Interview mit Fettes Brot

„Gibt es ein Leben nach dem Brot?“

Seit 25 Jahren sind Fettes Brot aus der deutschen Musiklandschaft nicht mehr wegzudenken. Gerade ist ihr neuntes Studioalbum erschienen. Im Interview spricht das Trio über Liebe, rechte Gesinnung und Socken.
06.05.2019, 13:18
Lesedauer: 5 Min
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Von Nadine Wenzlick
„Gibt es ein Leben nach dem Brot?“

Schon seit "The Grosser" gerne auf dem Rummel: Das Trio Fettes Brot.

JENS HERRNDORFF

Ihr neues Album trägt den Titel „Lovestory“. Kann unsere Welt gerade etwas mehr Liebe vertragen?

König Boris: Liebe kann nie schaden! Wenn die Leute sich unser Album anhören, werden sie aber schnell feststellen: Es ist nicht unbedingt das, was man erwartet, wenn man den Titel „Lovestory“ liest. Sowohl musikalisch als auch inhaltlich sind die Songs, so hoffe ich doch, im besten Fall überraschend.

Es geht auf dem Album um Liebe zu Robotern, gleichgeschlechtliche Liebe und Liebe zur Mutter der Freundin. Wie kamen Sie auf die Idee, ein Album über die Liebe in all ihren Facetten zu machen?

Dokter Renz: Als wir die ersten Demos fertig hatten, stellten wir fest, dass sie sich irgendwie alle um die Liebe drehen. Also dachten wir: Vielleicht können wir einen thematischen Rahmen, eine inhaltliche Klammer finden. Wenn man an seinem neunten Studioalbum arbeitet, geht es natürlich auch darum, etwas Neues auszuprobieren, das man so noch nicht gemacht hat. Deswegen sind wir für die Aufnahmen dieses Mal auch nach Niebüll (Anm. d. Red.: Stadt im Kreis Nordfriesland in Schleswig-Holstein) gefahren, statt in unserem eigenen Studio zu bleiben. Das hat uns inspiriert, noch mal ganz anders Musik zu machen.

Wie wichtig ist Veränderung für die Kunst?

König Boris: Experimente sind immer gut. Das heißt nicht, dass es funktioniert. Aber mal ausprobieren, wie es ist, etwas anders zu machen, ist nie eine schlechte Idee, für Kunst im Allgemeinen. Wir haben den Anspruch, uns nicht allzu sehr zu wiederholen und immer frische, neue Ansätze zu finden.

Dokter Renz: Auf den ersten Blick löst so ein Album-Thema natürlich eine Verengung aus, aber wir haben schnell gemerkt, dass sich von diesem roten Faden ausgehend vieles noch überraschender und pointierter beschreiben ließ – zum Beispiel, indem man statt eines Songs mit dem Titel „Du sollst nicht die AfD wählen“ das Dilemma eines Menschen beschreibt, der eine Entfremdung von seinem Partner spürt.

Sie sprechen den Song „Du driftest nach rechts“ an, in dem es darum geht, dass die geliebte Person plötzlich eine rechte Gesinnung annimmt. Etwas, das Sie selbst erlebt haben?

Björn Beton: Ich glaube, das kennt jeder: Dass im Umfeld irgendjemand etwas sagt und man denkt: Hä? Das hat der jetzt nicht wirklich gerade gesagt! Wie kommt man denn auf das schmale Brett?

Dokter Renz: Der Riss geht ja auch durch Familien. Ich denke da zum Beispiel an England: Da haben Großeltern für den Brexit gestimmt und die Enkel denken: Was fällt euch eigentlich ein? Die Folgen erlebt ihr doch gar nicht mehr. In Amerika ist es mit Trump genauso.

Das neue Fettes-Brot-Album "Lovestory" handelt von der Liebe, hat mit 08/15-Romantik aber nichts zu tun. "Sowohl musikalisch als auch inhaltlich sind die Songs, so hoffe ich doch, im besten Fall überraschend", erklärt König Boris (Mitte).

Das neue Fettes-Brot-Album "Lovestory" handelt von der Liebe, hat mit 08/15-Romantik aber nichts zu tun. "Sowohl musikalisch als auch inhaltlich sind die Songs, so hoffe ich doch, im besten Fall überraschend", erklärt König Boris (Mitte).

Foto: Jens Herrndorf

Wie nehmen Sie die politische Situation in Deutschland wahr?

König Boris: Ich habe das Gefühl, dass sich immer mehr Leute mit ihren menschenfeindlichen Weltbildern raus trauen, sich nicht mehr schämen, dass sie so denken, und wenn es um die Flüchtlingskrise geht im Chor rufen: ‚Lasst sie ertrinken‘. Das ist doch verrückt. Was ist da los? Ich kann mir gar nicht vorstellen, was in den Köpfen dieser Leute vorgeht. Wie abgestumpft kann man sein und wie wenig kann man bemerken, was man da gerade tut?

