23 Einsätze in diesem Jahr – dieses Pensum absolviert das Blasorchester der SAV Im Alleinmarsch

Das Blasorchester der SAV musiziert und marschiert seit 1968 regelmäßig bei Umzügen - ob mit Polka oder Ballermann-Hit.
29.05.2016, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Aumund·Vegesack. „Wir sind im Grunde das letzte Blasorchester in Bremen, das noch bei Umzügen marschiert“, stellt Detlev Schaper fest. Zum Treffen in seiner Lüssumer Wohnung hat der musikalische Leiter des SAV-Blasorchesters seinen Vater Günther Schaper, den stellvertretenden Abteilungsleiter und zweiten Dirigenten Michael Raufmann sowie Pressewart Horst-Günther Würdemann eingeladen. An 23 Einsätzen stellen die 30 Musiker des Orchesters auch in diesem Jahr wieder ihr Können unter Beweis – darunter sind die Erntefeste in Hambergen und Schwanewede und der Vegesacker Markt. Auch in Basdahl, Altenbruch, Alpstedt und auf sämtlichen Schützenfesten der Region sorgen die Blasmusiker für Rhythmus. Selbst auf dem Karneval in Düsseldorf und beim Bremer Freimarktsumzug spielte die Formation in ihren typischen schwarzen Tuchhosen und den weinroten Jacken über den weißen Hemden und Blusen bereits. Kürzlich gab es in Ritterhude ein Jubiläumskonzert zum 45-jährigen Bestehen des Orchesters.

Militärmusik zum Auftakt

Doch alle Einsätze könne die Formation gar nicht schaffen. „Mehr als zwei Auftritte an einem Wochenende kann ich unseren Mitgliedern nicht zumuten, da muss ich manchmal etwas absagen“, sagt Detlev Schaper. Anfang der 90er Jahre hielt er die musikalischen Geschicke gemeinsam mit seinem Bruder Jürgen in der Hand, ab dem Jahr 1992 übernahm er das Dirigat allein. Ab 2007 kam Michael Raufmann als zweiter Dirigent hinzu. „Wie oft musste ich den Dirigentenstab übernehmen, wenn meine Söhne mal nicht konnten“, sagt Günther Schaper und lacht. Der 82-Jährige ist heute noch aktiver Musiker des Orchesters und seit dem Jahr 2000 dessen Ehrenvorsitzender.

Über die Ursprünge des SAV-Blasorchesters weiß der Vollblutmusiker bestens Bescheid – schließlich war Schaper senior von Anfang an dabei. Der Trompeter und Sopranflötist gehörte zur Gruppe ehemaliger Militärmusiker, die sich 1968 das erste Mal im damaligen Osterholzer Schaumgummiwerk zum Musizieren trafen. Da die Blaskapelle keinem Verein angehörte und keine Uniform besaß, wurde sie von der Marinekameradschaft abfällig als „Budelmanns-pack“ bezeichnet.

Am 1. März 1970 schloss die Gruppe sich den Freien Turnern Blumenthal (FTB) an. „Die FTB hatte damals einen Spielmannszug mit Flöten und Trommeln und einen Musikzug. Der war musikalisch vielseitiger. Da wurde auch Klarinette, Trompete, Tenorhorn und Bass gespielt“, erinnert sich Detlev Schaper. Als immer mehr junge Leute in beiden Gruppen aktiv waren, habe der damalige Vorsitzende diese gedrängt, sich für eine der Formationen zu entscheiden. Das Blasorchester entstand. „Damals haben gleich mehrere Vereine um uns gebuhlt“ erinnert sich der 54-Jährige Schaper. Den Zuschlag erhielt letztlich die Sportgemeinschaft Aumund-Vegesack (SAV). Die 44 Musiker des Zugs fanden ab dem 1. Januar 1990 eine neue Heimat als „Blasorchester der Sportgemeinschaft Aumund-Vegesack“, kurz SAV-Blasorchester. „Der damalige SAV-Vorsitzende Heinz Kording liebte Musik“, erinnert sich Schaper.

