Interview mit Jamie Cullum

„Ich will immer besser werden“

Der britische Singer-Songwriter Jamie Cullum hat die Corona-Pause genutzt, um ein Weihnachtsalbum aufzunehmen. Im Interview spricht er über Traditionen, Ängste und Preise, über die er sich freut.
20.12.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Nadine Wenzlick

Weihnachten bei den Cullums, wie kann man sich das vorstellen?

Jamie Cullum: Ich verbinde Weihnachten mit einem brennenden Kamin, vor dem man sich unter eine Decke kuschelt. Ich denke an vertraute Weihnachtsmusik, aber auch an Weihnachtsfilme, die ich meinen Kindern zeige. Letztes Jahr haben wir „Kevin allein zu Haus“ und „Gremlins“ geschaut, was ein großes Vergnügen war. Und natürlich gehört auch ein Tisch voller Essen dazu, an dem man zusammenkommt. Diese Gemütlichkeit und Zusammengehörigkeit ist für mich das wichtigste an Weihnachten.

Ihr Vater wurde in Israel geboren, Ihre Mutter im heutigen Myanmar. Spielte Weihnachten Zuhause eine Rolle, als Sie klein waren?

Dadurch, dass meine Eltern beide Einwanderer waren, wurde ihnen quasi beigebracht, sehr britisch zu sein. Das gehörte sich so, wenn man reinpassen wollte. Wir feierten also immer ein sehr traditionelles, britisches Weihnachten – aber das Essen verriet einem, dass da noch andere Kulturen waren. Neben dem Truthahn stand Gefilte Fisch, und die Familie meiner Mutter brachte eingelegte Limetten mit.

Heißt das, man kann sich noch so bemühen – die Wurzeln wird man nicht los?

Nein, es gibt kein Entkommen. Ich finde das super faszinierend. Mein Vater wurde in Israel geboren, aber seine Mutter war preußischer Herkunft und sprach Deutsch. Als sie in den frühen 1950er-Jahren nach England kam, traute sie sich weder, jüdisch zu sein noch deutsch zu sprechen – was dazu führte, dass sie sehr deprimiert war. Mit dem Alter wurde sie allerdings immer deutscher und jüdischer. Ihre Wurzeln kamen mit voller Kraft zurück. Deswegen ist unsere kulturelle Herkunft etwas, das ich meinen Kindern heute beibringe.

Sind Sie ein Mensch, der Traditionen mag?

Ich mag Rituale. Und Weihnachten ist ein Ritual, das die meisten Menschen verstehen, auch wenn sie sonst nicht viel mit Ritualen am Hut haben. Das führte bei mir übrigens auch zu dem Impuls, ein Weihnachtsalbum zu machen: Eine meiner Weihnachtstraditionen ist es, „The Magic Of Christmas“ von Nat King Cole rauszuholen oder die Weihnachtsalben von Ray Charles und Donny Hathaway. Und ich möchte selbst gerne Teil der Weihnachtstradition anderer Menschen werden.

Weihnachtsalben gibt es schon so viele. Was schwebte Ihnen für „The Pianoman At Christmas“ vor?

Mein Ziel war, etwas Neues an den Tisch zu bringen. Mir fallen nicht viele Weihnachtsalben aus den letzten Jahren ein, auf denen sich ausschließlich Neukompositionen befinden, die sich dabei aber trotzdem zeitlos anfühlen. Meistens werden entweder neue Songs geschrieben, die modern klingen oder alte Klassiker gecovert.

Neben fröhlichen Stücken wie „The Jolly Fat Man“ befinden sich auf dem Album auch traurige Stücke wie „Christmas Caught Me Crying“. Warum?

Das Album sollte die Vielfalt an Emotionen widerspiegeln, die wir an Weihnachten empfinden. Natürlich ist da eine Menge Freude, aber es gibt auch Menschen, die Weihnachten sehr traurig sind. Zum Beispiel, weil sie jemand Geliebtes verloren haben und an ihn oder sie erinnert werden. Auch ich muss Weihnachten immer an diejenigen denken, die ich verloren habe. Und es gibt Menschen, die Weihnachten sehr einsam sind. „Christmas Caught Me Crying“ ist ihr Song. Zumal Weihnachten dieses Jahr für viele sicher noch trauriger ist…

Wie haben Sie dieses Jahr denn eigentlich erlebt?

