#Rasierklinge, #wertlos, #Selbstmord Jugendliche zeigen ihre Selbstzerstörung im Internet

In dem sozialen Netzwerk Instagram veröffentlichen Jugendliche Bilder davon, wie sie sich dünn hungern und selbst verletzen. Ein öffentliches Zeugnis der Selbstzerstörung. Die Jugendlichen brauchen Hilfe – aber die Betreiber schauen weg.
15.03.2015, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Ruben Rehage

In dem sozialen Netzwerk Instagram veröffentlichen Jugendliche Bilder davon, wie sie sich dünn hungern und selbst verletzen. Die Bilder sind ein öffentliches Zeugnis der Selbstzerstörung. Die Jugendlichen brauchen Hilfe – aber die Betreiber schauen weg.

Das Mädchen sieht freundlich aus, hübsch, sie hat dunkles Haar, ein Lächeln, das Grübchen in ihre Wangen zeichnet und große, vom Lidstrich schwarz umrandete Augen. Und sie hat Arme, die übersät sind von Narben. Lange, dünne Linien auf ihrer Haut, jede ein Schnitt, den sie sich offensichtlich selbst zugefügt hat. Ein Relief des Selbsthasses.

Das Mädchen findet man bei Instagram. Sie schreibt, dass sie 13 Jahre alt ist, und als Datum für ihren Selbstmord nennt sie den 5. Oktober. Wenn das stimmt, hat sie noch knapp sieben Monate zu leben. Sie ist nur eines von vielen Mädchen und Jungen, die ihre Selbstzerstörung mit der Welt teilen. Das Internet ist schon immer ein Ort gewesen, an dem Jugendliche sich zu sogenannten Communities zusammenfinden. Eine dieser Gemeinschaften ist die Pro-Ana-Bewegung, die sich über Anorexie, also Magersucht, austauscht.

Anfangs trafen die Mitglieder sich in Foren und schrieben sich gegenseitig lange Texte. Inzwischen ist die Pro-Ana-Bewegung visuell geworden. Jungs und Mädchen laden auf Instagram Bilder von ihren abgemagerten Körpern hoch, von Narben, aufgeritzter Haut und von Blut. Die Suche nach Aufmerksamkeit, der Schrei nach Hilfe ist digital geworden, ästhetisiert und in Szene gesetzt. Eine Kultur der öffentlichen Selbstzerstörung.

Neue Richtlinien, aber keine Veränderung

Das Bild eines Handgelenks, zwei Narben sind zu erkennen und die auf die Pulsader geschriebenen Wörter: „Schneide mich auf!“ Das Mädchen hat unter das Bild geschrieben: „Okay, heute Nacht werde ich schneiden. Ich will sterben.“ 46 Menschen haben auf „Like“ geklickt.

Anfang 2012 hat Instagram die Suche nach den entsprechenden Hashtags eigentlich blockiert. Der Anlass war #thinspiration: Der Hashtag brachte Instagram und andere soziale Netzwerke weltweit negativ in die Schlagzeilen. Das Wortspiel setzt sich zusammen aus den englischen Wörtern „thin“ (dünn) und „inspiration“ (Inspiration) und wurde zum digitalen Schlagwort der Magerkultur. Junge Menschen motivierten sich gegenseitig zum Hungern, durch alle sozialen Netzwerke hindurch fand und findet man unter #thinspiration Bilder abgemagerter Körper. Und dazu Tipps, wie man noch mehr abnehmen kann: Schlag dir in den Bauch, wenn du Hunger hast, zum Beispiel.

Instagram reagierte und verabschiedete 2012 neue Richtlinien für die Nutzung: Man wolle eine „positive und gesunde Gemeinschaft“ sein und selbstzerstörerische Inhalte nicht zulassen. Zwar kann man die Beiträge als unangemessen melden, bei der Suche nach den Hashtags öffnet sich eine Warnmeldung, und Instagram verweist auf eine Seite, wo Betroffene Hilfe finden. Aber passiert ist eigentlich nichts. Das Mädchen findet man trotzdem – auch noch über zwei Wochen, nachdem es gemeldet wurde.

Ein eigener Hashtag für Selbstmord

„Statt einander zu helfen bestärken die Betroffenen sich noch gegenseitig“, sagt Jasmin Hemicker, Vorsitzende von Hungrig-Online e.V., dem größten deutschsprachigen Selbsthilfe-Angebot zum Thema Essstörungen, in einer Broschüre des Bundesministeriums für Familien. Wichtig sei es aber, die Jugendlichen nicht alleine zu lassen: „Den Betroffenen muss mit positiven Beratungsangeboten geholfen werden.“

Aufgehört hat die Bewegung wegen der neuen Richtlinien nicht – sie reagierte kreativ. Man suchte sich neue Hashtags, die ein bisschen kryptischer daherkommen, aber nicht weniger einfach zu finden sind. Aus #thinspiration wurde #thynspiration. Die Suche nach dem Hashtag #sue, eine Abkürzung für #suicide, also Selbstmord, ergibt über 1,3 Millionen Ergebnisse. Nicht alle davon sind Bilder mit grausamem Inhalt. Aber viele.

Auf dem neuesten Bild zeigt das Mädchen seinen Oberschenkel. Seine Haut ist von der Hüfte ab bis zum Knie übersät von blutigen Linien. Hashtags: #wertlos, #Rasierklinge, #Selbstmord, unter anderen. Eine andere Nutzerin schreibt darunter: „Vor vier Monaten ging es mir genau wie dir. Aber ich bin hier und es geht mir gut. Dir wird es auch gut gehen.“

Das Mädchen antwortet: „Danke.“ Die Nutzerin schreibt noch mal: „Wenn es dir hilft: ich finde wirklich, dass du sehr schön bist! Wenn du irgendetwas brauchst, melde dich.“ Auch ihr Profil ist voller Bilder von geritzten Armen. Noch sieben Monate.

Der Autor absolviert derzeit die Henri-Nannen-Journalistenschule in Hamburg. Die Bilder zum Text zeigen wir bewusst nicht in Farbe.

Hier gibt es Hilfe:

  • www.hungrig-online.de ist das größte deutschsprachige Selbsthilfeangebot im Internet zum Thema Essstörungen. Das Forum wird von Ehrenamtlichen betreut.
  • Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung bietet unter der Telefonnummer 02 21 / 89 20 31 ein Beratungstelefon für Betroffene und deren Angehörigen an. Auf www.bzga-essstoerungen.de findet man außerdem eine Suchfunktion, um Anlaufstellen in der Nähe zu finden – auch in und um Bremen
  • Gewitterziegen e. V., Beratungs- und Bildungszentrum für Mädchen und junge Frauen, Bremen, Sedanstrasse 8, www.gewitterziegen-bremen.de
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