Interview mit Regisseur Lars Kraume zu „Gott“

„Präziser als im echten Leben“

Bereits 2016 rief die ARD ihr Publikum bei Ferdinand von Schirachs „Terror - Ihr Urteil“ zur Abstimmung auf. Nun legt der Sender am 23. November mit „Gott“ nach. Regisseur Lars Kraume im Interview.
17.11.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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„Präziser als im echten Leben“
Von Alexandra Knief
„Präziser als im echten Leben“

Am 23. November läuft in der ARD „Gott von Ferdinand von Schirach“. Darin pochen Richard Gärtner (Matthias Habich, links) und sein Rechtsanwalt Biegler (Lars Eidinger) auf das Recht auf selbstbestimmtes Sterben.

ARD Degeto/Moovie GmbH/Julia Ter

Herr Kraume, vor vier Jahren ließ die ARD ihre Zuschauer bei „Terror - Ihr Urteil“ von Ferdinand von Schirach vor einem fiktiven Schwurgericht über das Schicksal eines Mannes entscheiden. Sie führten Regie bei diesem außergewöhnlichen TV-Format. Wo lagen die größten Herausforderungen?

Lars Kraume: Für mich als Regisseur sind Theaterstücke, wie Ferdinand von Schirach sie schreibt, nicht so wahnsinnig kompliziert. Die größte Herausforderung liegt bei Schirach selbst. Es sind sehr informative Stücke, in denen komplexe Sachverhalte verhandelt werden, und die muss er in 90 Minuten verständlich machen. Das Publikum wird in das Geschehen eingebunden und soll sich selbst zum Thema äußern. So trägt es selbst die Verantwortung, auch wirklich aufzupassen, sonst kann man sich über solch komplexe Themen keine Meinung bilden.

Eine gute Textvorlage bringt aber auch nichts, wenn die Umsetzung nicht stimmt...

Worauf es beim Dreh ankommt, ist möglichst nah an den Texten zu bleiben und zu gucken, dass sie von den Schauspielern so interpretiert und gespielt werden, dass man ihnen folgen kann. Die Filme werden zum Beispiel auch komplett chronologisch gedreht, damit man weiß, wo man gerade ist, wo es vielleicht hängt oder zu schnell geht.

Konnten Sie die Erfahrungen, die Sie bei „Terror – Ihr Urteil“ gemacht haben, auch bei „Gott von Ferdinand von Schirach“ anwenden?

Klar. Die Stücke sind der Form nach ähnlich, auch in ihrer „Künstlichkeit“. In Wahrheit würde ein Gerichtsverfahren wie bei „Terror – Ihr Urteil“ sich über viele Verhandlungstage, Monate, Jahre hinziehen. Auch eine Diskussion im Ethikrat wie bei „Gott von Ferdinand von Schirach“ würde ganz anders ablaufen. Guckt man sich auf der Seite des Ethikrates an, wie dort wirklich diskutiert wird, ist das mit viel mehr Ähs und Öhs und Hängern – wie Gespräche im normalen Leben eben stattfinden. Die Texte von Schirach sind auf den Punkt formuliert. Da gibt es kein Nachdenken, kein Zögern. Die Menschen formulieren präziser als im echten Leben, und deshalb bauen wir auch diese etwas überhöhten Räume im Studio. Sie sind auch ein künstlerisches Mittel, mit dem wir die Atmosphäre schaffen. Was das filmische Vokabular angeht, ist „Gott“ mit dem gleichen Minimalismus gedreht wie schon „Terror“. Schirachs Texte muss man ganz sachlich, nüchtern und ohne Musik erzählen. Alles, was den Zuschauer manipuliert ist falsch.

Wie schwer ist es, einen Film wie diesen so zu drehen, dass das Publikum an keiner Stelle beeinflusst wird?

Das ist etwas, das man sich als Regisseur trauen muss. Es ist meine Verantwortung, dass die Leute nicht den fertigen Film sehen und sagen: Das ist aber wahnsinnig langweilig. Alle Mittel der emotionalen Manipulation, die der Film kennt – Musik, Kamerabewegung, Montage – sind hilfreich. Dieses ganze Vokabular darf man sich hier allerdings nicht so sehr erlauben. Bei „Terror“ war das noch viel schwerer als bei „Gott“, weil ich damals noch dachte: ui, ui, ui, hoffentlich funktioniert das. Dieses Mal wusste ich ja schon, dass man den Stücken von Ferdinand von Schirach vertrauen kann, und dass die Leute diese Formate spannend finden. Es funktioniert auch, ohne die Zuschauer mit künstlichen Mitteln bei Laune zu halten.

