Geordnetes Chaos mit elektronischen Tüfteleien

Bremen ist in der Jazzszene inzwischen eine international anerkannte Adresse. Das liegt zum einen an der Messe „Jazzahead“, die seit zehn Jahren hochrangige Genrevertreter an die Weser lockt, und zum anderen am „Bremer Jazzpreis“.
18.09.2016, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Steffi Urban

Bremen ist in der Jazzszene inzwischen eine international anerkannte Adresse. Das liegt zum einen an der Messe „Jazzahead“, die seit zehn Jahren hochrangige Genrevertreter an die Weser lockt, und zum anderen am „Bremer Jazzpreis“. Dieser gehört mit 10 000 Euro zu den höchstdotierten der Republik. Zum dritten Mal rücken nun im Finale spannende Künstler in den Fokus und geben unter dem Motto „Jazz & Electronics“ einen klangvollen Eindruck von der Vielfalt und Weiterentwicklung des Musikstils. Um das Preisgeld spielen 2016 das Quartett Tubes And Wires von Niels Klein, das Trio Elf und erstmals eine Bremerin: Johanna Borchert wurde mit ihrer Formation nominiert.

2012 initiierte der Bremer Freundes- und Förderkreis des Jazz den Preis. „Wir sind mit dem Ziel angetreten, mehr Aufmerksamkeit für das Genre in Bremen zu erzielen“, sagt Kai Stührenberg, einer der Mitbegründer. In einem kleinen Team mit Wilhelm Friedmann und Andrea Rösler stemmen sie alle zwei Jahre mit großem Einsatz das umfangreiche Projekt. Vor dem Finale der dritten Ausgabe können die drei bereits festhalten: „Wir sind in der Jazzszene Deutschlands angekommen.“ Dies zeige sich auch an der hochkarätig besetzten Jury in diesem Jahr. Zu dieser gehören unter anderem der Norweger Bugge Wesseltoft, einer der innovativsten Pianisten und Genregrenzgänger, sowie der schwedische Posaunist Nils Landgren, einer der erfolgreichsten europäischen Jazzmusiker. „Wir haben sie einfach als Jurymitglieder angefragt und prompt Zusagen erhalten“, erzählt Stührenberg. „Das hätte bei der ersten Ausgabe sicher noch nicht geklappt.“

Insgesamt konnten zehn Juroren jeweils zwei Nominierungen aussprechen. Aus diesen 20 wählten sie dann alle gemeinsam die drei Finalisten. Diese bewegen sich im Spannungsfeld von Jazz mit einem expliziten Bezug zu elektronisch erzeugter Musik, in der etwa Loops und Samples zum Einsatz kommen. Die Kategorien der Preisausschreibung würden derart gewählt, dass aufstrebende, innovative Musiker ein Forum finden und sich profilieren können, erläutert Stührenberg. Gerade im kommerziell schwierigen Jazzbereich wollen die Initiatoren Künstlern unter die Arme greifen, denen der Preis hilft, sich weiterzuentwickeln und ihr Renommee aufzubauen. „Es soll aber auch eine junge Zuhörerschaft erreicht und gezeigt werden, dass Jazz Spaß machen und begeistern kann“, ergänzt er. Damit spricht er darauf an, dass es zwar unglaublich viele junge Jazzbands gibt, sich dies im Publikum aber noch nicht so wiederfindet.

Einen kleinen Heimvorteil beim Publikum, das im Finale eine gewichtige Stimme hat, könnte am Freitag,
23. September, Johanna Borchert im Schlachthof haben. Die Pianistin und Sängerin ist in Bremen natürlich keine Unbekannte. Sie liebt es, am Flügel zu improvisieren, und ergänzt ihre Songs um elektronische Effekte sowie atmosphärische Licht- und Bildprojektionen auf dem Flügeldeckel. Und statt nur die Tasten zu spielen, zupft sie auch gern an den Saiten des Flügels. Ihre Konzerte sind so immer auch ein Experiment, das kurzgefasst als eine Neuordnung von Chaos beschrieben werden kann. Mit ihrer Art zu spielen und zu improvisieren, ist sie bereits über die Landesgrenze hinaus bekannt und ist regelmäßig zu Gast auf zahlreichen europäischen Konzertbühnen und Festivals. Aktuell bereitet die „Echo“-Preisträgerin die Premiere einer eigenen Orchesterkomposition vor, die in der Jenaer Philharmonie im Februar 2017 uraufgeführt werden soll. Beim Finale in Bremen wird sie in einer Formation mit Gitarre, Bass, Schlagzeug und einem Medienkünstler auftreten.

Einen elektronischen Klangtüftler bringt das Trio Elf aus Süddeutschland mit in die Kesselhalle. Er untermalt die Stücke der ansonsten mit Piano, Bass und Schlagzeug auftretenden Formation zum Beispiel durch Loops und Improvisationen. Weil sie Jazz-fremde Rhythmen und Grooves mühelos in ihre eigene originelle Soundwelt einarbeiten, gelten die drei als Revolutionäre unter den klassischen Piano-Trios. Die Gruppe hat bereits fünf Alben veröffentlicht, das aktuelle heißt „MusicBoxMusic“.

Das Quartett Tubes And Wires des Hamburgers Niels Klein fällt durch seine ungewöhnliche Besetzung auf. Neben E-Piano, Synthesizer, Harmonium, Gitarre, Bass und Schlagzeug betätigt der Bandleader selbst mehrere Klarinetten – die Tubes. Hinzu kommen dann die Wires, mit denen die verschiedenen Instrumente elektronisch verwoben werden. Der Solist agiert so mit seinen „Effektklarinetten“ eher wie eine elektronische Blasorgel. Insgesamt fabriziert es einen eigensinnigen, analog-elektronischen Sound.

Wer letztlich das Preisgeld mit nach Hause nehmen darf, entscheidet eine fünfköpfige Jury – und das Publikum. „Wir legen bei der Bewertung neben der musikalischen Qualität Wert darauf, wie die Interaktion mit den Zuhörern gelingt“, betont Kai Stührenberg. Gemäß dem Motto solle es quasi elektrisiert werden von den Klängen und der Performance.


Das Finale des „Bremer Jazzpreises 2016“
findet am Freitag, 23. September, ab 20 Uhr im Schlachthof statt. Weitere Infos unter
www.jazzpreis-bremen.de.

„Wir sind in der Jazzszene Deutschlands angekommen.“ Kai Stührenberg, Mitveranstalter „Bremer Jazzpreis“
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