Mittelmäßiges Stück, gewinnbringend inszeniert: Alize Zandwijk widmet sich „Mädchen und Jungen“

Im Neurosengarten

Bremen. „Ich muss hier weg“, sagt Tanja immer wieder, verschwindet dann , kommt aber stets zurück. Ist auch unklar, wohin die 20-Jährige Bäckerstochter eigentlich will.
25.04.2015, 00:00
Lesedauer: 2 Min
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Im Neurosengarten
Von Iris Hetscher

„Ich muss hier weg“, sagt Tanja immer wieder, verschwindet dann , kommt aber stets zurück. Ist auch unklar, wohin die 20-Jährige Bäckerstochter eigentlich will. Und im Garten ihres Geliebten, des Strumpffabrikanten Philip, ist es ja eigentlich auch ganz lauschig, mit Pool, Grill, kühlen Getränken und allerlei Abwechslung in Form pubertierender Jünglinge und mit Neurosen behafteter Erwachsener. Ein ziemlicher umtriebiger Auftrieb also, in dem Tanjas Satz die einzige sich stets wiederholende Konstante ist.

„Mädchen und Jungen“ heißt die Komödie des niederländischen Autors Arne Sierens, die die Regisseurin Alize Zandwijk als dritte Arbeit für das Theater Bremen inszeniert hat. Als Stück ist „Mädchen und Jungen“ kein großer Wurf. Die Charaktere sind nicht sonderlich originell und ihre Probleme beschäftigen das Theater seit mehr als einhundert Jahren in dieser Form. Dass reiche Kinder emotional auch ganz schön arm dran sein können, nun, wer hätte das gedacht. Der Aufkleber „Tschechow für Fußgänger“ würde dem Stück daher gut stehen. Doch Alize Zandwijk ist es tatsächlich gelungen, aus diesem Steinbruch einen überaus amüsanten Abend aufzubauen. Ihr Rezept: Sie spielt mit der Vorhersehbarkeit der Vorlage, dreht und wendet sie und gibt den Schauspielern viel Raum, ihre Rollen zu gestalten. Dabei setzt sie eher auf eine Abfolge von Szenen als auf eine stringente Handlung.

In dem bereits erwähnten Garten treffen sie also alle aufeinander: Fabrikantensohn Gregory (Robin Sondermann) soll mit seinem Freund Bertrand (Johannes Kühn), dessen Vater Automechaniker ist, für die Abiturprüfungen lernen – gar nicht so einfach, wenn die Sonne scheint und ein (echter) Pool in der Nähe ist (Bühne: Thomas Rupert). Unmöglich wird dieses Unterfangen, als Lieske (Nadine Geyersbach) und Tanja (Lisa Guth) aufkreuzen – denn, wenn Mädchen auf Jungen treffen, macht es klick im Hirn, es wird gebalzt, gegockelt, gezickt. Sondermann und Kühn werfen sich in die (nackte) Brust, dass das Hohlkreuz kracht, Geyersbach und Guth giggeln, geben mal Küsschen, entziehen sich dann wieder. Nur der jüngere Bruder Anthony darf nicht mitmachen. Vincent Heppner verleiht ihm die Aura eines blässlichen Einzelgängers, dessen Hass auf alles und jeden bereits so tief sitzt, dass er jederzeit Amok laufen könnte. Im Moment begnügt er sich noch damit, Papas Ferrari zu Schrott zu fahren.

Und dann gibt es da noch die älteren Mädchen und Jungen. Die benehmen sich nicht wesentlich anders, nur abgeklärter – Zandwijk lässt ihre Akteure daher streckenweise wie automatisiert auftreten. Martin Baum (Philip), Susanne Schrader (Ehefrau Tilly) und Siegfried W. Maschek als Hausfreund Ludwig liefern allesamt wunderbare Kabinettstückchen angeblich erwachsenen Verhaltens ab. Es ist ein Benehmen, das in ihren jüngeren Pendants schon angelegt ist – die jeweilige Neurose braucht aber noch Zeit, um zu voller Schönheit zu reifen. Dieser Prozess hat bereits begonnen, wie die diversen Monologe belegen, die das actionreiche, auf mehreren Ebenen stattfindende Gewusel auf der Bühne dramaturgisch geschickt unterbrechen. Nadine Geyersbach als Lieske hinterlässt dabei den stärksten Eindruck: In einer nicht enden wollenden Kaskade an Sätzen berichtet sie von ersten Erfahrungen mit Drogen und Sex. Damit beweist sie einmal mehr: „Mädchen und Jungen“ ist sehenswertes Schauspielertheater. Viel Applaus gab’s bei der Premiere daher für das gesamte Ensemble.

Die nächsten Termine: 25. April, 19.30 Uhr, 17. Mai, 18 Uhr.

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