Interview mit Rammstein-Keyboarder Flake

„In uns steckt noch viel Punk drin“

Rammstein-Keyboarder Flake hat gerade sein zweites Buch veröffentlicht. Im Interview spricht er darüber, erzählt von seiner Jugend als Ost-Punk und verrät, wie seine Kinder gegen ihn rebellieren.
07.10.2017, 19:19
Lesedauer: 4 Min
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„In uns steckt noch viel Punk drin“
Von Steven Geyer
„In uns steckt noch viel Punk drin“

Schräger Vogel zwischen bösen Muskelmännern: Christian "Flake" Lorenz gibt sich als Kontrastprogramm zu seinen Bandkollegen.

Olaf Heine

Flake, in deinem neuen Buch tust du, was vielen Lesern an deinem Debüt vor zwei Jahren fehlte: Du packst über Rammstein aus.

Flake Lorenz: Nein! Beim ersten Buch habe ich einfach aufgeschrieben, was mir durch den Kopf geht, wenn ich so auf mein Leben zurückblicke. Rammstein hätte da den Rahmen gesprengt. Dieses Mal wollte ich noch ein paar Gedanken und Geschichten nachschieben und habe dafür die Band als Hintergrund genommen. Profisportler bin ich nun mal nicht. Aber Fans dürfen auf keinen Fall ein Rammstein-Informationsbuch erwarten.

Sondern?

Es geht darum, wie ich das alles sehe und was ich daraus gelernt habe. Dass es scheißegal ist, ob man irgendeinen Preis kriegt oder berühmt ist. Wenn man ein glückliches Leben führen will, ist Erfolg oder Bekanntheit der unwichtigste Punkt.

Der Schreibstil wirkt wieder sehr assoziativ.

Ja, ich habe es genauso aufgeschrieben, wie es jetzt im Buch steht. Wenn mir später etwas einfiel, was vorn hingehört hätte, habe ich es einfach hinten erzählt, statt es vorn einzufügen. Der Lektor hat nur noch etwas gekürzt. Er fand, manches sollte ich besser meinem Frisör erzählen.

Kannst du dir nicht vorstellen, dass man Fan von Flake ist, aber nicht von Rammstein?

Ja, dit gibt’s. Wobei der normale Fall ist, dass man die Musik gut findet und die Bücher totalen Quatsch.

Es könnte daran liegen, dass du als Keyboarder von Rammstein der schräge Vogel zwischen all den bösen Muskelmännern bist. Der Flake-Fan liebt vielleicht das Anarchische und Authentische an dir – wozu besser die Musik passt, die du mit der berüchtigten DDR-Punkband „Feeling B“ gespielt hast: Jungs, die sich einfach auf die Bühne stellen und loslegen – und die es schaffen, die erste Punk-LP der DDR rausbringen zu dürfen, dann aber auch im Tonstudio und bei den Texten immer nach Garage und improvisiert klingen. Rammstein ist das Gegenteil: kalkuliert, inszeniert, durchkomponiert – Kunst, auch im Sinne von künstlich.

Ich finde Rammstein sehr authentisch. Mehr noch als Feeling B. Damals haben wir uns oft keine Mühe gegeben. Rammstein ist sehr professionell, aber trotzdem echt. Wir machen nichts, was wir nicht machen wollen – und keine Dinge, die gerade modern oder „gefragt“ sind. Das merkt das Publikum.

Du schreibst nun, „Es gehört sozusagen zu meiner Figur auf der Bühne, dass ich etwas anders aussehe“ als die anderen. Klingt nicht authentisch, eher wie eine Besetzung im Theater.

Nein, ich verhalte mich ja so auf der Bühne, wie es mir vom Wesen her entspricht. Überspitzt, klar. Aber ich tue nicht so, als wäre ich ein böser Metal-Typ. Privat höre ich gar nicht so viel Metal. Ich hab gemerkt, dass die Musikrichtung gar nicht das Entscheidende ist. Verwirklichen kann man sich, wenn die Konstellation zwischen den Menschen stimmt.

Du sinnierst auch darüber, dass es oft Zufall ist, welche Musik man als Jugendlicher hört – und welche Richtung daraufhin das ganze Leben nimmt. Wann ist dir bewusst geworden, dass ihr mit Feeling B einen Teil einer ganzen Generation DDR-Jugendlicher geprägt habt?

