Film der Woche: „Die Augen des Engels“ versucht, den Fall Amanda Knox fürs Kino tauglich zu machen

Heillos verheddert

Bremen. Spätestens, als die Boulevardpresse der amerikanischen Studentin Amanda Knox den Beinamen „Der Engel mit den Eisaugen“ verpasste, war klar: Die Geschichte dieser Frau – jung, attraktiv, womöglich skrupellos – wird nicht unverfilmt bleiben. Dazu trug auch der rätselhafte Stoff bei, dieses Hin und Her aus Schuld- und Freisprüchen nach dem brutalen Mord an Knox’ WG-Genossin Meredith Kercher, bei dem es diversen Beschuldigte gab und die italienische Polizei, um es vorsichtig zu sagen, nicht immer tadellos gearbeitet hat.
21.05.2015, 00:00
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Heillos verheddert
Von Iris Hetscher

Spätestens, als die Boulevardpresse der amerikanischen Studentin Amanda Knox den Beinamen „Der Engel mit den Eisaugen“ verpasste, war klar: Die Geschichte dieser Frau – jung, attraktiv, womöglich skrupellos – wird nicht unverfilmt bleiben. Dazu trug auch der rätselhafte Stoff bei, dieses Hin und Her aus Schuld- und Freisprüchen nach dem brutalen Mord an Knox’ WG-Genossin Meredith Kercher, bei dem es diversen Beschuldigte gab und die italienische Polizei, um es vorsichtig zu sagen, nicht immer tadellos gearbeitet hat. Sex und Drugs sollen auch eine Rolle gespielt haben bei diesem Drama im Studentenmilieu Perugias des Jahres 2007. Erst kürzlich hat der Fall zumindest juristisch seinen Abschluss gefunden: Amanda Knox wurde Ende März in letzter Instanz freigesprochen.

„Die Augen des Engels“ hat Michael Winterbottom seinen Film genannt, in dem die Ereignisse und Protagonisten des spektakulären Prozesses eine gewisse Rolle spielen. Doch um es gleich vorweg zu sagen: Der britische Regisseur hat aus dem verwickelten und undurchdringlichen Stoff keinen Thriller gemacht, sondern eine verquaste und überfrachtete Midlife-Crisis-Story.

Dabei mutet Winterbottoms Film-im-Film-Ansatz zunächst durchaus originell an. Der deutsche Arthouse-Regisseur Thomas Lang, gespielt von Daniel Brühl, will nach einer kreativen Flaute wieder durchstarten. Er wird von einer Produktionsfirma beauftragt, den Mord an der englischen Austauschstudentin Elizabeth Pryce (Sai Bennett) im italienischen Siena filmisch aufzuarbeiten. Verdächtigt werden Pryces Mitbewohnerin Jessica Fuller (Genevieve Gaunt) und deren Freund Carlo Elias (Ranieri Menicori). Lang sucht zunächst den Kontakt zu Journalisten, die den Fall bereits seit Jahren verfolgen. Vor allem die Amerikanerin Simone Ford (Kate Beckinsale), die bereits ein Buch über den Fall verfasst hat, hilft ihm. Lang beginnt selbst zu recherchieren, begreift seinen Auftrag weniger als Suche nach der Wahrheit als vielmehr als Entlarvung der Konstruktion von Wahrheit. Das klingt vielversprechend, doch leider spinnt Winterbottom ab diesem Zeitpunkt zu viele Erzähl- und Konstruktionsstränge und verheddert sich heillos in diesem Knäuel. Denn Thomas Lang steckt nicht nur in einer künstlerischen Krise: Seine Partnerin hat ihn mit der gemeinsamen Tochter Bea(trice) verlassen. Und wenn das Kind schon Beatrice heißt, dann ist es bis zu Dante Alighieri quasi nur noch ein intellektueller Katzensprung – ist dessen Beatrice doch das Sinnbild der verklärten Geliebten und Leiterin durch die neun himmlischen Sphären der „Göttlichen Komödie“.

Lang will den Film nun unbedingt nach dem Muster von Dantes Hauptwerk aufbauen, was bei seinen Geldgebern naturgemäß auf keine große Begeisterung stößt und angesichts des fiktiven wie realen Mordfalls auch einfach nur prätentiös wirkt. Doch damit nicht genug – Lang gerät in eine Schreib- und Schaffenskrise, lässt sich durch das wüste Nachtleben eines düster gezeichneten Sienas treiben, kokst, säuft, geht mit Simone Ford ins Bett und hat zunehmend Wahnvorstellungen. Gerettet wird er, als er sich nicht mehr für die Täter- sondern für die Opferperspektive interessiert, also für die Liebe und nicht mehr für den Hass. Merke: Auch Winterbottom schickt seinen Protagonisten durch Hölle, Fegefeuer und letztlich ins Paradies und nimmt sich dabei die Struktur der „Göttliche Komödie“ zum Vorbild, bis hin zu einer blonden Retterin namens Melanie (Cara Delevingne).

Diese gedoppelte Struktur, die Winterbottom mit Gothic- und Noir-Elementen anreichert, ist zwar tricky, bleibt aber blutleerer Essay. Das liegt an den vielen Themen, die am Wegesrand kurz mal eben gepflückt und wieder fallen gelassen werden (Medienkritik, Verantwortung als Vater, was ist Schuld?). Aber das liegt auch an dem häufig wie unbeteiligt durch den Film spazierenden Hauptdarsteller Daniel Brühl und der fixen Idee des Regisseurs, alle wesentlichen weiblichen Figuren zu ätherischen Ebenbildern der engelhaften Beatrice zu machen – bei so vielen extrem gepflegten Langhaarfrisuren wird die Set-Coiffeurin eine Menge Überstunden geleistet haben. Und der Zuschauer ärgert sich über Frauen-Bilder, die jede beliebige Haarspray-Werbung schmücken könnten.

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