Rudi Cerne im Interview zum XY-Preis 2022 "Ich bin ein vorsichtiger, aber kein ängstlicher Mensch"

Am 24. November, wird der 21. "XY-Preis - Gemeinsam gegen das Verbrechen" verliehen. Welche Bedeutung hat die Auszeichnung auf die Zivilcourage in Deutschland? Und warum ist die Sendung "Aktenzeichen XY... ungelöst" noch heute so beliebt? Diese und weitere Fragen beantwortet Moderator Rudi Cerne im Interview.
24.11.2022, 00:00
Lesedauer: 7 Min
Zur Merkliste
Von teleschau - Elisa Eberle

"Wir sind mit der 'heute show' eine der jüngsten Seriensendungen im ZDF", freut sich Rudi Cerne. Tatsächlich erreicht das 1967 erstmals ausgestrahlte True-Crime-Format "Aktenzeichen XY ... ungelöst" sogar bei der jungen Zielgruppe der Zuschauer zwischen 14 und 49 Jahren regelmäßig starke Marktanteile von um die 20 Prozent. Kein Wunder also, dass der 64-jährige Moderator und Ex-Eiskunstläufer noch lange nicht an den Ruhestand denkt: Seit Mitte September behandelt er in dem Podcast "Aktenzeichen XY... Unvergessene Verbrechen" gemeinsam mit der Journalistin Conny Neumeyer True-Crime-Fälle und Cold Cases aus 55 Jahren "Aktenzeichen XY". Neue Folgen erscheinen im zweiwöchigen Turnus immer donnerstags in der ZDFmediathek sowie auf den gängigen Streamingplattformen. Am 24. November, wird Cerne durch die Verleihung der 21. Ausgabe des "XY-Preis - Gemeinsam gegen das Verbrechen" im ZDF-Hauptstadtstudio Berlin führen.

Bundesinnenministerin Nancy Faeser zeichnet dabei als Schirmherrin insgesamt drei Personen oder Gruppen für ihr couragiertes Eingreifen zur Verhinderung einer Straftat aus. Die Gewinnerinnen und Gewinner sind anschließend am Mittwoch, 7. Dezember, um 20.15 Uhr, live bei "Aktenzeichen XY ... ungelöst" im ZDF zu Gast. Im Interview spricht Cerne über die besondere Bedeutung der Auszeichnung. Außerdem verrät er, an welche vergangenen Fälle aus 20 Jahren als Moderator er sich besonders gut erinnern kann.

WESER-KURIER: "Aktenzeichen XY... ungelöst" existiert seit 55 Jahren. Durften Sie die Sendung anfangs schon schauen?

Rudi Cerne: Nein anfangs nicht. 1967 war ich neun Jahre alt und ein großer Fan von Wildwestfilmen. Mit "Bonanza" und "Rauchende Colts" bin ich aufgewachsen. Ich habe das Konzept der Sendung anfangs nicht begriffen und dachte: "Wir sehen doch hier im Fernsehen einen Mörder. Warum kann der nicht geschnappt werden?" Erst viel später wurde mir bewusst, dass in der Sendung die Realität abgebildet wird und dass es die Darstellung einer Tat ist, zu der man Hinweise benötigt. Von daher war mir die Sendung anfangs auch zu unbefriedigend. Ab 1969, 1970 war die Sendung auf jeden Fall ein Thema auf unserem Schulhof: Parallel lief als neue Serie "Raumschiff Orion". Das war auch so ein Gassenhauer oder Blockbuster, wie man heute sagen wurde.

WESER-KURIER: Fasziniert die Sendung heute auch noch die Schulkinder?

Cerne: Ich weiß nicht, ob sie Schulkinder fasziniert. Aber in der Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen steht "Aktenzeichen XY... ungelöst" im ZDF-Durchschnitt sehr gut da. Zuletzt hatten wir dort einen Marktanteil von 18 Prozent. Wir sind mit der "heute show" eine der jüngsten Seriensendungen im ZDF.

WESER-KURIER: Wie erklären Sie sich diesen Erfolg über so viele Jahre hinweg?

Cerne: Erst einmal ist True Crime im Moment en vogue. Als ich als Moderator von "Aktenzeichen XY" anfing, haben viele die Nase gerümpft. Und mittlerweile erleben wir eine Renaissance - und das seit Jahren! Viele andere Medien setzen ebenfalls auf True Crime - mit unterschiedlichem Erfolg.

Wie steht es um die Zivilcourage in Deutschland?

