„Ich werde mir selbst schnell langweilig“

Ihr neues Programm trägt den Titel „Berliner Republik“. Was erwartet die Besucher? Rainald Grebe: Knackige, mittelalte Menschen auf der Bühne, die versuchen, ihre Töne zu spielen, zu tanzen, zu springen und etwas zu erzählen. Das wird so der Abend werden, mit 15 neuen Songs.
22.03.2014, 00:00
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
„Ich werde mir selbst schnell langweilig“

Rainald Grebe fährt mehrgleisig: Seine musikalische Laufbahn bestreitet er solo und mit Band, dem Orchester der Versöhnung. Zudem erarbeitet er derzeit ein Bühnenstück am Schauspielhaus Hannover.

JIM RAKETE

Ihr neues Programm trägt den Titel „Berliner Republik“. Was erwartet die Besucher?

Rainald Grebe: Knackige, mittelalte Menschen auf der Bühne, die versuchen, ihre Töne zu spielen, zu tanzen, zu springen und etwas zu erzählen. Das wird so der Abend werden, mit 15 neuen Songs.

Wann kommt das neue Album?

Das bringen wir auf der Tour mit. Es ist dann zwar noch nicht im Handel erhältlich, aber bei unseren Veranstaltungen schon vorab zu kaufen.

Gibt es ein zentrales Thema?

Das zentrale Thema gibt es meistens nicht bei mir, es wird eher ein Sperrfeuer geben, das sich über die Menschen ergießt. Das ist ja immer das Schlimme: Der Rundumschlag – so etwas ist es wahrscheinlich. Es gibt aber schon ein paar zentrale Punkte: Ich werde intime Dinge über mich preisgeben, mich bis zu meinen Leberwerten offenbaren, sodass das Überwachen keinen Sinn mehr hat. Das gilt auch für meine Musiker, wir werden uns so nackt machen, dass man danach nicht mehr erfahren will.

Wird das neue Programm politischer, im Vergleich zu vorherigen?

Gesellschaftliche Themen kommen verstärkt vor, ja. Es geht beispielsweise um die letzte Steueroase Liechtenstein, um den Kokon BRD, um die Lampedusa-Flüchtlinge – um ein bestimmtes Lebensgefühl. Danach bin ich, wie immer, auf der Suche. Derzeit sammeln wir außerdem Unterschriften gegen das Internationale Freihandelsabkommen, und zwar allen Ernstes. Ein paar Tausend sind schon zusammengekommen.

Was war das bemerkenswerteste Feedback, das Sie bisher bekommen haben?

Die Rückmeldungen in unserem Gästebuch reichen von „ich will ein Kind von dir“ bis „wir sind in der Pause gegangen“. Insgesamt kommt es recht häufig vor, dass Leute es scheiße finden, was wir machen. Das versteht man nicht. Die Leute wissen anscheinend nicht, was sie erwartet oder sie haben einfach andere Vorstellungen. Aber wenn die Mehrheit so empfinden würde, wären unsere Konzerte auf lange Sicht wohl nicht so gut besucht.

Wie gehen Sie mit negativen Rückmeldungen um?

Es kommt immer darauf an. Ich bin mein schärfster Kritiker und finde es selbst manchmal schlimm, was ich da mache. Wenn ich weiß, dass die Kritik berechtigt ist, dann trifft sie mich auch. Oft ist sie aber von Erwartungen geprägt, die ich selbst nicht habe. Dann tangiert mich das nicht. Es ist insgesamt wenig sinnvoll, als Künstler jede Kritik von außen an sich heranzulassen, da vertraue ich lieber meinem eigenen Urteilsvermögen. Außerdem habe ich noch meine Band, auf deren Urteil ich mich verlassen kann.

Verhandeln Sie die Texte mit Ihrer Band?

Die Musiker sind an den Texten nicht so sehr beteiligt, die schreibe ich im Alleingang. Natürlich wird im Anschluss diskutiert. Wenn die Band sagt, diese oder jene Zeile muss noch verlängert werden, damit der Takt stimmt, dann schreibe ich halt noch drei Zeilen dazu. Insgesamt achtet die Band also eher darauf, dass das musikalische Arrangement gut ist.

Sie wurden kürzlich mit dem deutschen Weltmusikpreis „Ruth“ für Ihr „verknapptes, aber urkomisches Mosaik der deutschen Gesellschaft“ ausgezeichnet. Was inspiriert Sie beim Schreiben Ihrer Texte?

Das ist komisch, ja – gerade Weltmusik. Mich inspiriert eigentlich alles, ich verarbeite, was ich persönlich interessant finde. Mir geht es darum, das, was einem im Alltag widerfährt, am Schreibtisch in eine pointierte Form zu gießen. Im besten Fall fühlen sich auch andere davon betroffen und denken: Ja, ein schöner Satz, darauf lutsche ich gerne herum. Letztlich ist es sehr viel Arbeit, bis eine Zeile so schön ist.

In einem Ihrer neuen Songs geht es um Paare über 40. „Die Frauen erwachen, die Männer verholzen“, heißt es darin. Was hat es damit auf sich?

Diese Zeile entspricht meinen persönlichen Erfahrungen. Es mag ja täuschen, aber mir kommt es so vor, als ob es eher die Frauen sind, die sich in dieser Lebensphase verändern wollen, während die Männer auf ihrer Spule bleiben. Das habe ich schon öfters so erlebt.

Sie selbst sind jetzt 42. Was tun Sie gegen die Verholzung?

Ich glaube, das Verholzen bleibt nicht aus, das ist leider so. Dadurch, dass man im zunehmenden Alter auf einem Berg von Erfahrungen sitzt, verfällt man leicht in sich wiederholende Verhaltensweisen. Aber ich versuche, wachsam zu sein und den eigenen Schopf aus diesem Trott zu ziehen. Übertragen auf meine Kunst bedeutet dies, dass ich permanent auf der Suche bin. Derzeit arbeite ich am Theater und mache viele unterschiedliche Sachen parallel. Ich versuche ständig, mich neu zu erfinden, das ist schon fast manisch, ein Wahn. Ich werde mir selbst schnell langweilig, wenn ich merke, diesen Akkord habe ich schon achtzigtausend Mal gespielt. Nun gibt es aber so wenig Akkorde – C-Dur, F-Dur, G-Dur. Was macht man da? Sich alle sechs Wochen neu zu erfinden, wird wahrscheinlich nicht möglich sein. Auf der anderen Seite ist eine gewisse Routine auch nicht immer schlecht.

Sie verkleiden sich bekanntlich gern auf der Bühne. Haben Sie sich für den Auftritt in Bremen schon ein Kostüm rausgelegt? Es könnte sein, dass ich als Weihnachtsengel auftrete. Wir haben ja April. Genau weiß ich es aber noch nicht.

Rainald Grebe und Die Kapelle der Versöhnung sind am Donnerstag, 10. April, im Musicaltheater zu Gast. Ab 20 Uhr präsentieren sie ihr neues Bühnenprogramm „Berliner Republik“.

Seit Jahren gelingt es dem Musiker Rainald Grebe, gesellschaftliche Befindlichkeiten und Absurditäten des täglichen Lebens treffgenau auf den Punkt zu bringen. Über sein aktuelles Bühnenprogramm und das Dilemma, sich ständig neu erfinden zu wollen, sprach der 42-jährige Künstler mit Kristina Wiede.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+