Mensch, Puppe! feiert Premiere von Friedrich Dürrenmatts „Die Physiker“ als Spiel für Erwachsene

Grotesk, klug und ein bisschen abgedreht

Bremen. Ganze Schülergenerationen haben sich mehr oder minder damit gequält: „Die Physiker“ von Friedrich Dürrenmatt gehört seit den 1960er-Jahren zur Pflichtlektüre im Deutschunterricht. Nun gibt es eine Möglichkeit, sich mit diesem Theater-Klassiker in einer ganz anderen, obendrein extrem unterhaltsamen Form auseinandersetzen: Mit einem Puppenspiel unterstreicht das Bremer Figurentheater Mensch, Puppe! die groteske und theatralische Form in ganz besonderer Weise.
11.04.2016, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Grotesk, klug und ein bisschen abgedreht
Von Uwe Dammann

Ganze Schülergenerationen haben sich mehr oder minder damit gequält: „Die Physiker“ von Friedrich Dürrenmatt gehört seit den 1960er-Jahren zur Pflichtlektüre im Deutschunterricht. Nun gibt es eine Möglichkeit, sich mit diesem Theater-Klassiker in einer ganz anderen, obendrein extrem unterhaltsamen Form auseinandersetzen: Mit einem Puppenspiel unterstreicht das Bremer Figurentheater Mensch, Puppe! die groteske und theatralische Form in ganz besonderer Weise. Am Wochenende hatte das Stück vor ausverkauftem Haus in der Schildstraße die begeistert aufgenommene Premiere.

Man kann es mutig nennen, klug oder gar ein bisschen abgedreht, wenn man sich diesem Klassiker der deutschsprachigen Theaterliteratur mit einem Puppenspiel nähert. Genau das hat Mensch, Puppe! gewagt: mit kleinen Handpuppen, aber auch – und das noch eindrucksvoller – mit sogenannten Kaukautsky-Puppen. Das sind Spielfiguren ohne Kopf, die über echte Schauspieler zu Leben erweckt werden.

Die Schauspieler, das sind in diesem Fall Leo Mosler und Jeanette Luft, verstehen es meisterhaft und professionell über Mimik, Gestik und Sprache das Geschehen in eindrücklicher Weise auf die Bühne zu bringen. In schwarz gekleidet, um den eigenen Körper verschwinden zu lassen, hängen sich die Schauspieler die Figuren um den Hals, mimen fast ausschließlich mit ihrem Gesicht die Rolle und bewegen dazu die Hände der Puppe. Das ist nicht nur skurril anzuschauen, sondern auch dienlich, um das Drama aus den unterschiedlichsten Perspektiven zu entwickeln und das Groteske der Handlung zu inszenieren.

Wer ist hier verrückt?

Schon bald fragt man sich, wer ist denn hier eigentlich verrückt? Der ermittelnde Kommissar Inspektor Voss, die Chefärztin oder die Physiker? Der Physiker Newton gibt beispielsweise den Hinweis darauf, dass man zwar einen kleinen Mörder verurteile, den Erfinder der Atombombe jedoch nicht und unterstreicht diese widersprüchliche Moral als Kennzeichen einer bürgerlich grotesken Weltordnung.

Konkret geht es in dem Stück von Friedrich Dürrenmatt um drei Physiker, die sich als Geisteskranke ausgeben. Der erste von ihnen behauptet, Albert Einstein zu sein, der zweite hält sich für Isaac Newton. Der dritte, Johann Wilhelm Möbius, hat die so genannte Weltformel entdeckt, die in den falschen Händen zur Vernichtung der gesamten Menschheit führen könnte. Mit seiner Behauptung, ihm erscheine König Salomo, will er sich selbst unglaubwürdig machen und so dem Missbrauch seiner Entdeckung vorbeugen. Newton und Einstein hingegen sind in Wahrheit Agenten rivalisierender Geheimdienste und haben sich nur ins Irrenhaus einweisen lassen, um an Möbius’ Erkenntnisse zu gelangen.

Bangen um Geheimnisse

Die drei Physiker ermorden ihre Krankenschwestern, weil sie um ihre Geheimnisse fürchten. Als Inspektor Voss mit seinen Ermittlungen der Todesfälle beginnt (herrlich in Mimik und Gestik Leo Mosler), vernichtet Möbius seine Formel. Es gelingt ihm, auch seine beiden Kollegen davon zu überzeugen, ihr gefährliches Wissen zu verschweigen. Doch der Pakt der Physiker kommt zu spät: Mathilde von Zahnd, die missgestaltete Besitzerin und Chefärztin des Irrenhauses, hat bereits Möbius’ Aufzeichnungen kopiert. Als einzig wirklich Verrückte – Jeannette Luft unterstreicht das hervorragend – glaubt sie tatsächlich, im Auftrag König Salomos zu handeln und will mit der Formel die Weltherrschaft erringen. Die Physiker aber bleiben im Irrenhaus eingesperrt und haben keine Möglichkeit mehr, Zahnds Pläne zu verhindern.

Das Ensemble von Mensch, Puppe! hat sich in ihrer Adaption des Stückes in der Regie von Rainer Schicktanz und Dramaturgie von Philipp Stemann an den Handlungsstrang des Originals gehalten. Die Musik, die viele Szenen eindrucksvoll verdichtet stammt von Annegret Enderle.

Die Inszenierung beeindruckt durch den Einsatz der verschiedenen Puppen, Licht- und Toneffekten und der ständigen Verwandlung der Darsteller. Leo Mosler und Jeannette Luft spielen rund ein Dutzend Rollen. Mal lediglich als Sprecher der Handpuppen, dann wieder als „reale“ Figur mit der Kaukatsky-Puppe. Das ist vor allem grotesk und passt damit hervorragend zur Kulisse des Irrenhauses.

Im vorigen Jahr bekam Mensch, Puppe! mit ihrem Stück „Anton Tschechow. Ein Einakter“ bei den Hamburger Privattheatertagen den Publikumspreis zu erkannt. Gut möglich, dass das Ensemble in diesem Jahr mit „Die Physiker“ wieder Chancen auf eine ähnliche Auszeichnung hat. Das Publikum der Premiere jedenfalls war begeistert und klatschte lang anhaltenden Beifall.

Weitere Aufführungen sind am 15., 16. und 22. April um 20 Uhr. Karten unter Telefon 79 47 82 92 oder E-Mail post@menschpuppe.de.

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