Unternehmer Claus Hipp spricht über den ehrbaren Kaufmann, zu hohe Managergehälter – und übers Loslassen „Ich muss ein schlechter Manager sein“

Herr Hipp, Sie haben an der Jacobs-University zum Thema „Ethik im Wirtschaftsleben gesprochen – Der ehrbare Kaufmann“. Welche Eigenschaften muss ein ehrbarer Kaufmann mitbringen?Claus Hipp: Sein Handeln muss von ethischen Prinzipien geleitet werden. Sein Wort zählt, und seine Mitmenschen behandelt er so, wie er selbst behandelt werden will.
13.03.2017, 00:00
Lesedauer: 6 Min
Zur Merkliste
„Ich muss ein schlechter Manager sein“
Von Katharina Elsner

Herr Hipp, Sie haben an der Jacobs-University zum Thema „Ethik im Wirtschaftsleben gesprochen – Der ehrbare Kaufmann“. Welche Eigenschaften muss ein ehrbarer Kaufmann mitbringen?

Claus Hipp: Sein Handeln muss von ethischen Prinzipien geleitet werden. Sein Wort zählt, und seine Mitmenschen behandelt er so, wie er selbst behandelt werden will. Er muss langfristig denken und auf anständige Weise Geschäfte machen.

Sie sind als Münchner in Bremen. Gibt es einen Unterschied zwischen einem bayerischen und einem hanseatischen Kaufmann?

Bei der Kleidung.

Inwiefern? Meinen Sie den klassisch hanseatischen Zweireiher?

Der Hanseat hat eine blaue Jacke, mit polierten Knöpfen. Der Bayer würde wahrscheinlich einen Anzug tragen.

Und im Charakter?

Das ist schwer zu verallgemeinern, also bitte nehmen Sie es nicht allzu ernst, aber das Ehrgefühl eines hanseatischen Kaufmanns kann mitunter mit einem gewissen Stolz verbunden sein, wobei ein bayerischer Kaufmann vielleicht eher zu einem trickreichen Agieren neigen kann. Das entspricht zumindest meiner Erfahrung.

Wie meinen Sie das?

Mein Ururgroßvater war Bierbrauer, er hatte eine Gastwirtschaft und handelte mit Holz. Dann wurde ein Waldstück versteigert. Es war Winter, er hat sich mit seinem Pferd sehr früh auf den Weg gemacht. Nach ein paar Kilometern hat er festgestellt, dass die Straße zu rutschig und eisig ist und er nicht mehr weiterkommt. Er hat den Schmied aufgeweckt, hat gesagt: „Hau mir Stollen in die Eisen rein.“ Danach sagte er zum Schmied, er bekomme ein Goldstück, wenn er verspreche, dass er den ganzen Tag nicht mehr arbeite. Abends ist er wieder vorbeigekommen. Der Schmied war brav, hat nicht gearbeitet. Das Feuer war kalt. Bei der Versteigerung war der Großvater dann der einzige Bieter. Für die anderen war es auch rutschig, aber der Schmied hat nicht für sie gearbeitet. Das war pfiffig. Er hat keinem etwas Böses getan, jeder hätte früh aufstehen können.

Wenn es um Ehrbarkeit geht, geht es oft auch ums Geld. Es gibt zur Zeit Diskussionen um die Deckelung von Managergehältern bei den Dax-Konzernen. Was halten Sie davon?

Manche Gehälter scheinen doch sehr hoch zu sein. Wenn ich denke, was mir bleibt im Vergleich zu solchen Summen, muss ich ein schlechter Manager sein (schmunzelt). Aber so hoch bezahlte Manager haben oft die gleiche Aufgabe wie ich. Wenn jemand über das normale Maß hinaus Gelder bezieht, aber nicht den Erfolg bringt, den sich die Geldgeber versprechen, dann muss er entweder gehen oder vom Geld etwas zurückgeben.

Gibt es überhaupt eine gerechte Verteilung der Gehälter in einem Unternehmen?