WESER-KURIER: Mit dem XY-Preis sollen Menschen ausgezeichnet werden, die im Alltag Zivilcourage bewiesen. Wie steht es Ihrer Meinung nach um die Bereitschaft zur Zivilcourage in Deutschland?

Cerne: Ich kann das nicht allgemein einschätzen, sondern nur immer wieder sagen, dass die Menschen, deren Taten wir präsentieren, Vorbilder sind. Jeder muss für sich selbst entscheiden: Wozu wäre er oder sie in der Lage? Wichtig ist nur, dass sich Menschen dabei nicht selbst in Gefahr bringen. Wir dürfen niemanden dazu auffordern, den Helden zu spielen und sich ungeschützt jemandem entgegenzustellen, der mit einem Messer bewaffnet ist. Wir haben auch schon erlebt, dass ein Mann versuchte, in ein Messer hineinzugreifen. Dabei hat er sich schlimme Verletzungen zugezogen. Davor möchten wir eindringlich warnen!

WESER-KURIER: Unter den Nominierten sind zwei Männer, die zwei bewaffneten Juwelendieben hinterherliefen. Wären Sie in einer derartigen Situation ebenso mutig?

Cerne: Das ist jetzt hypothetisch. Ich kann mich an diesen Fall erinnern. Einer von den beiden war ein junger, fast schmächtiger, kleiner Mann, der es dann tatsächlich geschafft hat, zusammen mit dem anderen, größeren Mann, den Täter zu stellen und ihn festzusetzen. Das fand ich bemerkenswert! Und ich kann nur sagen: Wenn ich selbst in einer solchen Situation wäre und alle um mich herum sagen: "Ich begebe mich doch nicht selbst in Gefahr!", dann hätte ich schon ganz gerne einen Verbündeten, der sagt: "Stopp! Da müssen wir eingreifen!" Wichtig ist, irgendetwas zu tun und sei es nur laut zu schreien und Aufmerksamkeit zu erregen oder die 110 zu wählen.

"Wenn Menschen wochenlang tot in ihrer Wohnung liegen, dann ist das traurig"

WESER-KURIER: Ist dieses Phänomen, dass sich die Menschen gar nicht für ihr Umfeld interessieren, ein Problem der heutigen Zeit?

Cerne: Ich weiß nicht, ob das ein Phänomen unserer Gesellschaft ist. Ich vermute, das wird früher nicht viel anders gewesen sein. Und es betrifft ja nicht nur Verbrechen: Wenn eine alleinstehende ältere Dame aus der Nachbarschaft zu gewohnter Zeit ihren Spaziergang macht und plötzlich nicht mehr auftaucht, dann wäre es schön, mal anzurufen und zu fragen: "Ist alles in Ordnung? Können wir was tun?" Wenn Menschen wochen- oder monatelang tot in ihrer Wohnung liegen und niemand bekommt es mit, dann ist das traurig.

WESER-KURIER: Welchen Einfluss hat eine Auszeichnung wie der XY-Preis darauf, einen Anreiz für mehr Zivilcourage zu schaffen?

Cerne: Ich finde es wichtig, dass wir dies Personen, die ein Verbrechen verhindert haben, ehren und auszeichnen. Den Anstoß zu dem Preis hat im Übrigen die Polizei gegeben. Sie hat gesagt: "Wir können nicht überall sein, aber es gibt so viele Menschen, die aufmerksam durch ihr couragiertes Handeln ein Verbrechen verhindern. Das ist großartig, zeigt das doch mal." Und das tun wir mit den Preisfilmen sehr gerne!

WESER-KURIER: An welchen Preisträger oder an welche Preisträgerin aus den vergangenen Jahren können Sie sich am besten erinnern?

Cerne: Vor rund 15 Jahren zeigten wir einen Zwischenfall, bei dem ein Mann in einem Café in der Innenstadt saß, als er bemerkte, dass die Situation zwischen einem Ehepaar eskalierte. Der Ehemann hatte plötzlich eine Axt in der Hand und ging auf seine Frau los. Geistesgegenwärtig hielt unser Helfer seinen Stuhl hoch und drückte den Angreifer wie ein Dompteur damit zurück und rettet der Frau vermutlich das Leben. Ein bemerkenswertes Eingreifen.

"Wenn Kinder Opfer einer Straftat werden geht das besonders unter die Haut"

WESER-KURIER: Seit Mitte September sprechen Sie im Podcast "Aktenzeichen XY... Unvergessene Verbrechen" mit Ihrer Kollegin Conny Neumeyer über gelöste True-Crime-Fälle und Cold Cases aus mehr als 50 Jahren "Aktenzeichen XY". Können Sie sich an all die dort behandelten Fälle erinnern?