Wie einen Bands prägen können habe ich bei mir selbst gemerkt, mit Suicide, Sisters of Mercy und Sex Pistols sowieso. Ich habe damals die Ostberliner Punks sehr bewundert, die auf der Straße rumgepöbelt haben, keine Angst hatten und die sogenannten Spießer angeschrien haben: „ihr Nazis“. Die Spießer haben dann geschrien „Vergessen zu vergasen“ oder so. Das war so ein ganz klarer Kampf, wo man sich eindeutig positionieren konnte. Ich habe mir dann in der Garderobe der Lehrlingswerkstatt Ohrlöcher stechen lassen und da selbst gebastelte Ohrringe reingeballert. Ich dachte, die ganze Stadt guckt mich an. In Wahrheit nahm keiner Notiz von mir, aber ich hielt mich für den Verrücktesten im ganzen Kiez. Dieses Gefühl trägt einen dann durch den ganzen Tag.

Gleichzeitig beschreibst du, dass man irgendwann diszipliniert werden muss, wenn die Band Ausmaße eines mittelständischen Unternehmens annimmt. Der Widerspruch des Berufsmusikers, für den der Rock zur Arbeit geworden ist?

Mit diesen Widersprüchen setze ich mich jeden Tag auseinander. Disziplin zeigt einfach Respekt den anderen gegenüber, dass man pünktlich ist zum Beispiel. Wenn man einen Qualitätsanspruch an die Musik hat, muss man sich Mühe geben. Das ist einfach so. Da muss man auch den ganzen Tag proben. Das Punkige erreicht irgendwann seine Grenze. Mit Feeling B hatten wir unseren Zenit erreicht, und konnten nicht mehr besser werden, indem wir es einfach laufen liesen. Das war unbefriedigend für uns.

Wer in der DDR durch Feeling B zum Punk wurde, hat vielleicht nie wieder völlig angepasst gedacht. Aber wohin führt Rammstein?

Durch die Wende hat sich das Feindbild geändert. Im Osten war das schön einfach: „Die da oben“ waren die Bonzen und alles Steife, Starre – da konnte man gut dagegen sein und „Scheiß Osten“ rufen. Nach der Wende war es schwierig, so einen einfachen Feind zu finden. Rammstein spricht in jedem Lied ein anderes Thema an. Am Ende geht es meistens um die Menschen an sich. Das kann man nicht mehr auf EINE Jugendaussage beschränken. Da nimmt sich jeder für sich was raus. Was alle am Ende eint, ist der Wunsch, sich mit etwas identifizieren und von den Eltern abgrenzen zu können. Dafür braucht es harte Musik. Kein Jugendlicher wird sich mit Schlager von den Erwachsenen abgrenzen wollen.

Außer Papa spielt bei Rammstein. Oder wie grenzen sich deine Kinder ab?

Stimmt, das machen die mit Hitradio, wie heißt es … Energy! Und da rege ich mich wirklich auf! Da ist Lady Gaga noch das Beste. Diese Dancemusik und solcher Quatsch, das macht mich natürlich fertig. Damit rebellieren sie sehr gut gegen mich!

Hast du Angst, dass ihr auch euren Zenit überschreitet, ohne es zu merken?

Die Gefahr besteht. Bei jeder Band, auch bei uns. Aber es ist sinnlos, ständig darüber nachzudenken, womit man Erfolg hat oder nicht. Wenn man das Tokio-Hotel-Schicksal teilt, ist es eben so.

Das Gespräch führte Steven Geyer.

Zur Person:

Christian Lorenz heißt seit seiner Kindheit Flake, was deutsch ausgesprochen wird (wie das Wikingerdorf). Er wird im November 51 Jahre alt, ist in Ost-Berlin geboren, aufgewachsen und geblieben. Bei Rammstein, der international erfolgreichsten deutschen Rockband, spielt er fast seit deren Gründung vor 23 Jahren Keyboard, Synthesizer – und den schrägen Vogel, der die harten Posen der restlichen Band gezielt bricht. Rammstein verkaufte rund 20 Millionen Tonträger. Zuvor war Flake Keyboarder von Feeling B, der ersten Punkband, die in der DDR eine LP veröffentlichen durfte. Auch davon erzählt sein just erschienenes Buch „Heute hat die Welt Geburtstag“ (S. Fischer Verlag).

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