1793 stand Blumenthal unter der Herrschaft des Hauses Hannover und damit des Königs von Großbritannien Höfische Intrigen

Bremen-Nord. Im Geländer der Auebrücke am Ortseingang von Blumenthal befindet sich ein unauffälliger Brückenstein. Die Initialen GR III 1793 weisen darauf hin, dass Blumenthal zur Zeit eines Brückenbaus unter hannoverscher-englischer Herrschaft stand.
16.10.2016, 00:00
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Bremen-Nord. Im Geländer der Auebrücke am Ortseingang von Blumenthal befindet sich ein unauffälliger Brückenstein. Die Initialen GR III 1793 weisen darauf hin, dass Blumenthal zur Zeit eines Brückenbaus unter hannoverscher-englischer Herrschaft stand. Georg Rex – König Georg III. Nach geltenden Regeln hatte der Prediger sonntags für die Gesundheit und Weisheit des englischen Staatsoberhaupts zu beten. Der königlichen Weisheit hat das nicht viel genützt.

Unter König Georgs Vorsitz tagte 1766 im geheimen Sitzungssaal des Londoner St. James Palastes der Kronrat. Caroline Mathilde, die kaum 16-jährige Schwester Georgs III, wurde durch einen Stellvertreter dem 17-jährigen dänischen König Christian VII angetraut. Sie wurde nicht befragt. Und noch im gleichen Jahr im Schloss Christiansborg getraut. Niemand hatte ihr gesagt, dass ihr zukünftiger Gemahl an einer Geisteskrankheit litt. Zunächst war der junge König von dem Liebreiz seiner Cousine begeistert. Bald erklärte er, dass er sie nicht liebe. Er wandte sich den bisherigen Gespielinnen zu, vertrieb seine Zeit in unredlicher Gesellschaft mit Trinkgelagen, Spielen und Raufereien.

Um zu ergründen, wer eigentlich seine Regierungsaufgaben wahrnahm, muss man Namen und Titel von Höflingen, Intriganten, gekauften Adeligen und anderen Schmarotzern in die Kulissen verbannen. Was bleibt sind zwei Frauen, die sich der Günstlinge bedienten, um das Regierungsgeschäft für Dänemark und Norwegen zu betreiben: Die 66-jährige Großmutter des Königs, Sophie Magdalene von Brandenburg, und die 38-jährige Stiefmutter des Königs, Juliane Marie von Wolfenbüttel. Neben der Konkurrenz der beiden Frauen tsorgten auch die Eigeninteressen der Minister und Hofräte dafür, dass sich viele Entscheidungen gegenseitig blockierten. Dem König musste jede Verfügung zur Unterschrift vorgelegt werden. Die Höflinge nutzten zur Vorlage der Dokumente Schübe seiner geistigen Verwirrung oder Trunkenheit.

1869 betritt ein Mann die politische Bühne, dessen Name bis dahin weder in Adelskreisen noch in der Beamtenschaft bekannt war: Johann Friedrich Struensee. Als Arzt praktizierte er im dänischen Altona. Er war ein Mann der Aufklärung im Sinne des Philosophen Rousseau. Bei einer Rundreise wurde er dem König vorgestellt und beeindruckte durch seine vernünftigen Anordnungen. Christian VII nahm ihn als Leibarzt mit nach Kopenhagen.

Struensee gewann zunehmend das Vertrauen des Königs und auch der jungen Königin. Er begann mit Billigung des Königs ein Liebesverhältnis mit der von ihrem Gemahl vernachlässigten Caroline Mathilde. Christian VII verlieh ihm 1770 den Titel eines Etatrats. So dürfte Struensee Einblick gewonnen haben in die desaströsen Finanzverhältnisse des dänischen Staatshaushalts. Bei erkennbarem Fortschreiten der Geisteskrankheit des Königs erbat sich Struensee die Generalvollmacht, die Christian 1771 gewährte. Diese erlaubt Struensee, im Namen des Königs zu handeln, Gesetze zu erlassen und anstelle des Königs zu unterzeichnen.

Praktisch war er nun der Regent des Landes Dänemark und Norwegens. Eine im Juni 1771 geborene Tochter Luise Auguste wurde von Christian VII sofort als eigenes Kind anerkannt. Struensee benutzte seine Vollmacht, um den Staat zu sanieren. Als Mann der Aufklärung ordnete er Presse- und Meinungsfreiheit an. Er entließ 182 Kammerherren von Rang und mit dem Gehalt eines Generals. Pensionen und Ehrengehälter wurden gestrichen, die Stärke des Heeres halbiert. Die Ministerien wurden neu zugeschnitten und von elf auf neun verringert. Titel durften nicht mehr käuflich erworben oder vererbt werden. Ämter wurden ausschließlich nach Fähigkeit besetzt, die Feiertage erheblich verringert, eine Luxussteuer auf Pferde und Glücksspiel erhoben.

Das sind nur einige der Verordnungen, mit denen Struensee das gesamte Staatswesen umkrempelte. Dass sich der Regent damit fast die gesamte Führungsschicht des Landes zu Feinden machte, war absehbar. Für die beiden Königswitwen und ihre Helfershelfer gab es nur eine Lösung: Struensees Tod. Am 17. Januar 1772 wurde Struensee verhaftet und in Ketten gelegt. Auch Königin Caroline wurde verhaftet, die königliche Ehe geschieden Caroline Mathilde als Königin entlassen und an den Hof von Celle verbannt. Angeblich war ein Papier von Georg III gefunden worden. Darin forderte der englische König Georg die Wiedereinsetzung seiner Schwester als Königin, notfalls mit Waffengewalt.

Ein unter Folter entstandenes Geständnis Struensees diente bei der knappen Verhandlung als Grundlage für sein Todesurteil und Verbannung der Königin. Erst nach dem Prozess weckte man den König und ließ ihn die Urteile unterschreiben. Struensee und sein Freund Brand wurden am 28. April 1772 vor den Toren Kopenhagens geköpft.

Die geschiedene und nach Celle verbannte junge Königin durfte ihre Kinder nicht sehen. Am 11. Mai 1775 starb die arme Königin im Alter von 24 Jahren. Als offizielle Todesursache galt eine derzeit grassierende Scharlachepidemie. Volkstümliche Quellen schildern den Tod Mathildes indes so: Ihre ärgste Widersacherin Juliane ließ in Kopenhagen ein Medaillon mit dem Porträt der beiden Königskinder anfertigen und dessen Oberfläche mit einer giftigen Tinktur bestreichen. Das Medaillon wurde Caroline in Celle heimlich zugespielt. Sie führte die Porträts ihrer geliebten Kinder immer wieder an ihre Lippen, was schließlich zu einer tödlichen Vergiftung führte.

Für die Ausgabe DIE WOCHE - MEIN VEREIN schreibt Ulf Fiedler regelmäßig Texte über Wissenswertes aus der Historie der Region. Lob, Anregungen und Kritik senden Sie bitte an ulffiedler@yahoo.de .

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