In einer anderen Welt

Seit über zwei Jahren erweckt eine vierköpfige Gruppe im Viertel kleine Wesen zum Leben. Das Figurentheater „Mensch, Puppe!“ ist ein Ort der Fantasie.
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Von Jana Euteneier und KLAAS MUCKE (TEXT)

Seit über zwei Jahren erweckt eine vierköpfige Gruppe im Viertel kleine Wesen zum Leben. Das Figurentheater „Mensch, Puppe!“ ist ein Ort der Fantasie. Mit liebevoller Arbeit an den Details der Szenen und Figuren schaffen die Darsteller vielseitige Welten. Nicht nur Kinder staunen darüber, wie lebendig dieses kleine Theater ist. Und es ist eng. Schön eng.

Augen leuchten. Immer. Erwachsene wie Kinder, die den kleinen Vorraum des Theaters betreten, scheinen die besondere Aura zu spüren, die hier herrscht. Sie sind stiller, reden miteinander behutsamer, schauen sich mit großen Augen um, die immer größer werden. An den Wänden hängen Bilder von dem, was sie erwartet, wenn sie sich das Figurentheater anschauen: Szenen aus den verschiedenen bereits inszenierten Stücken mit Stabpuppen, Handpuppen, Klappmaulpuppen, Tischpuppen, Fingerpuppen, Papiertheater, Schattenspiel – und echten Schauspielern.

Es ist die Vielseitigkeit, die Henrike Vahrmeyer, Claudia Spörri, Jeannette Luft und Leo Mosler vor gut zwei Jahren

mit ihrem Figurentheater „Mensch, Puppe!“ nach Bremen gebracht haben. In der Schildstraße im Viertel teilen sie sich das Haus mit anderen Kreativen. Es ist ein Ort des Austauschs. Das Erdgeschoss aber ist ihr Reich. Hier befindet sich auch der lange, schmale Vorraum, an dessen Ende die Theke des Cafés die Gäste zum Verweilen einlädt, bevor die Aufführungen beginnen.

Leo Mosler springt hinter der Theke in die Luft, brabbelt und blubbert – er macht Sprach- und Dehnübungen. Gleich spielt der 31-Jährige sein Solostück. Platz zum Proben und Vorbereiten suchen sich die Darsteller dort, wo gerade welcher ist – wie jetzt hinter der Theke. Auch auf der Bühne ist der Raum begrenzt. Bei mehr als drei Leuten auf der Bühne, sagen die vier Puppenmenschen, wird es langsam eng. Und wenn man Leo Mosler sieht, wie er seine Tischpuppen über die selbst gebaute Szenerie laufen lässt, zwischendurch selbst die Identitäten der Figuren in realer Gestalt annimmt, dann ist der Platz voll ausgefüllt. Und die Zuschauer sind mitten drin im schauspielerischen Spektakel.

Kommen Kindergartenkinder, passen auf die Podeste des kleinen Raumes schon mal knapp 100 Mädchen und Jungen. Stehen Vorführungen für Erwachsene an, passen 36 Stühle an dieselbe Stelle. Das sorgt für eine einzigartige Stimmung. Der Kontakt zwischen Schauspieler und Publikum ist geradezu intim.

Wenn Jeannette Luft in ihrem Solostück für Erwachsene zu spielen und zu singen beginnt, füllt die Stimme den gesamten Raum aus. Und es fühlt sich an, als sänge sie für einen ganz allein. Diese besondere Nähe zieht das Publikum unmittelbar hinein in die Geschichten, die auf der Bühne erzählt werden. Plötzlich verschwimmen die Grenzen zwischen Realität und Fiktion – eine Entführung in die Welt des Puppenspiels.

Die Fantasie leistet dabei ganze Arbeit. So sehr, dass es Jeannette Luft gelingt, ihre bloßen Hände als Puppen zu benutzen. Auf faszinierende Weise werden die Hände lebendig, zu einem Liebespaar – die eine Hand in einen weißen Handschuh, die andere in einen schwarzen gekleidet: Mann und Frau. Sie tanzen umeinander herum, machen sich leidenschaftliche Avancen, er schenkt ihr eine Rose, es knistert. Zart lupft Jeannette Luft die Fingerläufe der Handschuhe, das Liebespaar entkleidet sich, und so geht es immer weiter – die Fantasie weiß damit umzugehen. Erstaunlich, wie real, wie lebensnah mit scheinbar banalen Mitteln aus Illusionen Geschichten entstehen.

Doch was einfach aussieht, ist findig erdacht, clever umgesetzt und erbaut. Sämtliche Kulissen sind platzsparend arrangiert. Sie halten viele verborgene Details bereit, mit denen die Darsteller die Zuschauer überraschen – gestaltet von verschiedenen Ausstattern, Puppenbauern und Bühnenbildnern.

Katja Fritzsche zum Beispiel entwirft Kleider und baut Puppen für die Theatermacher. Deswegen liegen in ihrem Atelier im oberen Geschoss des Hauses diverse Notizbücher für Skizzen und Impressionen herum, an den Wänden hängen Entwürfe von Figuren, in den Regalen stapeln sich Stoffe, und auf leeren Flaschenhälsen modelliert sie aus Ton die späteren Figuren. Ganz anders als Spielzeugpuppen sehen sie aus. Statt lieblicher Gesichtszüge bestimmen markante Eigenschaften die Persönlichkeit der kleinen Fantasiewesen. Denn das Publikum soll die Charaktermerkmale auch aus den hinteren Reihen erkennen können, wenn sie wieder zum Leben erweckt werden.

Dann, wenn wieder gebannte Ruhe herrscht im Figurentheater, dessen kleiner Raum nur eine Außenwand und ein verdunkeltes Fenster entfernt vom tobenden Leben des Viertels liegt – einer ganz anderen Welt.

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