Literatur Houellebecq auf dem Weg zum Prix Goncourt

Paris. Der französische Literaturpapst Bernard Pivot hat es bestätigt: Das neue Buch des Starautors Michel Houellebecq, «La carte et le territoire», ist ein Meisterwerk.
08.09.2010, 15:30
Lesedauer: 2 Min
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Paris. Der französische Literaturpapst Bernard Pivot hat es bestätigt: Das neue Buch des Starautors Michel Houellebecq, «La carte et le territoire», ist ein Meisterwerk.

Das Urteil ist dem «Roi lire», dem König des Lesens, wie Pivot in Frankreich genannt wird, nicht leicht gefallen. Denn wie er sagt, muss man ein Werk nicht unbedingt mögen, so wie man Schokolade mag, dennoch kann es ein Meisterwerk sein, das der Literatur alle Ehre erweist. Und genau zu diesen Werken gehöre Houellebecqs neuester Roman, der jetzt in Frankreich erschienen ist.

«Ich mag es nicht, sei es auch nur, weil der Schriftsteller nichts dafür tut, beliebt zu sein. Doch dieses Buch bestätigt, dass keiner Michel Houellebecq in der Art und Weise, wie er den Leser verwirrt, erstaunt und verführt, das Wasser reichen kann», lautet der Kommentar Pivots.

In seinem jüngsten Buch, das auf Deutsch so viel heißt wie «Die Landkarte und der Landstrich», erzählt Houellebecq die Geschichte des Künstlers Jed Martin, der seinen Erfolg der Arbeit mit Versatzstücken von Michelin-Landkarten verdankt - daher auch der Titel des Romans. Den Text für seinen Ausstellungskatalog möchte Martin von einem «berühmten, weltweit berühmten Schriftsteller» verfassen lassen, wobei er an Michel Houellebecq denkt.

Martin ist wie Houellebecq: Ein Einzelgänger, Zyniker und nicht immer sehr umgänglich. In seinen Arbeiten, zunächst als Fotograf, dann als Maler, kritisiert er die heutige Gesellschaft, das Diktat des Konsums, die Macht des Geldes, überholte Konventionen und Traditionen. Die Geschichte endet mit der Ermordung Houellebecqs, bekommt dadurch den Hauch eines Psychothrillers und trägt stark autobiografische Züge.

Houellebecq ist erstmals ein Roman gelungen, der auf fast einhellige Lobeshymnen stößt: Von Meisterwerk, Vollendung und literarischer Tiefe ist die Rede. Ein solcher Festgesang ist ungewöhnlich, denn der ehemalige Ingenieur und Informatiker gilt als Skandalautor, als «enfant terrible» der französischen Literaturszene.

In seinem jüngsten Buch entpuppt er sich jedoch weder als Rassist noch als Frauenhasser, Reaktionär oder Islamfeind, was Frankreichs Presse aufs höchste Maß erstaunte - und manche sogar enttäuschte. Die Tagezeitung «Le Parisien» suchte in dem Roman vergeblich nach dem ehemaligen Provokateur. Und «Libération» sah einen möglichen Skandal eher darin, dass es keinen gab. «Sollte sich eine Polemik abzeichnen, dann kann diese sich nur über dieses Übermaß an Mäßigung drehen», schrieb das linke Blatt.

Aber vielleicht versteckt sich hinter der überraschenden Kehrtwende des Schriftstellers und seines Verlegers einfach nur ein ganz profaner Wunsch: endlich zu jenen Auserwählten zu gehören, die sich mit dem höchsten Literaturpreis Frankreichs schmücken dürfen, dem Prix Goncourt. «Die Goncourt-Juroren können fast nicht anders. Sie müssen einem Roman, der alles hat, um zu gefallen, nur wohlgesinnt gegenüber sein», schreibt der Kritiker Pierre Assouline zynisch.       

Dass in den vergangenen Tagen der Plagiat-Vorwurf gegen den Autor, der mit seinem Erstlingsroman «Ausweitung der Kampfzone» (1994) zum Erfolgsschriftsteller avancierte, aufgekommen ist, war mehr oder weniger eine Eintagsfliege. Das Online-Magazin «Slate.fr» will dem Schriftsteller mindestens drei Passagen nachweisen können, die er aus dem Internet abgekupfert haben soll, vor allem aus einer Online-Enzyklopädie, ohne Quellennachweis. Eine Anschuldigung, die Houellebecq schlicht und einfach «lächerlich» nannte, womit sich die Fachwelt zufriedengegeben hat. Der Weg zum Prix Goncourt scheint frei zu sein. (dpa)

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