Im Vorfeld des Musicadia-Festivals produziert das Orchester „Boston Early Music Festival“ eine CD

Hinter den Kulissen des Sendesaals

Der Sendesaal in der Bürgermeister-Spitta-Allee erwacht regelmäßig für Konzerte zum Leben. Momentan ist besonders viel los, weil das renommierte Barock-Orchester „Boston Early Music Festival“ dort eine CD produziert und direkt im Anschluss daran das Musicadia-Festival mit vier hochkarätigen Konzerten folgt.
14.11.2013, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Michaela Uhde

Der Sendesaal in der Bürgermeister-Spitta-Allee erwacht regelmäßig für Konzerte zum Leben. Momentan ist besonders viel los, weil das renommierte Barock-Orchester „Boston Early Music Festival“ dort eine CD produziert und direkt im Anschluss daran das Musicadia-Festival mit vier hochkarätigen Konzerten folgt.

Viele Bremer, besonders aus Schwachhausen, erinnern sich an lange Diskussionen um das Schicksal des Sendesaals. Nachdem Radio Bremen weggezogen und das Grundstück mit den alten Rundfunkgebäuden einschließlich Sendesaal verkauft worden war, wollten die neuen Investoren alles abreißen.

Für den Erhalt des Sendesaals als akustisch-architektonisches Kleinod setzten sich letztlich so viele Menschen ein, dass er nicht der Abrissbirne zum Opfer fiel. Betrieben wird er heute vom „Verein Freunde des Sendesaals“, regelmäßig gibt es Konzerte und Produktionen von CDs oder Filmaufnahmen.

Achte Produktion mit Radio Bremen

Gerade ist das wieder der Fall: Seit Anfang November produziert das „Boston Early Music Festival Orchestra“, ein weltweit anerkanntes Barock-Orchester, eine CD. Es ist die achte Produktion in zehn Jahren gemeinsam mit Radio Bremen-Tonmeisterin Renate Wolter-Seevers und ihrem Team. Stephen Stubbs, einer der musikalischen Direktoren des Orchesters, nennt dafür verschiedene Gründe. Der eine ist die persönliche Verbindung zur Tonmeisterin und die große Wertschätzung ihrer Arbeit, denn er hat einige Zeit in Bremen gelebt und war an der Hochschule für Künste. Ein weiterer wichtiger Punkt ist die unvergleichliche Akustik des Sendesaals. Und den dritten Grund nennt er mit einem Schmunzeln: „Die Musikergewerkschaft in den USA, die alles bestimmen kann – wer mitspielt und wie lange. Ausländer sind nicht zugelassen. Hier in Europa sind wir frei und können mit dem bestmöglichen Ensemble spielen.“

Beim Blick hinter die Kulissen trifft man auf Menschen, die zum Gelingen solcher Produktionen unverzichtbar sind. Einer von ihnen ist Willy Klose, Tischler, Restaurator und Veranstaltungstechniker, der den Sendesaal noch aus seiner Zeit bei Radio Bremen kennt und nun beim Theater Bremen arbeitet. Er ist die gute Seele des Saals und seiner Nebenräume und sorgt dafür, dass Technik, Bestuhlung und so manches mehr stimmt. „Ich sorge dafür, dass Backstage alles klappt“, sagt der Mann aus dem Bremer Norden. Er hat immer Ideen, wie Kaputtes schnell und wirkungsvoll repariert, wie Fehlendes ersetzt werden kann. Oder Charly Plinke, der für Radio Bremen musikalische Produktionen aller Art betreut und unter anderem für das leibliche Wohl sorgt, auch diese mit dem Barock-Orchester.

Für das Orchester ist Peter Charig aus Boston als Organisator und Notenwart dabei und hat alle Hände voll zu. Denn die Produktion ist wie ein wachsender Organismus, jeden Tag kommen neue Musiker an und müssen mit Noten und wichtigen Informationen versorgt werden. Und dieses Wachsen kann man auch hören, denn je mehr Musiker in Nebenräumen proben, desto stärker wird das aufgeregte Summen, das sich durch das Gebäude zieht.

Dieses Mal ist das Orchester besonders groß, mit mehr als 30 Musikern, „so viele waren es noch nie“, erklärt Peter Charig. Dazu kommen international anerkannte Sänger, unter ihnen der Schweiz-Amerikaner Terry Wey. Der Countertenor und ehemalige Wiener Sängerknabe hat wohl eine große Zukunft vor sich.

Hochkonzentriert sein muss auch das Aufnahmeteam, das im Raum über dem Sendesaal thront und über ein großes Fenster die Bühne im Blick und über Kopfhörer die Musik im Ohr hat. Neben der Produzentin Renate Wolter-Seevers und Assistenz-Tonmeisterin Laura Bährle aus Berlin sitzt dort noch Siegbert Ernst aus Baden-Württemberg. Der selbstständige Tonmeister fungiert als Toningenieur und herrscht über das riesige Mischpult, das sofort den Blick auf sich zieht. Auch wenn es schon etwas betagter ist und nicht immer alles reibungslos läuft, arbeitet der Schwabe gerne mit dem analogen Gerät. „Die Klangqualität ist erheblich besser als bei einem digitalen Mischpult.“

Wenn dann die anstrengenden Aufnahmen beendet sind, gibt das Bostoner Orchester mit „Niobe“ von Agostino Steffani das Auftakt-Konzert der „Musicadia“-Tage, das allerdings schon ausverkauft ist.

Für die folgenden Konzerte gibt es noch Karten: Am Sonnabend, 16. November, 20 Uhr, spielen „Izmir Barok“, das erste Barock-Ensemble der Türkei, und Hille Perl (Viola da Gamba) und Lee Santana (Laute) „West-östliche Palastmusiken“. In der Matinee am Sonntag, 17. November, 11.30 Uhr, interpretiert das „Bremer Barock Consort“ der Hochschule für Künste Bremen „Musik von den europäischen Höfen London - Paris - Berlin“. Um 18 Uhr spielt das „Ensemble Chelycus“ eine „Kaiserliche Hochzeitsserenade“. Karten gibt es unter der Telefonnummer 33 00 57 67 und über www.sendesaal-bremen.de.

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