Janina Fautz im Interview

„Ich glaube, dass die Welt sich verändern muss“

Im ARD-Wendedrama „Die unheimliche Leichtigkeit der Revolution“ nach dem gleichnamigen Sachbuch spielt Jungstar Janina Fautz eine junge Leipzigerin, die Ende der 80-er mit einer anarchischen Jugendgruppe die Wende initiiert. Parallelen zu „Fridays for Future“ liegen für die 25-Jährige auf der Hand.
20.04.2021, 11:30
Lesedauer: 6 Min
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Von Eric Leimann
„Ich glaube, dass die Welt sich verändern muss“

Janina Fautz während einer Gala Ende 2019: Mittllerweile ist die 25-Jährige wieder auf der Schulbank. Sie begann im Herbst 2020 - unter Pandemiebedingungen - ein Schauspielstudium.

2019 Tristar Media/Tristar Media

Ihre Filmliste ist so lang, dass viele gut beschäftigte, ältere Schauspieler neidisch werden könnten. Janina Fautz, 25, wird seit ihrem neunten Lebensjahr kontinuierlich für Rollen gebucht. Zunächst als Kind, später als Jugendliche - nun als junge Erwachsene. Im Wendedrama „Die unheimliche Leichtigkeit der Revolution“ (ARD, Mittwoch, 28. April, 20.15 Uhr) spielt sie eine junge Leipzigerin, die Ende der 80-er mit einer anarchischen Jugendgruppe die Wende initiiert. Der Film entstand nach dem gleichnamigen Sachbuch von Peter Wensierski. Im Interview vergleicht Janina Fautz den jungen Protest von damals mit den Bewegungen von heute und erklärt, warum sie mit Mitte 20 doch noch mal eine Schauspielausbildung begonnen hat - die wegen der Pandemie derzeit auf sehr spezielle Weise stattfindet.

teleschau: Ihrem Film liegt ein Sachbuch zugrunde, das die Geschichte einer Gruppe junger Wende-Revolutionäre erzählt. Wie eng ist der Film am Buch dran?

Janina Fautz: Unsere Filmcharaktere wurden stark von dieser realen Leipziger Gruppe aus der Wendezeit inspiriert. Sie haben Merkmale und Eigenschaften einzelner Mitglieder. Es wurde jedoch keine Figur aus dem Buch eins-zu-eins übernommen. Alle, die am Film beteiligt waren, haben aber das Buch gelesen. Danach fallen einem schon viele Parallelen zwischen Realität und Fiktion auf.

teleschau: Zum Beispiel?

Janina Fautz: Es gab zum Beispiel jemanden in der Gruppe, der viel fotografierte. Er hat auch die Stasi als Überwacher auf Schritt und Tritt abgelichtet, sie quasi zurückfotografiert. Es waren wunderbar anarchische Aktionen und Ideen, auf die diese Gruppe gekommen ist. Einige von diesen Dingen wurden im Film verewigt.

„Es beeindruckt mich, was die Leute in der DDR geleistet haben“

teleschau: Sie sind nach der Wende im Westen geboren. Wie nah oder fern ist Ihnen diese ostdeutsche Protestbewegung von vor über 30 Jahren?

Janina Fautz: Das Thema war mir schon deshalb nicht völlig fern, weil ich im ZDF-Dreiteiler „Preis der Freiheit“ eine ähnliche Figur gespielt habe. Eine junge Ost-Frau zur Wendezeit, die ebenfalls in einer Umweltgruppe aktiv war. Außerdem kenne ich privat Tim Eisenlohr, der damals Teil der Umweltbibliothek in Berlin war. Er hatte auch Kontakt zur Leipziger Gruppe, von der wir erzählen und konnte mir bei der Vorbereitung auf beide Filme sehr helfen.

teleschau: Sie sind in einem ähnlichen Alter wie die Leipziger Protestler von damals. Heute gibt es die junge Bewegung „Fridays for Future“. Sehen Sie Parallelen?