Ist es schwer, die eigene Meinung komplett auszublenden?

Die Inhalte von Schirach handeln ja immer von nahezu unlösbaren menschlichen Dilemmata. Sie sind deshalb so spannend, weil man sich wirklich ganz schwer eine Meinung bilden kann. Man kann diskutieren, und dafür sind die Stücke auch da. Bei „Terror“ wusste ich wirklich nicht, wie man dieses Thema beurteilen sollte. Bei „Gott“ geht mir das ähnlich. Es ist sehr schwer, sich da eine endgültige Meinung zu bilden.

Das heißt, selbst wer vorher vielleicht denkt, sein Standpunkt stünde fest, hinterfragt diesen während des Films vielleicht noch einmal?

Ganz bestimmt! Ich finde es toll, dass die ARD dem Zuschauer zur besten Sendezeit die Möglichkeit gibt, sich innerhalb seiner Familie mit den Themen Tod und Sterben auseinanderzusetzen. Das ist nicht das, was das öffentlich-rechtliche Fernsehen jeden Abend macht.

Formate wie „Gott“ machen Fernsehen zu einem interaktiven Event. Gelingt es nur noch so, die Aufmerksamkeit der Zuschauer zu erregen?

Das glaube ich nicht. Es ist einfach nur ein sehr spezielles Format, das im Fernsehen wie auch im Theater hervorragend funktioniert. Es bindet die Leute ein und das macht ihnen Spaß. Das klassische Drama, das über Neugier und Empathie den Zuschauer an seine Hauptfigur bindet, kann das aber auch.

„Terror“, „Das schweigende Klassenzimmer“, „Der Staat gegen Fritz Bauer“ – viele der Inhalte, die Sie produzieren, sind politisch. Ist Ihnen das wichtig?

Mir ist wichtig, dass es einen spannenden Inhalt gibt, für den es sich lohnt, zwei Stunden seines Lebens zu opfern. Aber das Großartige an Filmen ist ja, dass es so viele Facetten gibt. Von den Unterhaltungsfilmen, die dafür da sind, dass wir abschalten und überhaupt nicht nachdenken, bis zu Filmen, die uns vor komplexe Probleme stellen und eher über den Kopf funktionieren als über das Herz. All das kann Film, und all das hat seine Berechtigung. Der Genrefilm – Thriller, Horror, alles, was nicht gerade Krimi oder romantische Komödie ist, hat es in Deutschland sehr schwer. Meine Kino- und Fernsehfilme sind oft der Versuch, einerseits Geschichten mit einer gewissen Komplexität zu finden, sie aber so zu erzählen, dass sie unterhaltsam und spannend sind. Zumindest versuche ich das immer.

Woran liegt es, dass Horror und Thriller in Deutschland selten gut funktionieren?

Das hat etwas mit Tradition zu tun. Wenn man das größte Genre des Kinos nimmt, den Actionfilm, dann weiß das Publikum, dass das eine Frage der Budgetgröße ist. Jeder weiß, dass das europäische Kino beim Budget des Hollywoodkinos nicht mithalten kann. Deshalb glaubt das Publikum einfach oft, dass es enttäuscht werden würde, wenn es sich auf einen europäischen Actionfilm einlassen würde. Das ist leider ein gelerntes Wissen. „Tenet“ hat über 300 Millionen Dollar gekostet. Das kann man in Deutschland einfach nicht finanzieren.

Ist das ein Problem, dass durch den Erfolg von Streamingdiensten gelöst wird?

Streaming verändert die Branche und die Sehgewohnheiten der Menschen. Es ändert auch die Märkte und die lokalen Produktion. Die Trennung des deutschen Fernsehens und des internationalen Fernsehens funktioniert da nicht mehr. Heute guckt man Serien wie „The Crown“, bei der eine Folge so viel kostet wie in Deutschland die ganze erste Staffel einer Serie. Budgets verändern sich, genauso wie die Ansprüche an die öffentlich-rechtlichen Sender.

Das Gespräch führte Alexandra Knief.

Info

Zur Person

Lars Kraume (47)

ist Regisseur, Produzent und Drehbuchautor. Aus seiner Feder stammen diverse „Tatort“-Folgen, im Kino war er mit „Das schweigende Klassenzimmer“ vertreten. Nun führte er Regie bei „Gott“.

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