Herr Regener greift durch

Es ist ein verkorkster Beginn, wie er in den Schelmenromanen um einen gewissen Herr Lehmann beschrieben worden sein könnte. Tatort: das an der Außenalster gelegene Literaturhaus Hamburg, ein gutbürgerlicher weißer Prachtbau, wie man ihn sich auch in Bremen häufiger als Behausung des Schönen, Guten und Wahren wünschen würde.
21.09.2014, 00:00
Lesedauer: 5 Min
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Herr Regener greift durch
Von Hendrik Werner

Es ist ein verkorkster Beginn, wie er in den Schelmenromanen um einen gewissen Herr Lehmann beschrieben worden sein könnte. Tatort: das an der Außenalster gelegene Literaturhaus Hamburg, ein gutbürgerlicher weißer Prachtbau, wie man ihn sich auch in Bremen häufiger als Behausung des Schönen, Guten und Wahren wünschen würde. Tatzeit: ein kühler, aber sonniger Spätsommervormittag. Tatprojekt: ein Treffen mit Sven Regener, eigensinniger Kopf der 1985 gegründeten Band Element of Crime, und Schlagzeuger Richard Pappik, der 1986 zur Gruppe stieß. Der Drummer mache nie sonderlich viele Worte, hatte der Mann von der Plattenfirma („Ich bin der Florian“) im Vorfeld des Interviews beschieden. Was eventuell heißen sollte: Regener, diese „Rampensau“ – so nennt ihn zärtlich der Schriftsteller Germar Grimsen, ein Freund und kommunistischer Kampfgenosse aus Bremer Jugendtagen – lässt ohnehin keinen Kollegen zu Wort kommen.

Zunächst macht freilich überhaupt niemand Worte, weil zur vereinbarten Zeit keiner der avisierten Gesprächspartner verfügbar ist. Nicht Regener, nicht Pappik – nicht einmal der Florian. Nicht nach fünf, nicht nach sieben Minuten. Dafür erbarmt sich ein Kellner des nach einem Samuel-Beckett-Roman benannten Literaturhaus-Cafés „Mercier und Camier“. Er empfiehlt dem Reporter, sich die Wartezeit mit der Pressekonferenz des Literaturhauses zu vertreiben, das seit 25 Jahren in der Villa am sogenannten Schwanenwik residiert.

Gut, dass der Reporter ablehnt – und zudem in jener hohen Kunst des Wartens geübt ist, die Regener seit jeher in seinen mal elegischen, mal maliziösen Liedern thematisiert – auch auf dem 13. Studioalbum, das am Freitag erscheint. „Lieblingsfarben und Tiere“ heißt es. Regener, dieser wie seine Romanfiguren erbittert um jedes Quantum Bedeutung ringende Rabulist, wird diesen Namen später als kindlich, aber nicht regressiv apostrophieren. Und wird zu Protokoll geben, das Album sei ungewohnt leicht und bunt. Mal abgesehen von dem Lied „Liebe ist kälter als der Tod“, dessen Titel einem Film von Rainer Werner Fassbinder abgelauscht ist, einer schwarz-weißen Gangster-Moritat. Regener bezeichnet den Song als „harten Koffer“. Tatsächlich ist das Stück ungewohnt krass.

Der Titelsong „Lieblingsfarben und Tiere“ ist die erste Singleauskopplung. „Im Schwachstromsignalübertragungsweg gibt es Durchleitungsprobleme“, heißt es da. „Doch wer wirklich zu mir will, kommt damit klar / Er braucht nur Lieblingsfarben und Tiere, Dosenravioli und Buch / Und einen Bildschirm mit Goldfisch. Das ist für heute genug“. Das zugehörige Video zeigt gemächlich anmutende Vorarbeiten der Band für einen Auftritt. Songtext und Video legen nahe, dass verhaltenes Tempo und gewissenhafte Vorbereitung für Regener richtig und wichtig sind.