Gerechtigkeit und Gleichheit sind unterschiedliche Dinge. Über die Gehälter von Führungskräften entscheidet meist der Aufsichtsrat. Wenn die Mitglieder des Aufsichtsrats das Gefühl haben, einer bekommt zu viel, müssen sie das Gehalt senken oder sich einen suchen, der genauso gut ist und weniger kostet.

Wer bestimmt eigentlich bei Ihnen, wie viel Gehalt Sie bekommen?

Wir sind ein Familienbetrieb mit voller Haftung. Also ich hafte mit meinem ganzen Vermögen. Abgesehen davon: Ich habe alles schon meinen Kindern weitergegeben. Trotzdem bekomme ich noch ein Gehalt, solange ich arbeite und nicht nur klug daherrede.

Wie muss ich mir das vorstellen: Verteilen Sie bei Brotzeit und Maß das Geld an die Kinder? Der eine ist besser und bekommt mehr?

Die Leistung meiner Söhne bewerte ich gleich. Der eine ist im Vertrieb und Marketing, der andere in der Produktion und im EDV. Das sind wichtige Bereiche im Unternehmen. Außerdem sind meine Kinder mutig und ehrlich genug, mir zu sagen, wenn sie glauben, dass ich etwas falsch mache.

Was ist denn der häufigste Kritikpunkt, den Sie hören?

Dass ich gewillt bin, Dinge so zu machen, wie wir Sie erfolgreich schon immer gemacht haben.

Sie sind zu konservativ.

So ist das halt, wenn man älter ist. Wir hatten zum Beispiel mal eine Krippe im Unternehmen, aber der Bürokratismus ist so stark geworden; drei Mal in der Woche musste der Kinderarzt kommen, um zu kontrollieren. Da haben wir gesagt: Jetzt reicht‘s uns. Nun haben meine Kinder gesagt: „Du kannst deine Einstellung von früher nicht weiterbehalten. Wir brauchen eine Krippe.“ Na gut, dann habe ich mich überzeugen lassen.

Nennen Sie mal drei Eigenschaften, die Sie als Chef auszeichnen.

Da müssen Sie meine Angestellten fragen.

Aber vor allem als Chef muss man doch sein Verhalten reflektieren und sich einschätzen können.

Kreativität, die Fähigkeit, schnell Entscheidungen treffen zu können und das Eintreten für das Recht – diese drei Dinge zeichnen mich aus meiner Sicht aus.

Können Sie mal ein Beispiel dafür nennen?

Bei mir gibt es keine langen Sitzungen. Jeder kann seine Meinung sagen, dann wird entschieden. Dazu muss ich aber nicht wissen, aufgrund welcher Denkprozesse jemand zu dieser Meinung gekommen ist. Was meinen Gerechtigkeitssinn angeht, so mache ich mich auch für Schwache stark, zum Beispiel für eine Mitarbeiterin, die gemobbt wird und die Kinder von zwei verschiedenen Männern hat, die Ansprüche auf jeweils eines der Kinder haben. Hier habe ich mich dafür eingesetzt, dass sie im Unternehmen nicht mehr gemobbt wird und Karriere machen kann, sodass das Vormundschaftsgericht sieht, dass sie die Kinder ernähren kann.

Nach außen pflegen Sie das Image eines familienfreundlichen Unternehmens. Wenn man sich im Internet nach Bewertungen von Mitarbeitern und Ehemaligen anschaut, heißt es, Sie seien zu hierarchisch, zu konservativ, selbst leitende Angestellte haben wenig mitzureden.

Konservativ ist nicht gleich negativ. Konservativ heißt nicht, am Schlechten festzuhalten. Im Übrigen: Was Bewertungen im Internet angeht. Diese sind natürlich ernst zu nehmen. Jedoch braucht es auch eine gewisse Anzahl an Bewertungen, damit man sie auch als repräsentativ erachten kann. Es wird immer vereinzelt Unzufriedenheit mit dem Arbeitgeber geben. Daraus sollte man aber keine allgemeinen Schlüsse ziehen.

Gerade jüngere Menschen wollen mitentscheiden, mitreden, auch Karriere machen. Aber gerade bei Ihrem Unternehmen, das von der Familie geleitet wird, ist es schwierig, weil klar ist, wer die Leitungspositionen innehat. Verschenken Sie nicht Potenzial?

