Morgen startet die 39. Literarische Woche Bremen und widmet sich dem Thema „Überwachung“

„Jeder fühlt sich davon betroffen“

Die diesjährige Literarische Woche steht unter dem Motto „Sie kennen Dich! Überwachung total“ und startet morgen. Mit dabei sind Autoren wie Alexander Krützfeld, der unter dem Pseudonym „Anonymus“ sein Buch „Deep Web“ veröffentlichte, Peter Schaar, Ex-Bundesdatenschutzbeauftrager, oder Tom Hillenbrand, der aus seinem Krimi „Drohnenland“ liest.
14.01.2015, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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„Jeder fühlt sich davon betroffen“
Von Iris Hetscher

Die diesjährige Literarische Woche steht unter dem Motto „Sie kennen Dich! Überwachung total“ und startet morgen. Mit dabei sind Autoren wie Alexander Krützfeld, der unter dem Pseudonym „Anonymus“ sein Buch „Deep Web“ veröffentlichte, Peter Schaar, Ex-Bundesdatenschutzbeauftrager, oder Tom Hillenbrand, der aus seinem Krimi „Drohnenland“ liest. Iris Hetscher hat mit Barbara Lison und Tobias Peters von der Bremer Stadtbibliothek über die Literarische Woche gesprochen.

Frau Lison, das Motto der diesjährigen Literarischen Woche hat durch die Ereignisse der vergangenen Tage unfreiwillig an Aktualität gewonnen. Hat das Auswirkungen auf das Programm?

Lison: Nicht direkt. Das Thema der Literarischen Woche wird ja jeweils schon im Sommer vorher festgelegt – wir müssen Autoren einladen, Filme und Ausstellungen müssen angefragt werden. Dabei ist es unser Anliegen, immer Literatur, Bildende Kunst und Filme zu präsentieren, die ein aktuelles Thema haben. Wir haben in den vergangenen Jahren feststellen können, dass die Kunstszenen sehr sensibel auf Themen reagieren, die in der Luft liegen.

2014 ging es bei der Woche um „Das Fremde“. . .

Lison: . . .und dieser Schwerpunkt hat sich durch das Jahr dann ja geradezu vervielfältigt in allen Gattungen. 2013 standen Geld und Gier im Mittelpunkt – auch das war ein Thema, das alle Kunstgattungen breit aufgenommen haben. Das heißt: Wir entscheiden uns für dasjenige Thema, bei dem eine interessante künstlerische Basis für die Veranstaltungen vorhanden ist.

Das Thema Überwachung liegt seit einigen Jahren in der Luft, es gibt diverse Bücher und Filme dazu. Wenn nun aktuell eine Diskussion um die Wiedereinführung der Vorratsdatenspeicherung losbricht, kann man auf einer Literarischen Woche da einfach Business as usual machen?

Lison:

Fast alle Veranstaltungen werden moderiert. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass dann auf aktuelle Entwicklungen eingegangen wird. Jemand wie Peter Schaar (der ehemalige Bundesbeauftragte für den Datenschutz Anm. d. Red.) wird sicher nicht einfach nur sein Buch vorstellen, sondern so etwas auch kommentieren.

Bei den Veranstaltungen sind ja Diskussionen geplant. Die dürften munterer werden als bei literarischen Lesungen üblich.

Lison: Das denke ich auch, weil sich jeder davon betroffen fühlt. Auch im vergangenen Jahr, als es um das Fremde ging, hatten wir sehr engagierte Debatten und sogar teilweise richtiggehend Auseinandersetzungen.

Peters: Zu den Veranstaltungen der Literarischen Woche kommen häufig Zuhörer, denen es ganz stark um das übergreifende Thema geht und nicht unbedingt nur um das eine Buch, das vorgestellt wird. Deshalb haben wir für die Veranstaltungen auch Moderatoren engagiert, die sich mit der Thematik auseinandergesetzt haben.

Ein Schwerpunkt befasst sich damit, wie sicher man sich mittlerweile noch im Internet bewegen kann. Gleichzeitig verspricht genau dieses Medium den Menschen heute ungeahnte Kommunikationschancen.