Es war auf vielen Ebenen eine schreckliche Zeit. Aber für mich persönlich gab es auch einen Silberstreif am Horizont. Nachdem die erste Panik etwas abgeflacht war, empfand ich die Tatsache, dass ich nicht reisen musste, als sehr angenehm. Ich habe das ganze Jahr mit meiner Frau und meinen Kindern verbracht, das fühlte sich wie ein Geschenk an. Zwischen Homeschooling und Rasenmäher hatte ich viel Zeit und war in der Stimmung, kreativ zu sein.

Für den Song „The Age Of Anxiety“, der von ihrem letzten Album „Taller“ stammt, haben Sie im September den angesehenen Ivor Novello-Award gewonnen. Bei den Grammys und Brit Awards sind Sie bisher immer leer ausgegangen. Was hat Ihnen der Preis bedeutet?

Ich denke Sie können sich die Antwort vorstellen. Der Ivor Novello-Award belohnt Songwriter für ihre Leistung und hat nichts mit dem kommerziellen Erfolg eines Songs zu tun. „The Age Of Anxiety“ ist absolut kein Hit. Der Song war nicht mal eine Single und kommt auf Spotify gerade mal auf 1,5 Millionen Streams. 20 Jahre nach Beginn meiner Karriere so einen Preis zu bekommen, hat mich sehr berührt, zumal die Jury aus anderen Songwritern besteht.

Es geht in dem Stück um Ängste und Sorgen.

Ich wollte einen Song schreiben, der mein mittleres Lebensalter widerspiegelt. Diese Zeit ist nun mal oft von Ängsten geprägt. Als ich jung war, hat man das Wort Angst nicht oft gehört. Man sprach vielleicht mal von Ängstlichkeit, aber das war’s. Angstzustände sind eine Krankheit, und heutzutage liest und hört man ständig davon. Der Song betrachtet meine eigenen Ängste, aber auch die kollektive Angst.

Sie fragen sich darin unter anderem „is my career gonna reignite“ und „will those kids know that I was somebody“. Haben Sie Angst, Ihre Karriere könnte zu Ende gehen?

Ich bin selbstbewusst und glaube an meine Karriere und mein Talent – aber jeder hat Momente, in denen die Dinge nicht so laufen, wie man es sich vorgestellt hat. Wir sind schließlich alle nur Menschen.

Sie sind letztes Jahr 40 geworden. Hat Sie das verändert?

Ich glaube schon. Ich sah immer sehr jung aus und wurde mit 26 noch auf 16 geschätzt. Das passiert heute nicht mehr, ich habe inzwischen graue Haare und Ringe unter den Augen. Ich bin verheiratet und habe zwei Kinder, die keine Babys mehr sind. Es ist mein Job, erwachsen zu sein. Das innere Kind ist noch da, aber es hat nicht mehr die Kontrolle.

Sie machen inzwischen seit 20 Jahren Musik. Was treibt Sie an?

Neugier und das Wissen, dass ich besser werden kann. Mag sein, dass einige Leute ein Weihnachtsalbum als Wegwerfprodukt sehen, aber diese Platte enthält einige der besten Songs, die ich geschrieben habe. Ich habe neulich Elvis Costello interviewt. Zu sehen, dass man wie er mit über 60 noch aufregende Alben machen kann, ist sehr inspirierend. Ich bin nicht für einen kurzen Augenblick hier. Ich will weitermachen und immer besser werden.

Das Gespräch führte Nadine Wenzlick.

Info

Zur Person

Jamie Cullum

wurde 1979 im englischen Essex geboren. Der Singer-Songwriter und Multiinstrumentalist hat gerade ein Weihnachtsalbum veröffentlicht: „The Pianoman At Christmas“, das zehn Neukompositionen zwischen Bigband-Sounds und sanften Jazz-Balladen enthält.

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