Gegen Schuldgefühle hilft keine dicke Haut

Zagreb, kroatische Hauptstadt, ist in den späten 1990er-Jahren düster, Gefahr lauert überall. Zwei Männer werden dort im Herbst 1999 erschossen – einer von ihnen war ein stadtbekannter Krimineller, der andere ein früherer Soldat, der zu viel redete.
13.10.2013, 00:00
Lesedauer: 2 Min
Zur Merkliste
Gegen Schuldgefühle hilft keine dicke Haut
Von Kathrin Aldenhoff
Gegen Schuldgefühle hilft keine dicke Haut

Romanfigur Andrija Sucic nimmt Elefantenweibchen Lanka bei sich auf, um Buße zu tun. Um sie am Leben zu erhalten, ruiniert er sein eigenes.

STRUSS, WERNER, action press

Zagreb, kroatische Hauptstadt, ist in den späten 1990er-Jahren düster, Gefahr lauert überall. Zwei Männer werden dort im Herbst 1999 erschossen – einer von ihnen war ein stadtbekannter Krimineller, der andere ein früherer Soldat, der zu viel redete. Der Autor Ivica Djikic zeichnet mit seinem zweiten Roman „Ich träumte von Elefanten“ das Bild einer brutalen, rücksichtslosen und vom Bürgerkrieg traumatisierten Gesellschaft. Djikic arbeitet als Journalist bei kroatischen Zeitungen, sein erster Roman „Cirkus Columbia“ erschien 2003 und wurde 2010 von dem bosnischen Oscargewinner Danis Tanovic verfilmt.

Im Mittelpunkt des spannenden Politthrillers steht Boško, der beim Nationalen Sicherheitsdienst arbeitet. Im Fernsehen sieht er, dass sein Vater erschossen wurde, ein ehemaliges Mitglied der Leibgarde des Präsidenten. Niemand außer ihm und seiner Mutter weiß, dass er der Sohn dieses Andrija Sucic ist. Der hatte viele Feinde, seit er die Morde an Zivilisten, die er und seine Kameraden im Krieg begingen, an die Öffentlichkeit brachte.

Im nächsten Kapitel wechselt die Perspektive: Der tote Sucic erzählt. In der Nacht vor seinem Tod träumte er von Elefanten. „Die Elefanten besuchen mich nicht grundlos in meinen Träumen. Jedes Mal, wenn sie kommen, geschieht etwas Schreckliches.“ Die beiden Elefanten heißen Sony und Lanka, sie gehörten dem Präsidenten, und Sucic verbrachte viel Zeit mit ihnen. Sie werden sein Schicksal, in ihnen manifestiert sich seine Schuld – und der Versuch, diese Schuld zu sühnen. Auch der Kriminelle Rimac, der zeitweilig in Deutschland lebte, erzählt: von den „drei Frankfurter Straßen, in denen kein Wort Deutsch gesprochen wurde“, den Schutzgelderpressungen, seiner Herrschaft in Zagreb.

In Djikics Roman ist es schwer, zwischen Verbrechern und Politikern oder Beamten zu unterscheiden. Die Grenzen zwischen Gut und Böse sind nicht scharf, auch wenn die handelnden Figuren immer wieder versuchen, sie neu zu ziehen. Der Staatsanwalt Vladimir Magaš beispielsweise weigert sich im Jahr 1991, kroatische Soldaten, die Kriegsverbrechen begangen haben, aus der Haft zu entlassen. Er verlässt seinen Posten, um sich nicht schuldig zu machen, heuert dann aber bei Rimac an. Die Staatsanwältin Mara Ištuk will Rimac seine Verbrechen nachweisen und verfällt ihm, als sie ihn persönlich trifft. Und Boško treibt die Frage um, ob sein Vater ein guter Mensch war. Doch darauf gibt ihm niemand eine Antwort.

Beklemmend ist das Buch, wenn Sucic vom Krieg berichtet. „Ich schoss, wie ich meine erste Zigarette rauchte, damals im Schulhof“, heißt es da. Aus Furcht vor der Verachtung der anderen und im Glauben, das Richtige zu tun. Später sagt er: „Ich weiß nicht, wie man dazu kommt, einen Schuss in den Kopf einer mittelalten Frau als richtig zu betrachten, und dass einem nichts anderes möglich erscheint.“

Ivica Djikic: Ich träumte von Elefanten.

Kunstmann, München. 250 Seiten, 15,99 .

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+