Cerne: Ich habe natürlich nicht alle parat. Aber sobald wir mit der Arbeit anfangen, kommen die Erinnerungen an die Ermittler, die im Studio waren, wieder hoch. Letztens sprachen wir über den Fall Tristan Brübach, dessen verstümmelte Leiche 1988 gefunden wurde. Der Junge war auf grausame Art und Weise ermordet worden. Der Täter hatte ihm sogar seine Genitalien abgeschnitten. Dieses entsetzliche Verbrechen konnte nie aufgeklärt werden. Auch an den gelösten Fall des zehnjährigen Mirco, der vom Täter sexuell missbraucht worden war, kann ich mich noch gut erinnern.

WESER-KURIER: Also sind es vor allem die Fälle mit jungen Opfern, die im Gedächtnis bleiben?

Cerne: Absolut! Wenn Kinder, die sich nicht wehren können, Opfer einer Straftat werden und bestialisch ermordet werden, geht das schon besonders unter die Haut.

WESER-KURIER: Sie sind Vater einer inzwischen erwachsenen Tochter. Haben Sie Ihre Tochter durch Ihre Erfahrungen aus der Sendung zu besonderer Vorsicht erzogen?

Cerne: Schon meine Eltern und meine Oma haben mich zu sehr großer Vorsicht erzogen. Damals herrschte die Angst vor der Fremdenlegion, schaurige Geschichten machten die Runde. Natürlich haben wir auch unsere Tochter zur Vorsicht ermahnt und sensibilisiert. Das hieß dann auch, dass sie abends nach der Disco nicht alleine mit einem Fremden nach Hause fahren sollte, sondern wenn es denn wirklich sein musste, wurde sie von einem von uns abgeholt. Das war aber auch schon vor "Aktenzeichen XY" so. Ich bin ein vorsichtiger Mensch, aber kein ängstlicher Mensch. Angst kann ja auch lähmend sein. Ich war früher Eiskunstläufer. Wenn du da in einen dreifachen Axel reingehst und Angst vor dem Sturz hast, dann ist der Sturz vorprogrammiert. Da musst du schon couragiert anlaufen und abspringen.

Denken Sie manchmal über Ihren Ruhestand nach?

WESER-KURIER: In dem Podcast werden auch Fragen diskutiert wie: "Ist das Rechtssystem immer gerecht?" Hatten Sie schon einmal Zweifel an der deutschen Justiz?

Cerne: Ich glaube schon, dass unser Rechtssystem in Fällen voll ausgeschöpft wird. Ein junger Mann namens Mark Herbert etwa wurde bei einer Auseinandersetzung in Offenbach von einem stadtbekannten Schläger buchstäblich in den Rollstuhl geprügelt. Er ist seither ab dem Brustwirbel abwärts gelähmt. Es gab anonyme Hinweise zum Täter, die waren jedoch nicht gerichtsverwertbar. Durch "Aktenzeichen XY ... ungelöst" haben wir es geschafft, dass die anonymen Hinweisgeber vor Gericht erschienen und aussagten. Die Vorsitzende Richterin ist damals über das geforderte Strafmaß von acht Jahren hinausgegangen. Mit anderen Worten wurde der Täter zu mehr verurteilt als die Staatsanwaltschaft gefordert hatte. Ich glaube, dass sich die Richterinnen und Richter ihrer Verantwortung sehr wohl bewusst sind.

WESER-KURIER: Sie sind 64 Jahre alt. Denken Sie manchmal über Ihren Ruhestand nach?

Cerne: Ach, wissen Sie: "Nach der Kür ist vor der Kür." Ich bin jetzt noch ein paar Jahre dabei. Wenn ich denke, dass sich für mich gerade mit dem Podcast "Aktenzeichen XY...unvergessene Verbrechen" noch mal eine neue Aufgabe ergeben hat. Wer hätte das gedacht, wer weiß was noch kommt. Es gibt viele interessante Menschen, die ganz viel zu erzählen hätten. Letztens hatte ich ein Treffen mit einem ehemaligen Fußballtrainer, der aus dem Nähkästchen plauderte. Da war packend.

WESER-KURIER: Also sehen Sie Ihre Zukunft im Podcast?

Cerne: Ach, das wird sich zeigen. Ich kann da nur den ehemaligen Chefredakteur der "Bild", Peter Boenisch, zitieren, der sagte: "Wissen Sie, in unserem Job als Journalisten hört man erst auf, wenn man den Griffel wirklich aus der Hand gelegt hat." In dem Sinne machen wir einfach weiter und schauen mal.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren