Auschwitz-Überlebende schildern das Grauen "Ich kann nicht vergeben, niemals"

„Danke für Ihre sehr ergreifende Schilderung“, sagt der Vorsitzende Richter Franz Kompisch. Hedy Bohm hat fast eineinhalb Stunden lang vor dem Landgericht Lüneburg ihre Erinnerungen an das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau wiedergegeben.
29.04.2015, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Wiebke Ramm

„Danke für Ihre sehr ergreifende Schilderung“, sagt der Vorsitzende Richter Franz Kompisch. Er lächelt Hedy Bohm an. Fast eineinhalb Stunden lang hat die 86-Jährige vor dem Landgericht Lüneburg ihre Erinnerungen an das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau wiedergegeben. Hedy Bohm hat Auschwitz überlebt. Sie lebt seit 1948 in Kanada, in Toronto, und spricht englisch, ein Dolmetscher übersetzt ihre Worte ins Deutsche. Nun ist sie Zeugin gegen den angeklagten früheren SS-Mann Oskar Gröning.

Gröning ist wegen Beihilfe zum Mord in mindestens 300 000 Fällen angeklagt. Über Kopfhörer hört der 93-Jährige, wie Hedy Bohms Alltag in Auschwitz aussah. Dort, wo auch er Dienst tat. Es geht es um die Zeit der sogenannten Ungarn-Aktion im Sommer 1944. Gröning soll durch seinen Dienst an der Rampe und als Buchhalter den Massenmord mit ermöglicht haben.

Hedy Bohm berichtet von ihrer Kindheit in einer kleinen Stadt in Rumänien. Ihr Vater hatte ein Möbelgeschäft. „Ich war auf dem Gymnasium, als meine Welt auseinanderbrach.“ Antisemitismus und Rassismus habe sie nicht gekannt. Die damals 16-Jährige wurde mit ihrer Familie am 31. Mai 1944 zum Bahnhof gebracht. Drei Tage und drei Nächte dauerte die Fahrt im überfüllten Viehwaggon. Es war heiß und dunkel. Ein Eimer Wasser sollte für alle reichen. „Wir haben immer noch der Propaganda geglaubt. Wir dachten, wir würden an die Grenze gebracht, um dort bis zum Ende des Krieges zu arbeiten. Wir dachten, dass wir dann wieder nach Hause kommen“, sagt sie.

Als sich die Türen der Waggons an der Rampe von Auschwitz-Birkenau öffneten, „wusste ich nicht, wo ich war“. Der Bahnsteig war voller Menschen. Babys schrien, Hunde bellten, SS-Männer mit Gewehren in den Händen brüllten. An der Rampe wurde Hedy Bohm von ihren Eltern getrennt. Sie erzählt, wie sie ihrer Mutter hinterherlaufen wollte. Ein junger SS-Mann habe sie aufgehalten. „Ich habe angefangen zu weinen und ,Mama’ gerufen“, schildert sie. „Sie hat mich gehört, drehte sich um. Wir haben uns angesehen. Sie hat nicht gesprochen, drehte sich um und ging weiter. Ich habe sie nie wiedergesehen.“ Hedy Bohm weint.

Das Mädchen musste sich nackt ausziehen. Die Haare wurden ihr geschoren. Sie beschreibt die Scham, die sie dabei empfand. Die kommenden Monate musste sie mit Hunderten anderen auf dem Boden schlafen. Betten gab es in ihrer Baracke nicht. Hedy Bohm berichtet von stundenlangen Stehappellen. Und von dem entsetzlichen Hunger. Einmal am Tag habe es ein großes Fass mit der sogenannten Mahlzeit gegeben. „Es war keine Suppe, keine, wie Sie sie jemals gegessen haben“, sagt sie zu Richter Kompisch. „Es war eine braune, fürchterliche Flüssigkeit.“ Sie habe entsetzlich gestunken, Zweige schwammen darin.

Sie berichtet von täglichen Selektionen, deren Sinn sie nicht kannte. „Wir fragten uns, ob es gut war, ausgewählt zu werden.“ Nach drei Monaten traf es auch sie. Sie kam in ein Arbeitslager ins niedersächsische Fallersleben. Wieder im Viehwaggon. In Zwölfstundenschichten arbeitete sie in einer Munitionsfabrik. Sie hatte ein Bett mit einer dünnen Matratze und einer dünnen Decke, das sie sich mit ihrer Cousine teilte. Es gab eine heiße Dusche und täglich eine „gute Suppe“. Es sei für sie wie „das Hilton-Hotel“ gewesen, sagt sie. Am 14. April, Hedy Bohm war inzwischen in ein anderes Lager nach Salzwedel gebracht worden, kam der Tag der Befreiung.

Dass sie mit ihrer Aussage helfen könnte, einen SS-Mann für die „fürchterlichen Verbrechen“ zu verurteilen, damit habe sie nicht mehr gerechnet. Hedy Bohm sagt auch: „Ich empfinde keine Rachegefühle. Aber ich kann den Mördern meiner Mutter, meines Vaters und all der Tausenden von Kindern, Frauen und Männern nicht vergeben, niemals.“ Sie kämpft mit den Tränen. „Vielleicht kann Gott vergeben. Ich kann es nicht.“

Auch die Auschwitz-Überlebende Eva Pusztai-Fahidi (89) hatte zuvor betont: „Ich habe mir niemals vorstellen können, dass einmal der Moment kommen wird, in dem ich meine Aussage vor einem deutschen Gericht mache. Es geht mir wirklich nicht um eine Strafe. Es geht mir um ein Urteil, darum, dass die deutsche Gesellschaft Stellung nimmt.“ Es gehe ihr darum, dass ein deutsches Gericht feststellt: „Es war damals ein Verbrechen, es ist heute eines, morgen und in alle Ewigkeit.“

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