Die Michaelskirche in Neuenkirchen weckt mit alten Mauern und Reliefs Erinnerungen an vergangene Zeiten Gerichtssitzungen unter drei Linden

Neuenkirchen. Die Michaelskirche zu Neuenkirchen in der Wesermarsch kann beispielhaft für andere Siedlungen in dieser Region stehen. Adelige Familien erhielten vom Bremer Erzbischof Ländereien als Lehen, hier die Herren von Rade und von Stelle.
16.07.2017, 00:00
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Neuenkirchen. Die Michaelskirche zu Neuenkirchen in der Wesermarsch kann beispielhaft für andere Siedlungen in dieser Region stehen. Adelige Familien erhielten vom Bremer Erzbischof Ländereien als Lehen, hier die Herren von Rade und von Stelle. Folgt man der genealogischen Linie, beginnt diese im frühen 12. Jahrhundert. Kaiser Heinrich IV. ernannte Liemar zum bremischen Erzbischof. Zu Liemars Dienstleuten gehörten die Herren von Stelle und von Rade. Für ihre Treue und Zuverlässigkeit schenkte ihnen Liemar im Jahr 1080 ein umfangreiches Gebiet im Bruch bei Rade. Er ernannte sie zu Lehnsträgern und Stiftsadeligen (Ministerialen).

Die Schenkungen waren keineswegs selbstlos: Dahinter stand der Gedanke, bisher nutzloses Gebiet zu kolonialisieren, es zu besiedeln und für das Erzbistum nutzbringend und nach kirchlichem Recht zu verwalten. Eine dritte Familie aus diesem Landadel waren die Herren von Reken. Im heutigen Rekum besaßen sie ein festes Haus mit Wall und Graben. Auch die Herren von Stelle errichteten eine Schutzburg auf einer Anhöhe „vör dem Brooke“ im nördlichen Teil der jetzigen Gemeinde Vorbruch. Die Ortsnamen Stellerbruch, Rade und Rekum erinnern an diese drei Landadels-Familien.

Die Von Rekens wurden 1180 erstmals erwähnt. Johann von Reken gehörte um 1350 zu den Bauherren der Burg Blomendal. Die Herren von Reken und von Rade ließen 1192 die erste Kirche, St. Michael zu Neuenkirchen, erbauen. Für das Dorf entstand ein Mittelpunkt, der bald andere Siedler anzog. In der Folgezeit haben sich die Herren von Stelle – teils Ritter, teils Knappen – mit Schenkungen an die Pfarre „Nygenkerken“ sehr verdient gemacht.

Das Kirchspiel Neuenkirchen erstreckte sich sehr viel weiter über die Dorfgrenzen hinaus. Es reichte bis Hassel im Amt Hagen und von der Gösper Mühle bis an die Weser. Gegen Osten grenzte es an Blumenthal, gegen Norden an Osterstade. Ein umfangreiches Gebiet, für das der Erzbischof in Neuenkirchen ein Patrimonialgericht einsetzte. Bei dieser Gerichtsform übernahm der Gutsherr im Namen des Besitzers die verbindliche Rechtsprechung. Die Gerichtssitzungen fanden vor dem Gotteshaus in Neuenkirchen unter drei Linden statt. 1471 wurde das Amt Neuenkirchen dem Amt Blomendal zugeschlagen.

Die Abgaben, die Ritter und Gutsherren dem Bremer Dom zu liefern hatten, zogen diese durch Pachtgebühren, den Zehnten und andere Abgaben von den Bewohnern ein. Als die Burg Blomendal mit bremischen Amtsträgern besetzt war, zogen diese die für die Stadt bestimmten Abgaben ein. Ab 1550 zahlte der Müller Jürgen Stenow für die Gösper Mühle eine Jahrespacht an die Burg Blomendal.

Eine Randnotiz? Sicher nicht für den dortigen Inhaber, den jungen Bremer Bürgermeister Dr. Erich Hoyer, der zu jener Zeit Pächter und Richter auf der Burg war. Grundsätzlich war Pacht eine Bringschuld. Da ist es durchaus denkbar, dass Tochter Metjen den Müller bei der Abgabe der Mühlenpacht in die Burg begleitete und so dem Hausherrn begegnete. Eine anmutige Fantasie, die mit einer Eheschließung besiegelt wurde. An die Decke des Hoyersaals der Burg Blomendal ließ Hoyer um 1575 sein eigenes Abbild und das seiner Frau Metjen malen. Sein Bild mit der dreifachen Amtskette ist heute noch zu bewundern, das seiner Frau ist durch die Jahrhunderte etwas verblasst.

Dass die Pacht der Rekumer Fähre sechs Thaler und acht Grote betrug – auch nur eine Aktennotiz? Keineswegs. Die Bedeutung der Fähre erkennt man erst, wenn man sie als Bindeglied des alten Handels- und Heerweges Leer-Oldenburg-Bremervörde-Stade erkennt. Auch die ständige Plünderung und Ausbeutung der Ortschaft durch Schweden, die Oldenburger Grafen oder dänische Reiterei teilten Neuenkirchen und Rekum mit vielen Orten dieser Region. Dänen drangen sogar bis in die Sterbekammer, die herrschaftliche Grablege innerhalb des Kirchenbodens, vor, stahlen dort liturgisches Gerät sowie die Armenkasse und richteten Zerstörungen an.

1655 traf ein Blitz den Turm der Michaelskirche. Erst zehn Jahre später wurden mithilfe der Bremer Kirchen die Schäden am Turm repariert. 1768 konnte endlich ein Neubau der Kirche auf den romanischen, aus rustikalen Feldsteinen gefügten Grundmauern des alten Gotteshauses ausgeführt werden. Der Turm mit seinen Sandsteinquadern blieb im Wesentlichen erhalten. Ein interessantes Relikt ist die winzige Turmkapelle. Möglicherweise ist sie beim Bau als Übergang vom Turm zum Langschiff entstanden, vielleicht ist sie aber auch schon älter; eine Zuflucht vor feindlichen Übergriffen. Ein kleines Sandsteinrelief der Kreuzigungsszene, jetzt an der äußeren Turmmauer befestigt, dürfte ursprünglich im Inneren der Kirche oder direkt über dem Eingang angebracht worden sein. Wahrscheinlich hat das Relief, seit Neuenkirchen vom lutherischen zum reformierten Bekenntnis wechselte, seine Bedeutung verloren. Auch der Name Michaelskirche, seither ohne Nennung des Heiligen, ist dem reformierten Bekenntnis geschuldet.

Für die Ausgabe DIE WOCHE - MEIN VEREIN schreibt Ulf Fiedler regelmäßig Texte über Wissenswertes aus der Historie der Region. Lob, Anregungen und Kritik senden Sie bitte an ulffiedler@yahoo.de.

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