Leipziger Buchmesse

Hier gilt das gedruckte Wort

Um Informationen für Bremer Autoren zu sammeln, bummelt Angelika Sinn vom Bremer Kontorhaus dieses Jahr über die Leipziger Buchmesse.
18.03.2016, 21:10
Lesedauer: 4 Min
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Hier gilt das gedruckte Wort
Von Silke Hellwig
Hier gilt das gedruckte Wort

Fachgespräch auf der Leipziger Buchmesse: Angelika Sinn (rechts) vom Bremer Literaturkontor und die Selfpublisherin Kirsten Wendt.

Silke Hellwig

Um Informationen für Bremer Autoren zu sammeln, bummelt Angelika Sinn vom Bremer Kontorhaus dieses Jahr über die Leipziger Buchmesse.

Angelika Sinn hat sich einiges vorgenommen. Der erste Tag der Buchmesse liegt vor ihr, und sie hat sich ein kleines Tagesprogramm ausgesucht: Die Autorin und Geschäftsführerin des Bremer Literaturkontors möchte sich ein Gespräch anhören, an dem alle Buchpreis-Nominierten aus der Kategorie Belletristik beteiligt sind, und vor allem Heinz Strunk hören. Sie möchte sich über Selfpublishing informieren und über Buchkunst. Außerdem möchte sie Kolleginnen treffen: Die niedersächsischen Literaturhäuser, darunter das aus Oldenburg, haben einen Stand in Halle 5.

Am Morgen ziehen Hunderte von Besuchern von der S- oder Straßenbahn zum Messegelände. Bis Sonntag werden dort laut Messe mehr als 20 000 Neuerscheinungen präsentiert; rund 300 Fachveranstaltungen stehen auf dem Programm. 2000 Aussteller erwarten etwa 250 000 Besucher. Dass Halle 1 für die Manga-Comic-Con reserviert ist, zeigt sich auch andernorts: Aufwendig und auffällig kostümierte Cosplayer schlendern durch die Gänge.

Gespräch der Nominierten

Angelika Sinn ist nicht jedes Frühjahr in Leipzig. „Ich fahre meist im Wechsel – ein Jahr Frankfurt, ein Jahr Leipzig. Das reicht mir, um zu schauen, was es Neues gibt.“ Ihr liege daran, Informationen zu sammeln, die sie in Bremen an Autorinnen und Autoren weitergeben kann. Das Literaturkontor wurde 1983 gegründet. Es versteht sich als „zentrale Informations-, Begegnungs- und Beratungsstelle für alle, die am literarischen Leben in Bremen, Bremerhaven und dem Umland interessiert sind“. Außerdem unterstützt der Verein mit Sitz in der Villa Ichon Autoren und fördert den Nachwuchs.

Schon bei ihrem ersten Programmpunkt – dem Gespräch der Nominierten – trifft Angelika Sinn auf eine Bekannte aus Bremen, die sich für das internationale Literaturfestival Globale engagiert. Die Menschen stehen in einer dicken Traube um den Stand. Die Bremerinnen können die Autoren nur hören, nicht sehen: Marion Poschmann („Geliehene Landschaften. Lehrgedichte und Elegien“), Roland Schimmelpfennig („An einem klaren, eiskalten Januarmorgen zu Beginn des 21. Jahrhunderts“), Heinz Strunk („Der goldene Handschuh“), Nis-Momme Stockmann („Der Fuchs“) und Guntram Vesper („Frohburg“). Schimmelpfennig und Stockmann beantworten die Frage, ob Dramatiker Romane schreiben können. Vesper erzählt von der Entstehung seines monumentalen Werks (es hat mehr als 1000 Seiten).

Zu Besuch bei den Selfpublishern

Weiter geht es zu den Selfpublishern. Im Zug hat Angelika Sinn die Nienburgerin Kirsten Wendt kennengelernt, die sich mit 21 anderen Autoren – darunter das Autorenpaar B. C. Schiller – zusammengetan hat, die ihre Bücher selbst verlegen und vermarkten. Die Gemeinschaft nennt sich „Lieblingsautoren“. Kerstin Wendt hat bislang zehn Bücher veröffentlicht, die auch als Taschenbuch erhältlich sind. Es handele sich um sogenannte „Chick-Lit“, Unterhaltungsromane für Frauen.

