Hartes Brot für freie Künstler

Wer am Europahafen vor der temporären Hafenbar „Golden City“ steht, dem fällt vieles auf: Die veralteten Holzwände und Fenster, die halbierten Fässer, die als Dach dienen. Im Inneren dienen Holzplatten auf Fässern als Tische.
08.09.2015, 00:00
Lesedauer: 2 Min
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Von Niklas Golitschek
Hartes Brot für freie Künstler

Frauke Wilhelm weiß, dass freie Künstler oft nur wenig verdienen.

Petra Stubbe

Wer am Europahafen vor der temporären Hafenbar „Golden City“ steht, dem fällt vieles auf: Die veralteten Holzwände und Fenster, die halbierten Fässer, die als Dach dienen. Im Inneren dienen Holzplatten auf Fässern als Tische. Dass in diesem bunten Bauwerk derzeit eine Ausstellung stattfindet, fällt im ersten Moment kaum auf. Ganz unscheinbar hängen sie an den Wänden, die zwölf Tafeln. Sie wirken mit ihren teils schrillen Motiven wie eine Verzierung, vermitteln aber eine für die Künstler wichtige Botschaft: Vor allem Freischaffende haben es nicht leicht.

Die Ausstellung „Im Spagat“ thematisiert die Arbeitsbedingungen der Kreativen. Gesche Piening und Ralph Drechsel haben dafür einige Daten des Reports der Darstellenden Künste 2010 visualisiert, um darauf aufmerksam zu machen. „Die Ergebnisse decken sich mit unseren Erfahrungen“, sagt Frauke Wilhelm, Betreiberin des „Golden City“.

Geringer Lohn, große Zufriedenheit

Links vom Eingang hängt die erste Tafel. Ein großer schwarzer Punkt ist zu sehen – symbolisch für den Etat der öffentlichen Haushalte. Darunter mehrere kleine auf weißem Hintergrund. Ein bis drei Prozent des Gesamthaushalts sind für den Kulturetat reserviert, 0,3 bis 2,5 Prozent davon für die freie Szene, heißt es in der Erläuterung unter dem Bild. Das macht sich auch in den Geldbeuteln der Künstler bemerkbar. Bei den mehr als 4000 für den Report befragten Kreativen lag das Nettojahresgehalt 2008 bei etwa 14 000 Euro – bei den Männern. Frauen kamen im Schnitt auf 9400 Euro. Diese Problematik wird auf einer weiteren Tafel sichtbar. Auf dieser sind ein Büstenhalter und eine Unterhose abgebildet, dazwischen steht groß: „-33%“, ein Lohn von teils weniger als fünf Euro die Stunde. Obwohl die meisten akademisch ausgebildet sind.

„Der Lohn ist niedrig, aber die Zufriedenheit wächst, je mehr Zeit für die Kunst bleibt“, sagt Wilhelm und bezeichnet ihre Branche in den Punkten Lohn, Versicherungen, Arbeitszeiten und Jobsicherheit als „negativen Vorreiter“. Sie merkt weiter an, dass viel Aufwand für nicht-künstlerische Tätigkeiten anfällt. Nur ein kreativer Kopf reiche nicht, es bedürfe auch unternehmerischer Qualitäten. Die Projekte würden meist in Eigenregie organisiert. „Die künstlerische Arbeit kommt gefühlt in den letzten fünf Minuten.“ Bei einer 40-Stunden-Woche seien nur 15 für die kreative Arbeit veranschlagt, der Rest gehe für die Organisation drauf, ergänzt die Sprecherin des „Golden City“, Manuela Demmler.

„Hinzu kommt die Bereitschaft zum Risiko“, sagt Demmler. Manche Künstler würden Kredite aufnehmen, um ihre Ideen umzusetzen und beim Aufbau noch mit anpacken, damit am Ende ein fertiges Projekt entsteht. Außerdem tragen sie auch die Verantwortung für die Mitarbeiter, so wie Frauke Wilhelm. Sie muss genau kalkulieren. Die Beteiligten verdienten einen nicht zu verachtenden Teil ihres Einkommens im „Golden City“. „Viele Besucher stellen sich solche Bedingungen gar nicht vor“, meint Demmler. Die letzte Tafel bedarf angesichts dieser Daten keine weitere Erklärung: ein unbemaltes, weißes Bild in einem goldenen Rahmen.

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