Gedenkstätte des Kriegsgefangenenlagers Sandbostel erinnerte in diesem Jahr an italienische Internierte

Hier litt auch der Schöpfer von Don Camillo

Es ist das einzige teilweise erhaltene Kriegsgefangenenlager in Deutschland. In Sandbostel kann man nachfühlen, wie menschenverachtend das Nazi-Regime seine Häftlinge behandelt hat.
23.11.2014, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Johannes Kessels

Es ist das einzige teilweise erhaltene Kriegsgefangenenlager in Deutschland. In Sandbostel kann man nachfühlen, wie menschenverachtend das Nazi-Regime seine Häftlinge behandelt hat.

Zwischen 8000 und 46 000 Menschen starben im „Stalag X B“, dem zweiten Kriegsgefangenen-Stammlager des Wehrkreises X in Sandbostel bei Bremervörde, während des Zweiten Weltkrieges. Zu den Häftlingen, die überlebten, zählt auch der italienische Journalist und Schriftsteller Giovannino Guareschi (1908 bis 1968), der geistige Vater von Don Camillo und Peppone. Seiten aus seinem Tagebuch sind in der Gedenkstätte ausgestellt. Bis im Lager eine Gedenkstätte eingerichtet wurde, war es ein steiniger Weg.

Gebaut wurde das Lager bereits 1932 als Arbeitslager für Strafgefangene. 1933 wurde es vom Reichsarbeitsdienst übernommen, nach Kriegsbeginn wurde es zum Kriegsgefangenenlager.

Mit fortschreitendem Kriegsverlauf wurden die Zustände immer unmenschlicher; ein britischer Offizier, der die Befreiung des Lagers am 29. April 1945 miterlebt hat, sprach von einem „minor Belsen“, einem kleinen KZ Bergen-Belsen.

1944 hatte die SS das Lager übernommen, verantwortlich war nun der Höhere SS- und Polizeiführer Nordsee in Hamburg, ein Graf Georg von Bassewitz-Behr, der nach dem Krieg ausreichend Gelegenheit bekam, am eigenen Leib zu spüren, was er den Häftlingen angetan hatte: Er starb 1949 in sowjetischer Haft. Drei Wochen vor Kriegsende wurden 10 000 Häftlinge aus dem KZ Neuengamme in Sandbostel untergebracht.

Ursprünglich besaß das Lager mehr als 100 Gebäude, von denen heute noch 25 stehen. Das Gelände war 35 Hektar groß, es sollte in vier Blöcken Platz für 10 000 Gefangene bieten. Aber insgesamt durchliefen in fünfeinhalb Jahren eine Million Menschen das Lager. „Die Baracken sind systematisch überbelegt worden“, sagte der Gedenkstättenleiter Andreas Ehresmann im März 2011 bei einem Vortrag in Bremen.

Von dem Lager blieb deshalb ein so großer Teil erhalten, weil es nach dem Krieg weiterbenutzt wurde: zunächst als Internierungslager der Briten, dann als Nebenstelle des Zuchthauses Celle, als Durchgangslager für DDR-Flüchtlinge sowie als Depot der Bundeswehr. 1974 wurde das Gelände privatisiert und ein Gewerbegebiet mit dem geradezu zynisch idyllischen Namen „Immenhain“ eingerichtet.

Das stieß im Laufe der Jahre auf immer mehr Kritik. Eine vom Kreistag 1992 eingerichtete Arbeitsgruppe verschwand zwar schnell wieder in der Versenkung, aber im gleichen Jahr bildete sich der Verein Dokumentations- und Gedenkstätte Sandbostel. Der eröffnete zwei Jahre später eine Wanderausstellung und richtete in Bremervörde ein Dokumentationszentrum ein.

Nachdem der Landkreis zunächst wenig Interesse gezeigt hatte, ermutigte der damalige stellvertretende Landrat Hans-Heinrich Ehlen den Verein bei einem Grußwort zum zehnjährigen Bestehen, in seinem Bemühen um eine Gedenkstätte auf dem Lagergelände nicht nachzulassen. Doch noch immer gab es Streit darum, 2004 wurde sogar ein italienisches Filmteam von Anwohnern mit Hacken angegriffen. Die Landesregierung schaltete sich ein, daraus entstand die Stiftung Lager Sandbostel, die einen Teil des Lagergeländes kaufte.

In Sandbostel existierte eine Hierarchie unter den Häftlingen: Amerikaner und Briten wurden besser behandelt als Franzosen und Belgier. Ganz unten standen die russischen Gefangenen – Himmler, als oberster SS-Führer verantwortlich für den organisierten Massenmord in den KZs, verfügte kurzerhand, dass für sie die Genfer Konvention über die Behandlung von Kriegsgefangenen nicht gelte, da sie alle Bolschewisten seien.

Auf der zweituntersten Stufe standen die Italiener, denen die Stiftung in diesem Jahr den „Tag des offenen Denkmals“ widmete. Sie wurden als Verräter betrachtet: 1943 wurde Mussolini abgesetzt, im September 1943 schloss Italien einen Sonderfrieden mit den Alliierten. Das bedeutete für viele italienische Soldaten, die sich in der „Republik von Salò“ im Norden des Landes aufhielten, wo Mussolini als Marionette Hitlers weiterregierte, die Deportation. Auch Giovannino Guareschi geriet in Gefangenschaft. Zunächst wurde er nach Tschenstochau in Polen gebracht, dann kam er 1944 nach Sandbostel.

Der ehemalige Häftling Seggio Antonini hat sich, 92-jährig, im Jahr 2010 im Gespräch mit dem Journalisten Giacomo Cocchi erinnert: „Das Leben war hart. In einem Jahr magerte ich auf 50 Kilogramm ab, ich sah aus wie ein Skelett. Zu dem wenigen Angenehmen gehörten die Geschichten, die Guareschi abends vorlas.“

Der Schriftsteller erhielt morgens Papier und Stift, um eine „Hauschronik“ zu schreiben. Aber er schrieb Geschichten über seine Frau Ennia („Margherita“), seinen kleinen Sohn Albertino und seine Tochter Carlotta, die er noch nie gesehen hatte, weil sie während seiner Haftzeit geboren worden war. Am Heiligen Abend 1944 wurde sogar sein Märchen „La favola di Natale“ mit Musik des Mithäftlings Arturo Coppola aufgeführt.

Für Carlotta schrieb Guareschi auch ein langes Gedicht in sein Tagebuch, wie es wohl wird, wenn er heimkehrt – genau am Heiligen Abend. Die zweite Strophe beginnt: „La mamma l’ha annunciato con estrama serietà: Il babbo tornerà, ma certo tornerà“ – sinngemäß: „Die Mama hat mit größtem Ernst behauptet: Der Papa kommt zurück, ganz bestimmt kommt er zurück.“ Und er kommt zurück: „Il giusta cuore azzurro ed i bottoni tutti d’or: È il babbo! E sembra quasi vincitor!“ – „Ein leichtes Herz und alle Glockenschläge: Es ist der Papa! Und sieht fast aus wie ein Sieger!“

Die Gedenkstätte ist ganzjährig geöffnet, Buchungen für Gruppen sind für alle Wochentage möglich. Zu erreichen ist die Gedenkstätte unter der Telefonnummer 0 47 64 / 225 48 13 montags bis freitags von 9 bis 16 Uhr, an Sonn- und Feiertagen von 10 bis 16 Uhr.

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