Gesichter der Stadt: Jürgen Schulenberg gründete drei Bremer Verein für Schwule und Lesben

„Ich kann Diskriminierung nicht ertragen“

Bremen. Dieser Mann hat etwas Vertrauen erweckendes: gepflegter grauer Vollbart, hellblaues Hemd, freundliches Lächeln. Entspannt sitzt Jürgen Schulenberg auf dem Sofa in seinem Altbremer Haus im Viertel.
21.06.2015, 00:00
Lesedauer: 5 Min
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Von Britta Schlesselmann
„Ich kann Diskriminierung nicht ertragen“

Jürgen Schulenberg vor dem Rat&Tat-Zentrum, das er einst mitgegründet hat. Außerdem rief er den Sportverein „Wärmer Bremen“ und den Chor „Dacapo al dente“ ins Leben.

Christina Kuhaupt

Dieser Mann hat etwas Vertrauen erweckendes: gepflegter grauer Vollbart, hellblaues Hemd, freundliches Lächeln. Entspannt sitzt Jürgen Schulenberg auf dem Sofa in seinem Altbremer Haus im Viertel. Er wirkt wie jemand, den nichts so schnell aus der Ruhe bringt – dabei gibt es durchaus etwas, was ihn ärgerlich werden lässt: „Ich kann Diskriminierung nicht ertragen. Es soll doch jeder so leben können, wie er will“, sagt er.

Diskriminierung hat der Homosexuelle selbst erlebt. Als junger Mann betreute er zu Beginn der 1980er Jahre einen Info-Stand in der Fußgängerzone. Ein Passant rief ihm entgegen: „Für euch sollte man die Gaskammern wieder anstellen.“ Diese Anfeindung hat Schulenberg bis heute nicht vergessen. Seitdem setzt er sich für die Akzeptanz gleichgeschlechtlicher Paare ein und versucht außerdem, das Leben in Bremen für Schwule und Lesben attraktiver zu machen. Er war Mitte der 80er Jahre Gründungsmitglied beim „Rat&Tat-Zentrum“, gründete vor 25 Jahren den schwul-lesbischen Sportverein „Wärmer Bremen“ sowie 1995 den schwul-lesbischen Chor „Dacapo al dente“.

Kollegen gratulierten zur Hochzeit

Trotz all dieser Aktivitäten musste der Banker zunächst überlegen, ob er mit seinem Namen in der Zeitung stehen möchte. Er war sich nicht sicher, wie seine Kunden reagieren werden. Für die Kollegen sei es dagegen kein Problem, ist er überzeugt: „Die waren vor zehn Jahren auch alle auf meiner Hochzeit.“ Geheiratet hat er im Gobelinzimmer des Bremer Rathauses – ein Tag, an den er sich immer noch gerne erinnert. Dass Schwule damals mehr für die Hochzeit zahlen mussten als andere Paare, konnte ihm nicht die Laune verderben.

Den selbstverständlichen Umgang mit seiner Homosexualität musste Schulenberg erst lernen. Er ist in Syke aufgewachsen. In der Kleinstadt kannte er niemanden, der sich offen zur Homosexualität bekannte. „Als ich es mit 16 bei mir bemerkte, da habe ich erstmal einen gehörigen Schreck bekommen“, sagt er. In der Schule hielt er seine Neigung geheim.

Als er volljährig war, machte Schulenberg den Führerschein, kaufte einen Käfer und fuhr nach Bremen. Hier suchte er im Stadtmagazin Kursbuch nach Adressen und wurde fündig: Es gab die SWAB, die Schwule Aktion Bremen. „Es war toll, Gleichgesinnte zu treffen. Für uns war die politische Arbeit sehr wichtig. Denn zu der Zeit war gleichgeschlechtliche Partnerschaft noch strafbar“, so Schulenberg.

Die erste große Demonstration des Vereins verfolgte er noch vom Straßenrand aus. „Das war mir noch zu offen“. Doch ein paar Jahre später gehörte er schon zu den Gründern des „Rat&Tat-Zentrums“: Hier sollten Schwule und Lesben eine Anlaufstelle mit Café und Beratung finden. Schulenberg arbeitete jahrelang in der Telefonberatung und sprach mit vielen Anrufern über die Angst vorm Coming-out. Er selbst hat keine schlechten Erfahrungen gemacht. Familie und Freunde reagierten fast alle positiv.

In den 1980er Jahren änderte sich in der Schwulenbewegung dann alles: Aids kam auf. Bei „Rat und Tat“ wurden kranke Mitglieder begleitet. Auch Jürgen Schulenberg machte neben seiner Arbeit bei einem Freund Sterbebegleitung. Er ist das einzige Gründungsmitglied, das nicht an Aids gestorben ist.

Heute ist der Banker im Beratungszentrum in seiner Nachbarschaft nur noch Gast. „Ich guck da gerne Fußball“, schmunzelt er. Seine Fußballbegeisterung war es auch, die vor 25 Jahren zur Gründung des schwul-lesbischen Sportvereins „Wärmer Bremen“ führte. Eigentlich sollte nämlich ein schwuler Fußballverein gegründet werden, doch es fanden sich nicht genügend Mitspieler. Stattdessen werden seitdem diverse andere Sportarten angeboten (siehe nebenstehenden Artikel).

