwierigkeiten bei der Verblendung zwischen Brust- und Kopfregister zeigte. Tobias Haaks als Prunier konnte sich als zweiter Tenor da mühelos in den Vordergrund singen, zumal er neben dem ausgezeichnet beherrschten Parlando auch mit lyrischen Qualitäten (im Lied von Doretta) überzeugte. In kleineren Partie waren neben eigenen Bremerhavener Ensemblemitgliedern auch drei Hochschulstudentinnen aus Bremen, Hamburg und Hannover eingesetzt, die erfolgreich erste Bühnenerfahrungen sammeln konnten: Eine Praxis, die Schule machen sollte. Mit Musizierfreude und Esprit brachten Generalmusikdirektor Marc Niemann und das Philharmonische Orchester Bremerhaven Puccinis „funkelnde Partitur voller Grazie“ zum Leuchten und unterschlugen auch nicht jenen leichten „Schuß Wiener Caféhaus“, den der Musikwissenschaftler Ernst Krause in diesem „charmanten Seitensprung“ Puccinis ausmachte. Viel Beifall nach durchgespielten eindreiviertel Stunden.

Die nächsten Vorstellungen: 6., 17., 19.,28. Juni und 2. Juli, jeweils um 19.30 Uhr.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+