Dokter Renz: Und dieselben Leute haben Tränen in den Augen, wenn sie daran denken, wie Genscher den DDR-Bürgern damals gesagt hat, dass sie das Botschaftsgelände jetzt verlassen und ausreisen dürfen. Das ist noch nicht lange her und das ist eine deutsche Geschichte.

Björn Beton: Auf eine Art beschreibt „Du driftest nach rechts“ also auch unser Verhältnis zu Deutschland. Wir fühlen uns manchmal befremdet davon, was einige Menschen in der Gesellschaft sagen. Das heißt nicht, dass ich mich von Deutschland trennen möchte, weil ich es nicht mehr aushalte – aber es macht mich an der einen oder anderen Stelle so wütend, dass ich den Mund einfach aufmachen muss.

Dokter Renz: Es geht darum, da gegenzusteuern, vom Sofa aufzustehen und zu sagen: Moment mal! Wir sind mehr, daran glaube ich fest. Wir leben in einem demokratischen Land, in dem die Mehrheit der Menschen für Menschenwürde und Gleichberechtigung ist. Man muss es nur immer wieder sagen.

Fettes Brot gibt es inzwischen seit über 25 Jahren. In dem Stück „Zwei Freunde und du“ feiern Sie Ihre Freundschaft, oder?

König Boris: Ja, wir lassen die Freundschaft hochleben. Das ist unsere Geschichte und irgendwie auch nicht – als wäre unser Leben verfilmt worden. Der Song ist nicht komplett autobiografisch, aber er trifft den Kern ganz gut.

Was ist Ihr Geheimnis, dass es auch nach all den Jahren noch so gut läuft?

Dokter Renz: Naja, zum einen haben wir halt nichts anderes gelernt…

Björn Beton: Ich glaube, dass wir insgesamt einfach treue Seelen sind. Wir wissen die Freundschaft zu schätzen und pflegen sie. Das bedeutet auch, dass man die Stärken und Schwächen der anderen und von sich selbst kennt – und den anderen so akzeptiert, wie er ist.

Neben dem Album „Lovestory“ haben Sie kürzlich auch Ihr erstes Buch veröffentlicht: „Was wollen wissen“ basiert auf ihrer gleichnamigen Radiofragestunde auf N-Joy. Warum nun auch ein Buch?

Björn Beton: Wenn man ganz ehrlich ist, kam der Verlag auf die Idee. Wir waren am Anfang eher skeptisch, ob das, was wir da so an Quatsch erzählen, in gelesener Form Spaß macht. Aber dann haben wir es ausprobiert, ein paar Lieblingsstellen aus den Sendungen runtergeschrieben und gemerkt, dass das echt lustig ist.

In der Radiosendung dürfen Hörer Ihnen Fragen stellen und dann reden Sie einfach. Wie kommen Sie auf all diese quatschigen Antworten?

Björn Beton: Im besten Fall sind die Fragen der Leute so offen, dass man sich dazu einfach eine Geschichte ausdenken kann. Eine gewisse gedankliche Biegsamkeit ist natürlich schon von Nöten, um den Wahnsinn heil zu überstehen. Und es besteht immer das Risiko des Scheiterns. Es kann passieren, dass uns weder etwas Witziges, noch etwas Intelligentes oder Mitfühlendes einfällt.

Dokter Renz: Das ist ganz schrecklich, wenn ich die anderen angucke und ihr Blick sagt: Kannst du vielleicht was sagen?

Auf welche Frage bekämen Sie gerne mal eine Antwort?

König Boris: Gibt es ein Leben nach dem Brot?

Dokter Renz: Warum die Socken in der Waschmaschine immer verschwinden interessiert mich tatsächlich auch…

Die Fragen stellte Nadine Wenzlick.

Fettes Brot sind Boris Lauterbach alias König Boris, Martin Vandreier alias Dokter Renz und Björn Warns alias Björn Beton. Die Band gründete sich Anfang der Neunziger im Kreis Pinneberg und hat gerade ihr neuntes Studioalbum „Lovestory“ veröffentlicht. Zu ihren erfolgreichsten Hits zählen „Jein“, „Schwule Mädchen“ oder „Emanuela“. Das neue Fettes-Brot-Album „Lovestory” ist am Freitag erschienen. Am 8. November spielt die Band in der Hamburger Barclaycard Arena. Bereits am 19. Oktober treten Fettes Brot im Rahmen ihrer "Lovestory-Tour" im Bremer Pier 2 auf. Das Konzert war so schnell ausverkauft, dass es ein Zusatzkonzert am 18. Oktober geben wird.

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