Verdis Spätoper in einer Aufführung im Oldenburgischen Staatstheater Heiteres Theater um betrogenen Falstaff

Eine neue Spielzeit und ein neuer Intendant: Unter dieser Prämisse eröffnete das Oldenburgische Staatstheater mit Giuseppe Verdis „Falstaff“ die Opernsaison 2014/2015. Es war ein anregender Abend, szenisch wie musikalisch ein Glückstreffer.
29.09.2014, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Gerhart Asche

Eine neue Spielzeit und ein neuer Intendant: Unter dieser Prämisse eröffnete das Oldenburgische Staatstheater mit Giuseppe Verdis „Falstaff“ die Opernsaison 2014/2015. Es war ein anregender Abend, szenisch wie musikalisch ein Glückstreffer.

Richard Strauss nannte den „Falstaff“, Verdis letzte Oper, „eins der größten Meisterwerke aller Zeiten“. Igor Strawinsky hingegen befand, dass dieses Spätwerk „keineswegs die beste Oper von Verdi“ sei und rügte ihre musikalische Nähe zu Wagner. Auf jeden Fall steht jedes Theater mit einer Produktion des textlich wie musikalisch ungemein feinsinnig gearbeiteten „Falstaff“ auf dem Prüfstand. Oldenburg hat diese Probe glänzend bestanden.

„Tutto nell mondo è burla“ (Alles ist Spaß auf Erden) heißt das Motto, das der betrogene Falstaff am Ende ausgibt und in das alle Sänger in Form der berühmt gewordenen Schlussfuge einstimmen. Diese abgeklärte, heitere Lebensweisheit könnte man auch als Wahlspruch über die Arbeit von Regisseur Tom Ryser stellen. Seine Inszenierung ist von Anfang bis Ende der pure Theaterspaß. Ist temporeiches, bis ins Letzte durchchoreografiertes Bühnengeschehen, inspiriert von der italienischen Commedia dell’arte.

Zu Beginn steigen die Darsteller, nachdem man sie durchs Foyer hat ankommen sehen, aus den Proszeniumslogen hinab auf die Bühne: Ein deutliches Signal, dass hier Theater gespielt wird. Der Hintergrundprospekt (Ausstattung: Stefan Rieckhoff) zeigt denn auch eine Nachbildung des Oldenburger Zuschauerraums – keine neue, aber eine immer wieder hübsche Idee, die das Spielerische des Geschehens unterstreicht. Hier laufen die Szenen in Falstaffs Quartier im Gasthof „Zum Hosenbande“ ab, hier singt das Ensemble aber auch, losgelöst von jedweder Handlung, die Schlussfuge als heiteres Vermächtnis des Komponisten.

Realitätsnäher geht es in den Bildern zu, die in Fords Haus und Garten spielen. Hier wird die Drehbühne nach hinten zu von einer Wand begrenzt, die mit einer ornamentalen Blumentapete im Stil des späten Biedermeier geschmückt ist und über und über behängt mit Jagdtrophäen in Form von Hirschgeweihen. Auch hier wird in der Personenführung das Leichte, Grazile, Spielerische betont, auch hier immer in Einheit mit der Musik. Das muntere Geplapper und das perlende Gelächter der Frauen findet szenisch ebenso seine Widerspiegelung wie der bedeutungsvoll daherstolzierende Ton der Männer. Und für das Liebesduett im turbulenten vierten Bild, wenn alles nach dem versteckten Falstaff fahndet, greift der Regisseur zu Zeitlupe und Beleuchtungswechsel und hebt damit diese wundersame Verdi-Kantilene aus dem hektischen Geschehen heraus. Sängerisch hat Oldenburg ein leistungsfähiges Ensemble aufzubieten. Im Mittelpunkt der Falstaff, für den mit Marco Chingari der einzige Gast in der Besetzungsliste genannt wird. Er ist nicht die übliche Buffofigur mit aufgeklebter Glatzenperücke, sondern ein mittelalter, leicht ergrauter Grandseigneur, der, wie er selbst sagt, „im schönsten Spätsommer seines Lebens“ steht und in allen heiklen Situationen nicht seine guten Manieren vergisst. Stimmlich steigt er in die Partie (bis auf einen kleinen, sofort überwundenen Durchhänger zu Beginn des vierten Bildes) mit Bravour ein.

Mit wuchtigem, sonorem Bariton meistert er den schwergewichtigen Monolog über die Ehre (einschließlich des hohen G am Schluss) ebenso souverän wie das grazile Pagenlied, ist dem wortdeutlichen Parlando genauso gewachsen wie dem Ausflug ins Falsett. Dazu entwickelt er eine eminente Bühnenpräsenz.

Valda Wilson gibt als Alice Ford mit strahlendem, auch in der Mittellage tragfähigem Sopran ein Versprechen für weitere Partien ab. Die aus Bremen nach Oldenburg gewechselte Alexandra Scherrmann ist mit zart-lyrischem Soubrettensopran eine bezaubernde Nannetta, Yulia Sokolik gibt mit ihrem fülligen Mezzo der Meg Page mehr Profil als sonst gemeinhin üblich, und Melanie Lang als Mrs. Quickly ist eine begnadete Komödiantin, wobei man sich gesanglich die zentrale Begrüßungsfloskel „Reverenza!“ etwas weniger vokalverfärbt hätte vorstellen können.

Bei den Herren dominierte neben dem Falstaff Richard Morrison als Mr. Ford mit einem eindringlichen Eifersuchtsmonolog, der dem Albtraum eines gehörnten Ehemannes beredten Ausdruck verlieh. Köstlich Mykola Pavlenko mit der Karikatur des heiratswütigen Dr. Cajus, wobei das komödiantische Spiel und der leicht grell eingefärbte Tenor ideal zusammenpassten. Nicola Amodio gab dem Liebhaber Fenton in seinem Liebeslied im letzten Bild kraftvolle Höhen. Das Dienerpaar Bardolfo und Pistola schließlich fand in Alexander Murashov und Paul Brady zwei quicklebendige Darsteller, die ohne die sonst oft üblichen Albernheiten auskamen und zuverlässig sangen.

Generalmusikdirektor Roger Epple führte die Solisten, den von Thomas Bönisch vorbereiteten Chor und das pointiert und mit filigranem Klangbild spielende Oldenburgische Staatsorchester sicher durch die klippenreiche Partitur. Bemerkenswert an Epples insgesamt temporeicher Interpretation waren die immer wieder eingelegten kurzen Generalpausen, die wie Ausrufezeichen auf die kommende Passage hinwiesen.

Insgesamt verband die Aufführung musikalische Kultur mit einer werkgetreuen, dennoch zeitgenössischen Inszenierung ohne erhobenen Zeigefinger. Vom Publikum wurde das mit begeistertem Beifall honoriert.

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