Sie interessiere sich für die Selbstvermarktung von Büchern, weil sie gelegentlich um Rat gefragt werde, wie man eigene Arbeiten publizieren könne, sagt Angelika Sinn. „Diese Branche entwickelt sich sehr schnell, die Dinge ändern sich ratzfatz.“ Die Messe biete eine gute Gelegenheit, sich einen Überblick zu verschaffen. Angelika Sinn sammelt Flyer und Broschüren, Magazine und Karten. Hier bieten Unternehmen eine Plattform für selbst verlegte Bücher, da offerieren Stände Lektorats-, Gestaltungs- und Illustrationsarbeiten und Hilfe jeder Art. Bei Literaturagenten rät Angelika Sinn zur Vorsicht. Der Markt sei unübersichtlich, es gebe in dieser Branche schwarze Schafe, die sich im Vorhinein Leistungen bezahlen ließen, die sich hinterher als kümmerlich erwiesen.

Für das Literaturkontor gebe es keine Literatur erster und zweiter Klasse, sagt Angelika Sinn. „Wir haben da keine Berührungsängste. Es gibt auch Autoren, die dieses System für hochwertige Literatur nutzen.“ Im Printbereich koexistierten seit Jahrhunderten Liebesschnulzen mit Literatur von Format. Und auch gegen Schnulzen spreche nichts, jedes Genre habe seine Leser und damit seine Berechtigung.

Gegenwartsliteratur als Schwerpunkt

Die Kolleginnen aus Niedersachsen haben einen großen, lichten Stand, der von Sitzmöbeln dominiert wird – eine Ausnahme auf der Messe. Monika Eden (Oldenburg) und Kerstin Fischer (Lüneburg) gesellen sich zu Angelika Sinn. Man kennt sich – einige der Literaturbüros sind mit dem bremischen Kontor über die Literatour-Nord verbandelt, die jährlich von sechs Autoren der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur in Oldenburg, Bremen, Lübeck, Rostock, Lüneburg und Hannover absolviert wird. Zudem wird unter diesen Autoren ein Preis vergeben. Sinn sitzt in der Jury.

Das Oldenburger Literaturbüro sieht – anders als das bremische Pendant – seine Aufgabe darin, Gegenwartsliteratur zu fördern und quasi nach Oldenburg zu holen. Deshalb ist Monika Edens Terminkalender randvoll. Verlage stellen ihr Herbstprogramm vor und bieten ihre Autoren für Lesungen an. „Wir sehen eigentlich nichts von der Messe“, sagt Monika Eden. „Nur die eine Stunde Preisverleihung, die gönnen wir uns.“ Angelika Sinn tut das auch, in einem Café am Rande. Dort begegnet ihr noch eine Bekannte – eine Buchhändlerin aus Bremen. Sie hätte allen Nominierten den Belletristik-Preis gegönnt, sagt Angelika Sinn, ganz besonders aber Marion Poschmann, der einzigen Lyrikerin. Guntram Vesper erhält den Preis für „Fohburg“.

Literatur- und Textkunst

Die Messe leert sich. Angelika Sinn hat noch nicht genug. Sie hat sich in den vergangenen Jahren immer weniger dem ­Schreiben und immer mehr der Literatur- und Textkunst gewidmet. Also macht sie noch einen Schlenker durch Halle 3 – zum Stand des Gutenberg-Museums Mainz und dem des Museums für Druckkunst in Leipzig. Sie inspiziert Stempel und Bleibuchstaben. Besonders angetan ist sie vom Stand der Hochschule Anhalt, Fachbereich Design Dessau.

Die Studenten haben Dutzende von Stempeln gestaltet, an denen Besucher sich ausprobieren können. Angelika Sinn fragt die Studenten nach ihrem Projekt. Sie macht Fotos. Dann reicht es. „Irgendwann kommt man an den Punkt, da kann man nichts mehr aufnehmen.“ Vielleicht geht es später am Abend weiter, bei der „literarischen und poetischen“ Jubiläumsveranstaltung „25 Jahre Leipzig liest“ in der Kongresshalle. Am nächsten Tag will Angelika Sinn die Buchmesse noch einmal besuchen – sie hat die Künstlerbuch-Abteilung am ersten Tag nicht mehr geschafft.

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