Lison:

Aber zum Beispiel längst nicht mehr überall, in der Türkei oder anderen Ländern gibt es ja massive Beschränkungen. Da muss man schon fragen: Kommt der riesige Inhalt überhaupt noch beim Adressaten an, und wenn ja, wie kommt er an? Und im Deep Web, das der Vortrag von Alexander Krützfeld am Freitag beleuchtet,

geht es neben der Kriminalität auch um Firmen- oder Forschungsdatenbanken, deren Inhalte unendlich tief verschlüsselt werden müssen, damit sie nicht frei zugängig sind. Das finde ich legitim, wenn es auch klar und offen gesagt wird.

Die Mutter aller Bücher zum Thema Überwachung ist Orwells „1984“, auf das Sie sich im Programm auch beziehen. Warum gibt es keine Veranstaltung zur heutigen Bedeutung dieses Buches, ist sein Inhalt überholt?

Peters: Das denke ich nicht, das ist schon immer noch sehr beklemmend, was Orwell schildert. Wir machen zwar keine szenische Lesung zu diesem Klassiker, aber bei der Auswahl der Autoren haben wir schon gemerkt, dass dieses Buch allgegenwärtig ist, übrigens auch in sehr vielen Feuilleton-Artikeln zum Thema Überwachung.

Nach welchen Kriterien wählen Sie die Autoren aus?

Peters: Das ist unterschiedlich. Im vergangenen Jahr war es tatsächlich ein Buch – „Europa erfindet die Zigeuner“ von Klaus-Michael Bogdal – um das wir das Programm herum gebaut haben. Dieses Jahr hatten wir diverse Themen auf der Liste, aber es war schnell klar: Überwachung wird es sein. Und dann kam die Recherche nach Autoren und Werken. Man läuft schon immer Gefahr inaktuell zu sein, wenn man etwas mit einem Vorlauf von einem dreiviertel Jahr plant. Doch bei Überwachung war das überhaupt nicht der Fall, nicht nur wegen der aktuellen Entwicklung nach dem Attentat in Paris.

Und alle Autoren, die Sie einladen wollten, haben auch zugesagt?

Peters: Fast alle. Juli Zeh ist die Ausnahme, die lebt überwiegend im Ausland und macht nur noch ganz wenige Lesungen.

Sie kooperieren bei der Literarischen Woche mit dem Institut français und dem Instituto Cervantes – dem französischen und dem spanischen Kulturinstitut in Bremen – um über den Tellerrand zu blicken?

Lison: Das ist mittlerweile schon Tradition, und ermöglicht sicher diese Horizonterweiterung: Was geschieht eigentlich in anderen Ländern in Sachen Überwachung? Aber es hat auch etwas damit zu tun, dass Lesungen vom Publikum viel besser angenommen werden, wenn sie innerhalb eines Festivalrahmens stattfinden – außer Sie können einen Superstar aufbieten. Von daher sind die Institute sehr interessiert daran, sich mit ihren Autoren bei der Literarischen Woche zu präsentieren und so ein größeres Publikum anzusprechen.

Innerhalb der Literarischen Woche wird der Bremer Literaturpreis verliehen. Dieses Jahr werden mit Marcel Beyer und Nadja Küchenmeister zwei Lyriker ausgezeichnet. Das ist ein großer Kontrast zum sehr geerdeten Thema der Woche.

Lison: Das war von der Jury nicht so beabsichtigt. Allerdings war es nach den diversen Preisträgern der vergangenen Jahre, die für Prosa ausgezeichnet wurden, schon so, dass die Jury sich vorgenommen hatte, ein spezielles Augenmerk auf die Lyrik zu haben.

Das heißt, Lyrik war einfach mal wieder dran?

Lison: Nein, so einfach macht es sich die Jury nicht. Lutz Seiler war zwar 2004 der letzte Autor, der für seine Gedichte den Preis bekommen hat. Das Charakteristikum des Bremer Preises ist ja, dass er neue und besondere Entwicklungen in der Literatur herausstellen soll und dabei auch noch nicht arrivierte Autoren berücksichtigt, wie damals Sasa Stanisic oder Clemens Seitz, die heute etabliert sind.

39. Literarische Woche Bremen, 15. bis 27. Januar. Informationen und Programm unter www.literarische-woche.de

. Verleihung des Bremer Literaturpreises: 26. Januar

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