Kondition gefragt

Als eigenständige Abteilung gehört das Blasorchester dem SAV und somit dem Deutschen Turnerbund an und nehme regelmäßig an Vorstandssitzungen teil. In weiteren Sportarten aktiv sind die Musiker allerdings in der Regel nicht. Was keineswegs bedeutet, dass die Kombination, ein Blasinstrument zu spielen und dabei gleichzeitig einen kilometerlangen Marsch beim Marsch hinzulegen, nicht enorme körperliche Anstrengungen erfordere. „Nach dem Marschieren bei den Umzügen hängen wir in den Festhallen ja meist zwei bis drei Stunden als Tanzkapelle hinten dran“, sagt Schaper. Während der Umzüge läuft der Dirigent der Blasmusiker in der Regel vorneweg und gibt den in Dreierreihen marschierenden Musikern bei Bedarf entsprechende Zeichen, wenn es gilt, Regenpfützen, Poller, Kleinkinder oder dazwischenlaufende Hunde elegant zu umkurven.

Während ein Kreislaufkollaps wegen zu großer Hitze nur noch selten vorkomme, ist die größte Befürchtung heute Regen. Der komme häufig vor. Klarinetten und Saxophone dürften wegen der empfindlichen Polster und Holzteile bei Regen gar nicht zum Einsatz kommen. „Die Musiker laufen dann zwar mit, aber die Instrumente bekommen einen Schlauch übergestülpt oder werden unter die Jacke gesteckt“, erklärt Michael Raufmann. Die Musikstücke würden dann trotzdem gut klingen, da Klarinette und Saxophon die gleiche Melodiestimme wie die Trompeten haben. Den übrigen Blasmusikern bliebe bei Dauerregen nichts anderes übrig, als die Instrumente ab und an umzudrehen, wenn sie voll Wasser laufen: „Das merkt man, wenn es anfängt zu blubbern“. Ein Damenstrumpf über den Öffnungen der Instrumente helfe überdies gegen Niederschlag anderer Natur – gegen Süßigkeiten, die während der Umzüge in die Menge geworfen werden.

Mit Blick auf die musikalische Genrevielfalt hat sich beim SAV-Blasorchester viel getan. Neben bewährten Klassikern wie den Lausitzer Märschen, Polkavariationen und dem River-Kwai-Marsch fanden in den letzten Jahren Medleys von Abba, den Beatles, der Ententanz oder Stimmungshits der Ballermann-Fraktion wie „Hände zum Himmel“ ihren Eingang ins Repertoire. Während das die Straßen säumende Publikum eher genügsam sei, würden die Gäste beim anschließenden Aufspielen in Hallen und Zelten nach Abwechslung verlangen, sagen die Musiker.

Damit das Orchester sich seine Virtuosität erhält, trifft man sich mit befreundeten Vereinen regelmäßig bei einem Lehrgang in Alt-Gandersheim. „Jede Gruppe probt zwei oder drei neue Stücke mit hohem Schwierigkeitsgrad. Man konzentriert sich vier Tage lang acht Stunden täglich ausschließlich auf die Musik“, erzählt Michael Raufmann. Der gebürtige Münchner stellte auch den Kontakt zu den „Münchner Bläserbuben“ her, bei denen er immer noch Mitglied ist.

Techno Tabu

Wenn neue Stücke sich als allzu schwierig herausstellten, merkten sie das schnell: „Dann nehmen wir das aus dem Repertoire, wir sind ja auch nur Amateure“. Werden neue Noten angeschafft, achten die Verlage peinlich genau darauf, dass die entsprechenden Sätze an Originalnoten erworben und keine illegalen Kopien gemacht werden. Für die Abrechnung mit der Gema wiederum seien die Veranstalter der Umzüge und Feste zuständig.

Bei allem Idealismus stört auch die Musiker des SAV-Blasorchesters etwas. „Wenn wir bei Umzügen vor oder hinter irgendwelchen Wagen positioniert werden, auf denen laute Technomusik gespielt wird, brechen wir sofort ab. Dann hören wir uns untereinander nicht mehr und kommen aus dem Takt“, erklärt Detlev Schaper.

Nachwuchs gesucht Seit einigen Monaten proben die zwischen 21 und 83 Jahren alten Mitglieder einmal wöchentlich in der Grohner Musikschule. Nachwuchs ist allzeit willkommen. Nicht nur Tubisten, sondern auch alle anderen Blasmusiker dürfen sich bei Detlev Schaper unter der Telefonnummer 0421/60 07 330 oder per Mail unter vorstand@sav-blasorchester.de melden. Nähere Informationen gibt es unter www.sav-blasorchester.de.
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