Entsprechend verständnisvoll gibt sich der Reporter, als Regener, Pappik und der Florian mit zwölfminütiger Verspätung zum verabredeten Treffpunkt kommen. Regener bestellt vier Flaschen Wasser mit Sprudel (später greift er unwirsch durch, als zwei Flaschen ohne Sprudel serviert werden). Der Florian verlässt den Konferenzraum, um sein Smartphone zu traktieren, und Pappik spricht wirklich nicht viel. Dafür ist Regener redselig. Offenbar freut es ihn, im Rahmen anfänglicher Artigkeiten über Bremen reden zu können. So erinnert er sich an den über die Weser wabernden Nebel – und an das schier endlose Warten auf die Straßenbahn, wenn er als Teenager von der Vahr gen Viertel fahren wollte. Weiter führt er aus, dass er gern gekommen wäre, als die Schwankhalle im Mai eine Bühnenadaption des von ihm und Germar Grimsen geschriebenen Textes uraufführte, aber keine Lust hatte, allein hinzugehen (Ko-Autor Grimsen plagte dem Vernehmen nach ein Rückenleiden). Dass das Theater Bremen Element of Crime zur Spielzeiteröffnung einen Liederabend widmet, findet er stark (Lieblingswort!). Überdies sei seine Band dort offenbar in guter Gesellschaft, fügt er mit Blick auf den Liederabend für Leonard Cohen hinzu.

Als Regener zuletzt dienstlich in Bremen weilte, war er zwar auch in guter Gesellschaft, zugleich aber sehr gefordert. Gleich drei Lesungen aus dem Roman „Magical Mystery oder: Die Rückkehr des Karl Schmidt“ absolvierte er im Februar im Schlachthof; zwei folgten fast direkt aufeinander. Wenn Regener tatsächlich eine Rampensau ist, war diese nach dem dritten Auftritt sehr heiser. Das werde ihm beim nächsten Bremer Gastspiel nicht passieren, verheißt er. Am 7. März stellen Element of Crime das neue Album im Pier 2 vor.

„Lieblingsfarben und Tiere“ ist ein gelungenes Werk – zumal die apokalyptisch grundierte Elegie „Dunkle Wolken“ und das verhohlen ironisch unterfütterte Lied „Schade, dass ich das nicht war“. Auch wenn das Album dem Verdacht zuarbeitet, die darauf versammelten vorgeblich neuen Songs – zehn an der Zahl – seien wiederum jenem ökonomischen Recycling-Projekt verpflichtet, das die Band seit Anfang der 90er-Jahre pflegt, als sie von englisch- zu deutschsprachigen Texten wechselte. Regener ist freilich seit jeher clever und smart genug, ewig währende Originalität und ach so unverbrauchte Innovationskraft erst gar nicht für sich und seine Band zu reklamieren. Deren bisheriges Werk umfasse allenfalls drei, vier ursprüngliche Kreationen, gibt er notorisch zu Protokoll. Alles andere seien mehr oder weniger subtile Spielarten der Wiederholung.

Entsprechend sinnig mutete im Jahr 2010 die Veröffentlichung des Albums „Fremde Federn“ an, das 20 freundliche Übernahmen versammelt. Immerhin drei Coverversionen – „Medicine Man” (John Mayall), „If” (Pink Floyd) und „We Have All The Time In The World” (Louis Armstrong) – bietet auch die Ende August ausgelieferte 10-Inch-Vinyl-Single „Lieblingsfarben und Tiere“. Regener liebt Anleihen, gibt ihren Ursprung aber nur selten preis. Zum einen geschehe jener Akt der Aneignung oder Überschreibung, der in Selbst- und Fremdzitate mündet, in der Regel unbewusst, sagt er. Zum anderen weigert er sich standhaft, seine Texte und deren Zustandekommen zu erläutern, geschweige denn zu interpretieren.

Das gilt auch für die Vieldeutigkeit, die seine poetischen Preziosen auszeichnet. „Ambivalenz ist der erwünschte Effekt“, sagt er. „Das gehört so. Die Texte bieten mehrere Möglichkeiten – ohne Beipackzettel. Das kann jeder lesen, wie er will.“

Ach ja, einmal kommt Richard Pappik doch zu Wort – und beweist prompt mehr Lokalkompetenz für Bremen als sein dort aufgewachsener Kollege. als er sich an einen Auftritt im Römer erinnert, wo sich die Band zum Betreten der Bühne „hinter dem Tresen durchquetschen musste“, was „ziemlich erniedrigend“ gewesen sei.

Erhaben indes sind die Lieblingstitel der beiden auf dem neuen Album: Pappik nennt „Schwert, Schild und Fahrrad“, weil das „schön, warm und zerbrechlich“ sei. Regener nominiert „Wenn der Wolf schläft, müssen alle Schafe ruhen“ – „wegen des Titels und meines Trompetensolos“.

Es sind ergiebige Tage für

hiesige Fans der Gruppe

Element of Crime, deren Sänger und Trompeter, Sven Regener, am 1. Januar 1961 in Bremen geboren wurde. Just widmete das Theater Bremen der Band einen Liederabend. Und am Freitag erscheint ein neues Album mit dem Titel „Lieblingsfarben und Tiere“. Anlass genug für ein

Gespräch mit Sven Regener.

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