Giverny

Im Garten von Monet

Giverny. Die Schlange ist lang vor dem blumenumrankten Eingangstor. Gut, dass sich da ein prächtiger Schmetterling, ein sogenannter Segelfalter, auf einen blühenden Zweig setzt und anschließend hin und herflattert und den Wartenden Abwechslung bietet.
14.09.2014, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Die Schlange ist lang vor dem blumenumrankten Eingangstor. Gut, dass sich da ein prächtiger Schmetterling, ein sogenannter Segelfalter, auf einen blühenden Zweig setzt und anschließend hin und herflattert und den Wartenden Abwechslung bietet. Der Besucherandrang ist wieder einmal groß an diesem Nachmittag. Viele, sehr viele, wollen die Gärten und das Wohnhaus des großen Impressionisten Claude Monet in Giverny, mitten in der Normandie, besuchen.

Das Haus und der Garten von Monet (Fondation Claude Monet), die er in so vielen seiner Bilder gemalt hat, sind heute ein Museum und können besichtigt werden. Der Maler lebte von 1883 bis zu seinem Tod 1926 in seinem Haus in Giverny. „In diesem Dorf mit unvergänglichem Charme ist das Licht schöner als irgendwo anders“, beschrieb der Meister des Impressionismus den kleinen Ort.

Die Brücke über den Seerosenteich sieht aus wie in den Gemälden – und auf der Brücke lässt sich ein älterer Herr mit Strohhut fotografieren. Ein Double von Claude Monet? Nein, sagt er auf Nachfrage. Er ist einfach ein Herr, dem es offensichtlich gefällt, sich so zu kleiden wie der große Impressionist.

Claude Monet mietete das Haus zuerst an und begann den Ziergarten Clos Normand mit unzähligen Blumen zu bepflanzen. 1890 konnte er Haus und Grundstück kaufen, und 1893 erwarb er ein zweites Grundstück auf der anderen Seite der Straße hinter seinem Ziergarten.

Dort ließ er den Wassergarten mit dem Seerosenteich und der japanischen Brücke anlegen. Die größte Inspiration zum Malen erhielt Claude Monet fortan auf seinem eigenen Grundstück in Giverny.

Die exotische Garten-Landschaft spiegelt sich in Monets Bildern wider und machte ihn in Paris berühmt. Besonders bekannt sind die Motive der japanischen Holzbrücke, die er über seinen Seerosenteich bauen ließ. Das Motiv malt er immer wieder, genau wie die Seerosen selber.

Dabei fing Claude Monet seine Motive malerisch zu verschiedenen Tageszeiten, Licht- und Wetterverhältnissen ein. Bezeichnend für seine Wasser- und Seerosenbilder ist, dass sich die umgebende Natur auf der Wasseroberfläche widerspiegelt. Dadurch werden die klaren Form der Natur aufgelöst – sie fließen ineinander.

Diese verschwommene „Darstellung“ der Natur ist immer wieder in Monets Bildern zu finden. Waren Monets frühe Werke oft noch in realistischem Stil gehalten, so entstanden seit dem Ende der 1860er-Jahre Gemälde, die in ihrer stimmungsvollen Verfremdung dem Impressionismus zugerechnet werden.

Mit zunehmendem Alter betrieb der Künstler in stärkerem Maße eine Auflösung von Formen und Farben, bis hin zur Abstraktion. Auch das wird besonders deutlich in den Seerosenbildern. Das Gegenständliche löst sich in grobe Pinselstriche auf, die Farben weichen vom Original ab.

Mehr und mehr entstanden Monets „Seerosen“ auch nicht mehr vor Ort, sondern im Atelier. In den späten Ausführungen betreiben Claude Monets „Seerosen“ nicht weniger als eine Emanzipation von Form und Farbe. Das Gegenständliche ist zwar noch zu erahnen, es tritt jedoch zurück hinter ein Geflecht aus farbigen Pinselstrichen.

Monet malte die Natur so wie er sie sah und erlebte – ein Umstand, der nicht ganz frei von Ironie ist. Von Geburt an litt er an grauem Star und war extrem kurzsichtig.

Erst 1923, drei Jahre vor seinem Tod, ermöglichten ihm zwei erfolgreiche Augenoperationen, besser zu sehen. Nach Monets Tod erbte sein Sohn Michel Haus und Grundstücke. Er interessierte sich aber nicht besonders für das Anwesen, so kümmerte sich zunächst Monets Stieftochter Blanche darum. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden Haus und Garten stark vernachlässigt. 1966 erbte die Academie des Beaux Arts das Anwesen, als Michel bei einem Unfall starb.

Es passierte lange nichts, 1977 waren Haus und Gärten in einem beklagenswerten Zustand: Unkraut hatte Monets Pflanzen verdrängt, Bäume waren abgestorben, der Teich versandet, und die japanische Brücke musste abgerissen werden.

Man begann, alles wieder aufzubauen und so anzulegen, wie es Monet gestaltet hatte. Im Sommer 1980 wurde die Anlage eröffnet und ist seitdem zu einem wahren Besuchermagneten geworden: Über 500 000 Menschen besuchen den Garten des großen Impressionisten jedes Jahr.

Geht man heute durch die einzelnen Gartenbereiche, so ist wieder alles voller Beete, Blumen und Blüten. Es blüht und grünt allerorten: Der Clos Normand ist voller Perspektiven, Symmetrien und vor allem Farben.

Oft sind die Beete nach Farbe kombiniert und wachsen mehr oder weniger wild. Monet wollte, dass sich die Natur ausbreiten konnte. Das Werk des Malers Claude Monet ist ohne den Garten und die Bilder der reflektierenden Wolken im Seerosenteich kaum vorstellbar.

Das Haus, in dem Monet 43 Jahre mit den Kindern und seiner Frau gelebt hat, ist auch für Besucher geöffnet. Im Erdgeschoss finden sich der kleine blaue Salon, die Speisekammer, das Atelier, das Esszimmer mit seiner Sammlung japanischer Briefmarken und die Küche mit den blauen Fliesen aus Rouen. Im ersten Stock sind die privaten Zimmer Monets mit dem traumhaften Blick in den Garten.

Und wenn man Glück hat, entdeckt man hier bei einem Besuch sogar ein Monet-Double, das sich auf einer Bank vor den üppigen Blumenbeeten niedergelassen hat.

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