Beim Erfinderstammtisch in Hamburg tauschen sich Genies und andere über alltägliche Schwierigkeiten aus Hauptproblem ist der Verkauf

Sie tüfteln an Halterungen für Leitern, Knotenummantelungen oder Sicherungen für die Wäscheleine – einmal im Monat treffen sich Norddeutschlands Erfinder zum Stammtisch in Hamburg. Dabei geht es nicht nur darum, wie sich die schöpferischen Einfälle am besten vermarkten lassen. Auch über neue Ideen wird diskutiert, zum Beispiel darüber, den Weihnachtsbaum an der Zimmerdecke aufzuhängen.
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Von JOHANNA TYRELL

Sie tüfteln an Halterungen für Leitern, Knotenummantelungen oder Sicherungen für die Wäscheleine – einmal im Monat treffen sich Norddeutschlands Erfinder zum Stammtisch in Hamburg. Dabei geht es nicht nur darum, wie sich die schöpferischen Einfälle am besten vermarkten lassen. Auch über neue Ideen wird diskutiert, zum Beispiel darüber, den Weihnachtsbaum an der Zimmerdecke aufzuhängen.

Wenn Harald Schmidt, André Bujok, Werner Wiesner und Georg Haupt miteinander reden, entsteht leicht der Eindruck, alles sei möglich. Die vier Herren sind Erfinder. Einmal im Monat treffen sie sich in einem kleinen Restaurant im Hamburger Norden. Zwischen Bier und Bauernfrühstück werden Ideen diskutiert und hinterfragt, Tipps ausgetauscht oder einfach nur Frust darüber abgelassen, dass etwas mal wieder nicht so klappt wie es eigentlich sollte.

„Hier ist die Erfinderbasis“, sagt André Bujok, der Vorsitzende der Hamburger Sektion des Deutschen Erfinder Verbandes (DEV). Beim Stammtisch treffen sich Erfinder aus Schleswig-Holstein, Niedersachsen, Bremen und Mecklenburg-Vorpommern – aus dem ganzen Norden eben. „Wir sind 15 Mitglieder in unserer Sektion“, erklärt Bujok.

André Bujok hat schon als Kind viel getüftelt. Viele Radios und ferngesteuerte Autos fielen seiner Neugier zum Opfer – wurden auseinander und genauestens unter die Lupe genommen. Diese technische Leidenschaft ist dem gelernten Industriemechaniker und Konstrukteur geblieben. Heute baut er Spezial-Heizungen. Erfunden hat er bisher noch nichts. „Als Konstrukteur erfindet man eigentlich täglich etwas. Schließlich geht es eigentlich immer darum, Probleme zu lösen“, sagt er. Viele Stammtisch-Mitglieder haben technische Berufe erlernt, sind Ingenieure oder Handwerker. Dadurch bekäme man eine besondere Denkart und gehe kreativer mit vermeintlichen Problemen um, ist sich die Erfinderrunde einig.

Doch anders als Daniel Düsentrieb entwickeln die Erfinder um André Bujok nicht tragbare Löcher, Intelligenzbrötchen oder elektronische Wetterhähne, sondern vielmehr praktische Dinge für den Alltag. So wie Georg Haupt. Erfunden hat er ein kleines Kunststoffteil, das Knoten auf Segelbooten ummantelt, sodass sie sich nicht mehr verhaken können. Die Idee kam ihm beim Regattasegeln. „Wir sind gekentert, weil der Vorschoter, der das Vorsegel setzt, nicht aufgepasst hat und sich ein Knoten an den Wanten, die den Mast spannen, verhakt hat“, erzählt der passionierte Segler. Das Problem ließ den gelernten Tischler nicht los. Er probierte mit Holz und Kunststoff, den Knoten so zu ummanteln, dass er nirgendwo mehr hinterhaken konnte. Nach vier Jahren und etlichen Versuchen war die perfekte Form und das richtige Material gefunden. TSI nennt er die kleinen Plastikteile. Das steht für Tack-Speed-Improver. „Hört sich doch gut an“, sagt er.