Es ist die Kunst eines Unternehmers, aus seiner Mannschaft die herauszufinden, die die Fähigkeiten haben, Führungspositionen zu besetzen. Interessant ist, dass wir in unseren Ostbetrieben Frauen in Führungspositionen haben, durchweg. Im Westen bekommen wir kaum Frauen.

Was sagt mir das?

Wir denken im Osten so wie wir im Westen denken. Also an uns liegt‘s nicht.

Trotzdem sind Ihre beiden Söhne Geschäftsführer. Sie haben aber auch drei Töchter, was machen die denn?

Sie sind auch im Unternehmen tätig. Sie haben es aber abgelehnt, in Führungspositionen zu arbeiten.

Warum?

Weil sie das nicht wollten. Sie haben alle Kinder und haben andere Wertungen gesetzt. Das muss man auch respektieren.

Sie bieten in Ihrem Unternehmen aber eine Bandbreite an Arbeits- und Teilzeitmodellen an, sodass man mit Kindern gut und viel arbeiten kann. Ihre Töchter können das nicht in Anspruch nehmen?

Doch, sie arbeiten ja mit. Eine Tochter ist in der Landwirtschaft und in der Entwicklung tätig, die andere kümmert sich um das Internet, die dritte macht die Firmenzeitung.

Sie sagten mal in einem Interview, Sie lassen Ihren Mitarbeitern viel Freiraum. Steht das nicht im Widerspruch zu Ihrem konservativen Führungsstil? Können Sie das, was Sie nach außen vorleben, nicht nach innen durchsetzen?

Man kann etwas vorleben, aber natürlich nicht jedem Einzelnen seinen Weg vorgeben. Das ist die individuelle Freiheit.

Wie bekommen Sie denn mit, was Ihre Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen so beschäftigt?

Im Gespräch, das kann zum Beispiel beim Mittagessen sein.

In der Kantine? Was glauben Sie, wie ehrlich jemand beim Mittag zu Ihnen ist?

Wenn einer etwas vorgaukeln möchte, merke ich das auch mal. Zumindest haben alle die Möglichkeit, mit mir ehrlich zu reden. Mehr kann ich nicht anbieten. Meine Bürotür ist auch nicht verschlossen.

Wann planen Sie denn, das Unternehmen komplett aus der Hand zu geben, sich mit Cocktail in der Hand in die Sonne zu legen und den Ruhestand zu genießen?

Den ganzen Tag trinken kann ich nicht und so viel Sonne vertrage ich auch nicht (schmunzelt). So lange meine Kinder mich brauchen, bin ich gern dabei. Wenn ich nicht mehr gut genug bin, sagen sie mir das.

Ihre Kinder sind doch selbst schon lange erwachsen und im Unternehmen tätig. Können Sie nicht loslassen?

Natürlich kann ich loslassen. Wieso sollte ich das nicht können?

Weil Sie in zwei Jahren 80 werden und sich auch anderen Hobbys wie dem Malen oder Ihren Enkelkindern widmen könnten.

Um meine Enkelkinder kümmere ich mich, bin ein freier Mann, kann machen, was ich will. Aber es gibt halt immer Arbeit, die gemacht werden muss. Und mir macht es Freude. Wenn ich nicht loslassen könnte, hätte ich meine Kinder nicht ins Unternehmen geholt.

Das Gespräch führten Katharina Elsner und Florian Schwiegershausen.

Zur Person

Claus Hipp ist 78 Jahre alt. Er ist verheiratet, hat fünf Kinder und zwölf Enkelkinder. Nach dem Tod seines Vaters übernahm Hipp 1967 mit 29 Jahren das Unternehmen und stellte die Babykostnahrung komplett auf Bio um. Er steht morgens immer um 4.30 Uhr auf und ist bekannt für den Werbeslogan: „Dafür stehe ich mit meinem Namen“. Bis 1970 machte er eine künstlerische Ausbildung und ist seitdem auch als freischaffender Künstler tätig. Für sein unternehmerisches Schaffen erhielt er mehrere Preise.
Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+