Janina Fautz: Ich sehe sowohl Parallelen als auch Unterschiede. Auch heute demonstrieren junge Leute in Deutschland für die Veränderung unseres Lebens, unserer Gesellschaft. Der Unterschied ist natürlich, dass wir heute in einer Demokratie leben. Wer jetzt in Deutschland friedlich demonstriert, bringt weder sich selbst noch seine Familie in Gefahr. Er oder sie verliert nicht den Job, auch werden einem Wege in die Zukunft, wie zum Beispiel eine gute Ausbildung, nicht verbaut. Wenn man es so betrachtet, haben die Menschen damals sehr viel mehr aufs Spiel gesetzt - was aber die Anliegen von heute nicht kleiner macht. Insgesamt beeindruckt es mich sehr, was die Leute damals in der DDR geleistet haben.

teleschau: Gibt noch andere Unterschiede zu damals, die Ihnen fremd vorkommen?

Janina Fautz: Ich bin fasziniert von den Schwierigkeiten, die man damals hatte, wenn man sich vernetzen wollte. Heute leben wir in einer digitalen Welt. Sich zu vernetzen - ob lokal oder international - ist das Normalste, was es gibt. Es ist natürlich auch legal, zumindest in der demokratischen Welt. In der DDR musste man Ende der 80-er sehr kreativ werden, um seine Gedanken unter die Leute zu bringen, um zu Demonstrationen aufzurufen und letztendlich eine Bewegung ins Rollen zu bringen. Im Film geht es auch ein Stück weit um diese Fragen. Ich finde das, gerade aus heutiger Sicht sehr faszinierend!

„Heute besteht die Schwierigkeit darin, gehört und ernst genommen zu werden“

teleschau: Also ist heute alles leichter?

Janina Fautz: Nicht unbedingt - heute besteht die Schwierigkeit darin, gehört und ernst genommen zu werden. Weil es den Leuten - noch - gut geht, ist die Veränderungsbereitschaft geringer, selbst wenn man die Welt vor die Wand fährt. Zudem gibt es heute so viele Möglichkeiten sich abzulenken oder auf andere Themen anzuspringen, dass es schwieriger ist, Menschen für eigentlich notwendige gesellschaftliche Veränderungen zu gewinnen.

teleschau: Hat „Fridays for Future“ bessere oder schlechtere Chancen, die Welt zu verändern, als die Wendebewegung in der DDR der späten 80-er?

Janina Fautz: Ich glaube, der Erfolg beider Gruppen schien am Anfang extrem unwahrscheinlich. Gerade die jüngeren Teilnehmer bei „Fridays for Future“ müssen sich immer wieder anhören, dass ihr Protest doch eh nichts bringt, weil er die Welt nicht verändern wird und dass die Mächtigen und die träge Mehrheit der Bevölkerung am Ende doch beim Status quo bleiben werden. Hätten die wenigen Aktivisten in der damaligen DDR auf diese Meinung gehört, wäre die Wende so niemals passiert. Dass aus einer kleinen Bewegung eine große werden kann, die ein ganzes Land und die Welt verändert, hat die Zeit Ende der 80-er gezeigt. Ich finde, das sollte der heutigen Umweltbewegung Mut machen. Auch jetzt kann es irgendwann mal sehr schnell gehen, wenn wir über grundlegende Veränderungen sprechen, wie wir Menschen auf diesem Planeten leben.

teleschau: Sind Sie jemand, der die Welt verändern will?

Janina Fautz: Ich glaube, dass die Welt sich verändern muss, und versuche, dazu einen kleinen Beitrag zu leisten. Ich war natürlich schon auf Demos, auch auf einigen „Fridays for Future“-Demos und ich engagiere mich in Projekten, die mir am Herzen liegen. Zum Beispiel bin ich seit einigen Jahren Botschafterin für ein Kinderhospiz, für das ich Aufmerksamkeit erzeugen möchten.

„Ich habe vor, ein Leben lang in diesem Beruf zu arbeiten“

teleschau: Sie sind 25 Jahre alt, haben aber schon eine lange Liste von Filmen, in denen Sie mitgespielt haben. Wie kam es dazu?