Der Sport führte den Bremer 1994 nach New York: Er nahm an dem Breitensportwettbewerb „GayGames“ teil. „Zur Eröffnung habe ich in einem Chor mit 300 anderen vor 60 000 Zuhörern gesungen. Das war so schön. Da habe ich gedacht: Das will ich auch für Bremen“. So entstand die Idee für „Dacapo al dente“. Die Größenordnung des New Yorker Konzerts wurde zwar nie erreicht, aber immerhin sind die Sänger einmal in der Glocke aufgetreten. Für den Gründer ein echtes Gänsehautfeeling. „Tolle Akustik, tolle Räume, tolles Konzert“, schwärmt er. Jede Woche Donnerstag ist Chorprobe. Nicht alle Mitglieder sind schwul, gesucht werden derzeit noch dringend Tenöre und Bässe.

Wenn der 59-Jährige überlegt, wie sich die Schwulen- und Lesbenbewegung verändert hat, dann ist seiner Meinung nach schon viel erreicht worden. Von einer kompletten Gleichstellung sei man dennoch weit entfernt. Natürlich verfolge er auch die aktuelle Diskussion über die Ehe für alle. Zwar gäbe es wichtigere Dinge auf dieser Welt, sagt Schulenberg, „aber es ist nur eine kleine Gesetzesänderung. Ich verstehe nicht, warum man das nicht macht.“ Und wenn er darüber nachdenkt, dann wird der sonst so freundliche Mann doch ein wenig ärgerlich.

Szenenwechsel: Zwei Sportler dreschen zum Aufwärmen Bälle an die Wände. Andere Mitspieler laufen locker durch die Halle, machen Streck- und Springübungen. Jeden Sonntagabend wird in der Halle der Smidt-Schule fleißig trainiert. Volleyball steht auf dem Programm. Mit dieser Sportart ging der schwul-lesbische Sportverein „Wärmer Bremen“ vor 25 Jahren an den Start.

Der Vereinsname sei nicht nur ein Wortspiel mit Werder Bremen, er solle auch etwas aussagen, so Luzie Rave-Neumann, damit werde auf das Klischee des „warmen Bruders“ zurückgegriffen. Die 46-Jährige ist seit neun Jahren im Vorstand und trainiert gemeinsam mit ihrer Ehefrau Birgitta seit Jahren bei dem Verein. „Wir könnten natürlich auch anderswo Volleyball spielen, aber es ist schön, wenn es noch mehr gibt als den Sport, was einen verbindet“, sagt die Psychotherapeutin. Hier könnten die Mitglieder viel unbefangener miteinander umgehen.

Zuerst kamen fast nur Männer

Vor 25 Jahren hatten Schwule und Lesben noch Probleme, in anderen Sportvereinen akzeptiert zu werden. Gründungsmitglied Jürgen Schulenberg erinnert sich an die Anfänge: „Schwul war damals ein Schimpfwort. Darum wollten wir einen Ort schaffen, an dem ohne Diskriminierung Sport getrieben werden kann.“ Auch wenn sich in Sachen Gleichberechtigung viel getan habe, ist Schulenberg überzeugt davon, dass der Verein auch heute noch gebraucht wird. „Das erkennt man ja an der Homophobie in den Fußballstadien“, meint er.

Während in den Anfangsjahren hauptsächlich Männer kamen, gibt es heute ebenso viele Frauen. Rund 150 Sportler sind bei „Wärmer Bremen“ organisiert. Fast jeden Tag in der Woche gibt es ein anderes Angebot: Boxen, Badminton, Schwimmen, Tanzen, Tischtennis, Volleyball und Yoga sind im Programm. Dabei wechselt der Beliebtheitsgrad der Sportarten regelmäßig. Derzeit steht Schwimmen ganz oben auf der Hitliste. „Volleyball war schon mal beliebter“, räumt die Trainerin ein. An diesem Sonntag haben sich gerade sechs Teilnehmer in der Halle versammelt. Dem Spaß tut dies offenbar keinen Abbruch. „Ich kann von Volleyball nie genug bekommen“, meint ein Sportler und drischt den Ball übers Netz.

Im Verein seien auch andere Randgruppen willkommen, versichert Luzie Rave-Neumann. Dazu gehören in diesem Fall Transsexuelle und HIV-Positive. Die Bremerin weiß, dass der Verein eine beliebte Anlaufstelle für diejenigen ist, die erst dabei sind, sich zu outen. Aber auch Studenten und Neubremer trainieren gerne bei „Wärmer Bremen“.

Der Name sorgt gelegentlich auch schon mal für Verwechslungen: „Einmal habe ich für eine Vorstandssitzung einen Tisch in einem Lokal bestellt. Der Kellner hat mich wohl falsch verstanden und uns den besten Tisch im sehr schicken Separee gegeben – den hätten wir sonst bestimmt nicht bekommen“, schmunzelt Birgitta Neumann.

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