Die Idee hat sich bereits bewährt und ist beim Patentamt angemeldet. Inzwischen verkauft der 64-Jährige seine TSIs schon in drei verschiedenen Größen an andere Segler. Doch mit der Vermarktung stockt es noch. „Ich stelle die Dinger momentan noch selbst mit der Fräse her. Drei Stunden dauert das pro Stück.“ Für den Versandhandel ist das zu zeitaufwendig.

Würde einmal eine größere Lieferung bestellt werden, käme Georg Haupt mit der Produktion nicht mehr hinterher. Vielleicht ist ein anderes Herstellungsverfahren die Lösung? In der Erfinderrunde ist man sich einig: Spritzgussverfahren wäre ideal. Doch welche Firma würde so etwas zu günstigen Konditionen anbieten? Ratlose Gesichter. „Ich habe schon mit meinem Zahnarzt gesprochen“, sagt Georg Haupt. „Der macht doch auch irgendwie seine Prothesen und Gebisse.“

Zum Erfinderstammtisch kann jeder kommen – ob Mitglied im Erfinderverband oder neugieriger Gast. „Neben den monatlichen Treffen haben wir auch Arbeitsgruppen, zum Beispiel zum strategischen Erfinden“, erklärt André Bujok. Denn eine Idee aus dem Bauch heraus zu haben ist das eine. Viel mühsamer sei die anschließende Vermarktung und der Vertrieb. Mit dieser Schwierigkeit haben Harald Schmidt, André Bujok, Werner Wiesner und Georg Haupt alle schon ihre Erfahrungen gemacht.

„Wenn man so wie wir gestrickt ist, man der Welt seine Ideen nicht einfach schenken, sondern selbst auch davon ein bisschen profitieren möchte, dann endet man meist sehr traurig“, sagt André Bujok. Denn die Herausforderung bestünde nicht darin, eine Idee zu haben, sondern sie auch zu verkaufen. „Der Erfinder ist von Natur aus misstrauisch“, sagt Bujok. „Manchmal steht er sich damit auch selbst im Weg.“ Denn ein Risiko gibt es immer. Manchmal seien die Ideen einfach noch nicht ausgereift. Doch es gäbe auch immer wieder Firmen, die den Wert einer Idee erkennen und sie dann selbst entwickeln würden. „Man braucht Glück und muss die richtigen Menschen treffen“, sagt Bujok.

„So eine Erfindung, wie den knickbaren Trinkhalm, müsste man machen“, sinniert Harald Schmidt. „Das ist kein neues Produkt, sondern nur eine Weiterentwicklung und unheimlich nützlich.“ Der 75-Jährige hat eine Konstruktion entwickelt, dank der Sattelschlepper nicht umkippen können. Ein anderes von ihm erfundenes Gerät befreit Lastwagen von Eis und Schnee. „Die Ideen liegen eigentlich auf der Straße“, sagt er.

Doch es sind nicht immer nur die großen Ideen, um die es beim Erfinderstammtisch geht. Als Praktiker haben Harald Schmidt, André Bujok, Werner Wiesner und Georg Haupt auch für alltägliche Probleme eine schnelle Lösung. „Ich hänge unseren Weihnachtsbaum immer an die Zimmerdecke. So kann er nicht umkippen“, sagt Werner Wiesner. Auch eine Vorrichtung, dank der die Wäsche bei Windstößen nicht von der Leine fliegt, habe er schon ausgetüftelt. Und solche Ideen bedürfen auch keiner Vermarktung. Überzeugt werden muss hier niemand. Werner Wiesners Frau ist auch so begeistert.

Der Deutsche Erfinder-Verband (DEV) ist die größte unabhängige Vereinigung von Erfindern in Deutschland mit Sitz in Nürnberg. Er umfasst rund 500 Mitglieder und ist seit über 80 Jahren zentrale Anlaufstelle für Erfinder. Ehrenamtliche Berater geben Tipps und vermitteln relevante Adressen.

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