Stadt im Harz ist die deutsche Hochburg der Kunstsprache / In Hameln treffen sich zu Pfingsten die deutschen Esperantisten

Herzberg heißt auch La Esperanto-Urbo

Herzberg·Hameln. Esperanto: Eine Kunstsprache, die der Warschauer Augenarzt Ludwik Zamenhof Ende des 19. Jahrhunderts entwickelte, um Sprachgrenzen zu überwinden und so zur Völkerverständigung beizutragen.
24.05.2015, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Joachim Göres

Esperanto: Eine Kunstsprache, die der Warschauer Augenarzt Ludwik Zamenhof Ende des 19. Jahrhunderts entwickelte, um Sprachgrenzen zu überwinden und so zur Völkerverständigung beizutragen. Leichter zu lernen als jede andere Sprache, funktioniert sie doch nach dem Prinzip ein Artikel, Kleinschreibung, eine Grammatik, keine Ausnahmen. Nach dem Verbot durch die Nationalsozialisten herrschte nach dem Krieg in Deutschland eine Aufbruchstimmung – in Bremen meldeten sich 1946 nach einer Zeitungsmeldung 110 Interessenten zu Esperantokursen. Doch inzwischen scheint die Sprache ihre Faszination verloren zu haben: In Bremen wurde die 1906 gegründete Gruppe vor zwei Jahren mangels Mitgliedern geschlossen.

An diesem Wochenende kommen rund 200 der 1000 Mitglieder des Deutschen Esperanto-Bundes zum 92. Esperanto-Kongress in Hameln zusammen. Untergruppen wie die Eisenbahner oder die Lehrer tauschen sich über ihr Fachgebiet aus – natürlich auf Esperanto. Man bietet in der Rattenfängerstadt für Interessenten Schnupperkurse an und versucht, Vorbehalte auszuräumen. „Es heißt häufiger, auf Esperanto gebe es keine Witze, keine Lieder, keine Redensarten, keine Gedichte, und außerdem lohne sich das Erlernen nicht, denn die Sprache sterbe aus. Das ist alles falsch“, sagt Louis von Wunsch-Rolshoven, Sprecher des Deutschen Esperanto-Bundes. Die verschiedenen Ortsgruppen in Deutschland machen sich allerdings schon Gedanken, wie man junge Leute gewinnen kann. „Es gibt an Universitäten Professoren, die Esperanto sprechen, aber es finden kaum Lehrveranstaltungen zu der Sprache statt. An den Schulen sieht es nur wenig besser aus“, räumt Peter Zilvar ein, Leiter des Deutschen Esperanto-Zentrums in Herzberg.

Die Stadt im Harz ist die große Ausnahme. Herzberg ist laut Zilvar der weltweit einzige Ort, in dem es Straßenschilder auch auf Esperanto gibt. Auch in zahlreichen Restaurants finden sich Speisekarten auf Deutsch und Esperanto, in Hotels wird Esperanto gesprochen – Touristen aus dem Ausland kommen gezielt hierher, weil sie sich in der Harzstadt auf Esperanto verständigen können. 2006 stimmten alle Parteien des Stadtrates dafür, Herzberg den Namen „la Esperanto-urbo“ zu geben – die Esperanto-Stadt. Seitdem können sich hier Esperanto-Lehrer fortbilden, Sprachkurse werden angeboten, eine große Bibliothek steht bereit.

„Vor acht Jahren hatten wir in Herzberg 60 Schüler, die Esperanto als Wahlpflichtfach in der Schule lernten und sich innerhalb von einem Jahr gut auf Esperanto verständigen konnten, beispielsweise mit Schülern aus der polnischen Partnerstadt. Wegen der Einführung des Turbo-Abis wurde dieses Wahlfach dann in Niedersachsen leider abgeschafft“, bedauert Zilvar, der selber Esperanto unterrichtet. Heute gibt es in Herzberg an drei Schulen Arbeitsgruppen von je einem halben Dutzend Schülern, die nachmittags einen Esperanto-Kurs besuchen. Die Esperanto-Gruppe Südharz hat rund 120 Mitglieder, zu den wöchentlichen Treffen kommen etwa 15 Leute. Weitere Gruppen bestehen laut Zilvar in Braunschweig und Hannover – die Landeshauptstadt zählte früher 1000 Esperantisten, heute sind es keine 100 mehr. Die wenigen verbliebenen Bremer Esperantisten treffen sich abwechselnd mit Gleichgesinnten in Brake, Nordenham, Oldenburg, Lemwerder oder Elsfleth. „Es gibt auch viele Sprecher, die sich keiner Gruppe anschließen, sondern die Sprache individuell nutzen, um Kontakte in alle Welt zu knüpfen“, sagt Zilvar.

Nach seinen Worten hat die deutsche Wiedervereinigung zum Niedergang von Esperanto beigetragen – bis dahin wurde in Bulgarien, der DDR oder Ungarn die Sprache als Alternative zu Englisch gefördert. Für die Zukunft sieht er trotz der vielerorts immer älter werdenden Esperanto-Gruppen dennoch nicht schwarz: „Durch das Internet haben zunehmend junge Leute Esperanto entdeckt und bringen es sich selbst bei. Es hat in alternativen Kreisen eine gewisse Beliebtheit. Die Idee, dass man gleichberechtigt über eine neutrale, leicht zu lernende Sprache überall miteinander kommunizieren kann, bleibt faszinierend.“ Eine Idee, die derzeit nach Zilvars Angaben in China neuen Auftrieb bekommt: Dort wird in Schulen Esperanto zum Teil als Pflichtsprache unterrichtet – mit dem Ziel, die Dominanz der Weltsprache Englisch zu brechen.

Der Esperantist Franz Kruse hält am Sonnabend, 30. Mai, im Bremer Übersee-Museum im Rahmen der Langen Nacht der Museen einen Vortrag über

die Weltsprache

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