Janina Fautz: Ich bin mit acht Jahren in eine Agentur eingetreten und habe begonnen zu Castings zu gehen. Meine erste große Rolle bekam ich dann bei einem Casting in München, wo Joseph Vilsmaier eine Hauptdarstellerin für „Der Weihnachtsbrei“ gesucht hat. Es war ein großes Glück, dass ich diese Rolle bekommen habe und es hat mir wahnsinnigen Spaß gemacht. Danach gab es immer wieder Möglichkeiten, weitere Rollen zu spielen und so nahm die Sache ihren Lauf (lacht).

teleschau: Für jeden Kinderschauspieler ist der Übergang zum Jugend- und Erwachsenenalter ein kritischer Punkt. Bei Ihnen schien es einfach immer weiterzugehen. Oder gab es da mal eine Pause, einen Bruch?

Janina Fautz: Eigentlich habe ich das Spielen als fließenden Prozess erlebt. Ich sah meistens jünger aus, als ich war, deshalb habe ich zwischendurch immer mal wieder jüngere Figuren gespielt. Aber mit den Jahren wurden auch die Charaktere vielschichtiger und letztlich natürlich älter.

teleschau: Sie erlebten niemals eine Krise, nach dem Motto: Es muss doch noch andere Dinge im Leben geben neben der Schauspielerei?

Janina Fautz: Nein, wenn überhaupt waren das leise, theoretische Zweifel, die aber immer wieder durch neue Rollen und Projekte weggewischt wurden. Die Frage, die mich in den letzten Jahren mehr beschäftigte, war die, ob ich noch mal eine richtige Ausbildung mache. Ich habe mich im letzten Jahr dafür entschieden, mich beworben und nun studiere ich Schauspiel in Stuttgart.

teleschau: Sie sind auch ohne Schauspielschule gut im Geschäft. Warum gehen sie mit Mitte 20 noch mal den Schritt zurück zur Schülerin?

Janina Fautz: Ich habe vor sechs Jahren die Schule beendet und es danach erst mal sehr genossen, frei zu sein, mich einfach auf jedes Projekt komplett einlassen und frei wählen zu können. Doch ich habe vor, ein Leben lang in diesem Beruf zu arbeiten. Deshalb hat es mich immer mehr gereizt zu erfahren, was ich mit einer klassischen Schauspielausbildung noch aus meiner Leidenschaft, meinen Erfahrungen herausholen kann. Ich habe erst im letzten Herbst mit dem Studium angefangen. Insofern stehe ich noch ganz am Anfang damit.

„Mein Sozialleben hat sich ins Digitale verlagert“

teleschau: Durch Corona sind die normalen Wege, auf denen man normalerweise den Schauspielberuf lernt, derzeit stark eingeschränkt. Wie sieht ein Schauspielstudium in Pandemie-Zeiten aus?

Janina Fautz: Das ist natürlich schwierig. Wir hatten im letzten Jahr teilweise Präsenzunterricht, aber jetzt läuft schon seit geraumer Zeit alles digital. Auch da kann man etwas lernen, aber es ist natürlich gerade in unserem Beruf alles andere als optimal. Schauspielerei lebt vom Körper, vom Miteinander. Da ist Zoom kein adäquater Ersatz. Ich hoffe sehr, dass wir bald wieder richtig ins Lernen vor Ort einsteigen können. Sei es mithilfe von Tests, mit dem Impfen und einer Verbesserung der Gesamtlage.

teleschau: Hadern Sie damit, dass Sie ausgerechnet in dieser Zeit jung sind?

Janina Fautz: Am meisten leide ich darunter, dass ich viele meiner Freunde über ein Jahr gar nicht mehr oder zumindest nur sehr selten gesehen habe. Andererseits konnte ich arbeiten, was derzeit nicht selbstverständlich für Schauspieler ist. Filmprojekte wie dieses wurden nach einer Unterbrechung fortgesetzt. Mein Sozialleben hat sich indes ins Digitale verlagert. Das ist nicht optimal, aber ich komme damit zurecht.

teleschau: Leben Sie nun auch in Stuttgart, seit Sie dort Schauspielschülerin sind?

Janina Fautz: Ja, ich bin fürs Studium hierher gezogen. Von der Stadt habe ich außer meiner Wohnung, der Schule und den Menschen meines Jahrgangs allerdings noch nicht viel gesehen. Es hat ja alles zu oder findet nicht statt. Das meiste, was das Entdecken einer neuen Stadt ausmacht, liegt auf Eis. Mein Leben findet wie das vieler anderer Menschen vor allem am Bildschirm statt.

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